Mises, Ludwig von

Ludwig von Mises Institute (CC BY-SA 3.0)

Von Leland B. Yeager mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

Ludwig von Mises (1881-1972) war der führende Österreichische Ökonom seiner Generation. Ihm wurden mehrere Ehrendoktortitel verliehen und er wurde mit einer Feier zum 50. Jahrestag seines Doktortitels in besonderem Maße geehrt. Bei der gleichen Gelegenheit entstand zu seinen Ehren eine Festschrift; eine weitere wurde an seinem 90. Geburtstag in zwei Bänden veröffentlicht. Die American Economic Association ernannte ihn 1969 zum Distinguished Fellow. Die Redakteure des Liberty-Magazins wählten ihn in ihrer Januarausgabe 2000 zum „Libertarian of the Century“.

Mises wurde in Lemberg, damals Teil des österreichisch regierten Polens, heute ukrainisch, geboren und verstarb in New York City. Sein Vater war Eisenbahningenieur im öffentlichen Dienst; sein jüngerer Bruder Richard wurde ein bedeutender Professor für angewandte Mathematik und verwandte Gebiete. Mises kam 1900 an die Universität Wien, wo er 1906 in Rechts- und Wirtschaftswissenschaften promovierte. Er besuchte das Seminar des renommierten Ökonomen Eugen von Böhm-Bawerk, bis er 1913 Universitätsdozent wurde. Von 1913 bis 1934 lehrte er als (mehr von den Studenten als der Universität bezahlter) Privatdozent und wurde 1918 Außerordentlicher Universitätsprofessor. Von 1909 bis 1938 war er Wirtschaftsberater bei der Wirtschaftskammer Wien, einer halbstaatlichen Organisation. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als Artillerieoffizier, und am Ende des Krieges war er kurzzeitig Direktor der Österreichischen Reparationskommission am Völkerbund. Nachdem er, unterstützt durch ein Rockefeller-Stipendium, im Jahre 1926 in den USA gewesen war, gründete er das Österreichische Institut für Konjunkturforschung. Darüber hinaus leitete er während seiner Zeit bei der Wirtschaftskammer ein zweiwöchentliches Seminar, dessen Teilnehmer später bedeutende Ökonomen oder Rechts- und Politikphilosophen wurden, darunter Friedrich A. Hayek, Fritz Machlup, Gottfried Haberler, Oskar Morgenstern, Alfred Schütz, Felix Kaufmann, Eric Voegelin, Georg Halm und Paul Rosenstein-Rodan.

1934 nahm Mises einen Lehrauftrag am Institut universitaire de hautes études internationales in Genf an. Er behielt, mit reduziertem Gehalt, seine Stelle bei der Wirtschaftskammer Wien und kehrte gelegentlich dorthin zurück. Nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland wurde Mises sofort entlassen. Im Sommer 1940, nach Hitlers Sieg über Frankreich, ließen sich Mises und seine Frau Margit (die er 1938 geheiratet hatte) in New York City nieder, wo sie bis zu ihrem Tod lebten. Im Januar 1946 wurde er US-Bürger. Nachdem Leonard Read 1946 die Foundation for Economic Education in Irvington-on-Hudson gegründet hatte, wurde Mises einer ihrer Mitarbeiter und hielt dort bis 1972 Vorträge. In seinen frühen Jahren in New York kam Mises dank eines Stipendiums des National Bureau of Economic Research, kleineren Forschungsstipendien, seiner Arbeit als Berater der National Association of Manufacturers und gelegentlichen Lehrstellen (u.a. 1942 eine Gastprofessur an der National University of Mexico) über die Runden. Von 1945 bis zu seiner Pensionierung im Mai 1969 war er Gastprofessor an der New York University (NYU). 1948 gründete er in Erinnerung an sein berühmtes Wiener Privatseminar ein ähnliches in New York, das sich jeden Donnerstagabend für zwei Stunden traf, zuerst an der Graduiertenschule in Lower Manhattan und später am Washington Square. Prominente Teilnehmer waren Murray Rothbard, Israel Kirzner, Henry Hazlitt, Bettina Bien Greaves, George Reisman, Ralph Raico, Laurence Moss und Hans Sennholz.

Mises‘ Lehre an der NYU wurde fast ausschließlich durch Stiftungsgelder finanziert, nicht von der Universität. Dass Mises weder in Österreich noch in den USA eine reguläre Vollzeitprofessur erhalten hat, hat zu einiger Spekulation geführt. Er selbst deutete häufig an, dass der Grund Vorbehalte gegen klassische Liberale waren. Eine andere Erklärung ist Antisemitismus. Aber auch sein Wunsch, New York nicht zu verlassen, schränkte seine Möglichkeiten ein. Obwohl er laut einigen ein schwieriger Zeitgenosse sei – intolerant gegenüber Kollegen, die in seinen Augen falsch lagen –, befanden jene, die an seinen Seminaren teilnahmen, dass er jungen Studierenden in seinen Seminaren gegenüber freundlich ermutigend war. Denn, so erklärte Mises immer, viele große Ökonomen hätten diesen oder jenen Fehler auch schon gemacht.

1947 gründete Mises zusammen mit Wilhelm Röpke, Walter Eucken, Frank Knight, Milton Friedman, Frank D. Graham, Henry Hazlitt, Karl Popper, Michael Polanyi und anderen bedeutenden Wissenschaftlern unter der Leitung von Friedrich A. Hayek die Mont Pèlerin Society. Die Gesellschaft, die nach dem Ort in der Schweiz, wo die Society zusammentraf, benannt ist, ist eine internationale Vereinigung von klassisch Liberalen und Wirtschaftskonservativen. In den ersten Jahren war sie eine Quelle der gegenseitigen moralischen Unterstützung für Anhänger einer damals missverstandenen und eher wenig verbreiteten Philosophie.

Mises‘ früheste akademische Schriften umfassen zwei Werke der Wirtschaftsgeschichte. Er veröffentlichte 1912 die Theorie des Geldes und der Umlaufmittel wo er versuchte, die Theorie von Angebot und Nachfrage auf Geld anzuwenden. Das Werk vertiefte das Verständnis der Quantitätstheorie des Geldes und der Kaufkraft-Paritätstheorie der Wechselkurse und erklärte die verschwenderischen Folgen der Inflationspolitik.

Nation, Staat und Wirtschaft (1919) warnte vor einem übermäßig harten Frieden nach dem Ersten Weltkrieg sowie vor dem Revanchismus der Besiegten. Es untersuchte die Hintergründe des Krieges, einschließlich der sprachlich-ethnischen Bedingungen in Österreich-Ungarn und Deutschland, die das Gedeihen der Demokratie in diesen Ländern behindert hatten. Das Buch zeigt Mises als einen wahren klassisch Liberalen und Demokraten, nicht als Konservativen: Er lobte die Ideale der Französischen Revolution und der letztlich gescheiterten deutschen Nationalversammlung, die 1848-1849 in Frankfurt tagte; er verachtete die Erbfolgemonarchie und das Privileg.

1922 veröffentlichte Mises Die Gemeinwirtschaft, eine Erweiterung seines Artikels „Die Wirtschaftsrechnung im sozialistischen Gemeinwesen“ von 1920. Er erläuterte, warum zentrale Planer scheitern würden, den Wert von Produktions- und Konsumgütern korrekt einzuschätzen und die Ressourcen rational zu nutzen. Obwohl F. A. Hayek sich später an der Ausarbeitung und Klarstellung dieser Analyse beteiligte, schienen die meisten Ökonomen die Analyse mit absichtlicher Sturheit zu missverstehen, bis der Zusammenbruch der Sowjetunion schließlich eindeutig zeigte, dass Mises Recht hatte.

Liberalismus erschien 1927, Kritik des Interventionismus 1929. Weiters publizierte Mises drei Bücher, die sich mit methodologischen Fragen auseinandersetzten: Grundprobleme der Nationalökonomie (1933), Theory & History (1957) und The Ultimate Foundation of Economic Science: An Essay on Method (1962) – ins Deutsche übersetzt als Theorie und Geschichte: Eine Interpretation sozialer und wirtschaftlicher Entwicklung beziehungsweise als Die Letztbegründung der Ökonomik: Ein methodologischer Essay. In diesen Werken versuchte Mises eine Begründung und Verteidigung dessen, was häufig abwertend als „Elfenbeinturm-Theorie“ bezeichnet wird. Mit seinen Büchern wollte er die Unterschiede zwischen Wirtschaftstheorie auf der einen und historischer und statistischer Forschung auf der anderen Seite aufzeigen. Sein Werk Die Bürokratie, im englischen Original 1944 erschienen, ist keine bloße Verurteilung der Bürokratie, sondern eine pointierte Analyse des unvermeidlich bürokratischen Charakters von staatlichen und einigen verwandten Organisationen. Mises erklärte hier die notwendige Unterscheidung in der Unternehmensführung zwischen gemeinnützigen und gewinnorientierten Organisationen. Dieses kleine Buch ist eine umfassende Darstellung der Logik der Marktwirtschaft. Im Namen des Staates, oder Die Gefahren des Kollektivismus, die deutsche Übersetzung des ebenfalls 1944 erschienen Omnipotent Government: The Rise of the Total State and Total War, warnt vor den Gefahren eines allmächtigen Staates und zeigt, dass Nazismus und Faschismus keine Auswüchse des Kapitalismus, sondern Varianten des Sozialismus sind.

Mises erweiterte seine Nationalökonomie von 1940 zu seinem englischsprachigen Magnum Opus Human Action (1949, überarbeitet 1963 und 1966). Als weitere Ausarbeitung seiner Untersuchungen in der Erkenntnistheorie und den Methoden der Sozialwissenschaften deckt diese umfangreiche Arbeit das gesamte Spektrum der Ökonomik und darüber hinaus ab. The Anti-Capitalistic Mentality (1956), welches im Deutschen als Die Wurzeln des Antikapitalismus veröffentlicht wurde, untersucht die psychologischen Ursprünge der Abneigung gegenüber dem Markt und Profit. Obwohl ein vollständiger Überblick über Mises‘ Schriften und Artikelsammlungen hier nicht möglich ist, sollte man auch Profit and Loss (1951), Planning for Freedom (1952), The Historical Setting of the Austrian School of Economics (1969) und Money, Method, and the Market Process (1990) nennen. Das Buch Erinnerungen von Ludwig v. Mises, welches 1940 verfasst und erst 1978 publiziert wurde, ist ebenfalls erwähnenswert.

Auch wenn man vielleicht nicht mit allen ökonomischen Lehren von Mises‘ übereinstimmt, so kann man doch nicht anders als von seinem Lebenswerk beeindruckt sein. Mises präsentierte die Wirtschaftstheorie auf umfassende und integrierte Weise als nur einen Teil, wenn auch den Hauptteil, der umfassenderen Wissenschaft des menschlichen Handelns, welche er Praxeologie nannte. Mises setzte sich für die Vernunft und gegen die bloße Verwendung von Intuition und Emotion ein; er entlarvte die Absurdität des Polylogismus, welcher besagt, dass verschiedene Nationen, Rassen und Klassen (und Geschlechter, wie man heute hinzufügen könnte) unterschiedliche Logik, Rationalität und Wahrheit haben. Er widerstand der Trivialisierung der Ökonomik in Form mathematischer Beschreibungen imaginärer statischer Gleichgewichte oder Optimalpositionen, die der Maximierung bekannter Funktionen unter bekannten Einschränkungen entsprechen. Er erkannte, dass eine realistische Ökonomik mit Unsicherheit, Veränderung, Sparen, Kapitalbildung, unternehmerischer Entdeckung und der Schaffung von Chancen sowie der notwendigen disziplinarischen Wirkung von Gewinn und Verlust zu tun hat. Die Ökonomik erklärt die harmonische Koordination dezentraler Entscheidungen und Handlungen von Individuen, die ihre eigenen diversen Ziele verfolgen. Soziale Kooperation ist Mises‘ Begriff für das Rahmenwerk friedlicher und produktiver Interaktion, das es dem Einzelnen ermöglicht, Gewinne aus dem Handel (im weitesten Sinne des Wortes) zu erzielen. Die Anforderungen sozialer Kooperation dienen als Grundlage für Mises‘ ethische Theorie, die eine Version des Utilitarismus ist.

In der Politik setzte sich Mises für Laissez-faire und hartes Geld ein. Er zeigte, dass falsch verstandene, aber häufig populäre ökonomische Interventionen tendenziell die Situation verschlimmern, also den eigentlichen Zielen zuwiderlaufen, und Situationen erzeugen, die Rufe nach weiteren Interventionen laut werden lassen. Er warnte vor übermäßiger Regierungsmacht und imperialistischem Nationalismus. Aber er war kein Anarchist: Er erkannte die Notwendigkeit einer Regierung, die angemessen zurückgehalten wurde. Er war auch kein Apologet des Big Business oder der Reichen und Privilegierten. Im Gegenteil, seine aufrichtige Sorge für die einfachen Menschen schimmert immer wieder in seinen Schriften durch.

Weiterhin ist Mises große Inspirationsquelle für neue Generationen Österreichischer Ökonomen und Wissenschaftlern. Er wäre entsetzt über die Bemühungen einiger seiner Schüler – glücklicherweise nur einer kleinen Minderheit –, posthum einen Keil zwischen ihn und Friedrich A. Hayek zu treiben, der schließlich viel von ihm gelernt, ihn respektiert und kreativ in derselben Tradition gearbeitet hatte.

Schließlich verdient Mises Anerkennung für seine Courage, kompromisslos und unter Inkaufnahme seiner eigenen Karriere, Forschung, Lehre und Schreiben mit dem Ziel fortzusetzen, dass die Wahrheit in der langen Frist obsiegen sollte. Obwohl er die Früchte seiner Bemühungen selbst nicht gänzlich miterlebt hat, beginnen er und seine Ideen nun die Anerkennung zu gewinnen, die sie verdienen.

Weiterführende Literatur

Mises, Ludwig von, Liberalismus, Sankt Augustin: Academia Verlag (2006). Auch abrufbar auf http://docs.mises.de/Mises/Mises_Liberalismus.pdf.

Mises, Ludwig von, Human Action: A Treatise on Economics, Indianapolis: Liberty Fund (2007).

Mises, Ludwig von, Erinnerungen: von Ludwig von Mises, Stuttgart und New York: Gustav Fischer Verlag (1978). Auch abrufbar auf http://docs.mises.de/Mises/Mises_Erinnerungen.pdf.

Leland Yeager

Prof. Leland Yeager war Professor für Volkswirtschaftslehre an der Auburn University. Er gilt als Mitbegründer der sog. Virginia School of Economics. Yeager studierte am Oberlin College und promovierte an der Columbia University. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehörten Geldpolitik und internationaler Handel. Er starb 2018.