Anarchismus

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Von Dr. Stefan Blankertz.

Der Begriff

Der Begriff „Anarchie“ leitet sich vom altgriechischen ἀναρχία (anarchia) ab und bedeutet Nicht-Herrschaft. αρχία (archia) meint die Herrschaft in Monarchie (Herrschaft eines Einzelnen) oder Oligarchie (Herrschaft einer Gruppe) und unterscheidet sich von κρατός (kratos) in Demokratie (Macht des Volkes) und Aristokratie (Macht der Besten). Anarchie war von der Wortlogik her nie gleichbedeutend mit Chaos (χάος). Ein positiver Gebrauch des Wortes „Anarchie“ begegnet zum Beispiel bei Immanuel Kant: Anarchie ist „Gesetz und Freiheit ohne Gewalt“ (Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, 1798). Wolfgang Goethe: „Warum mir aber in neuster Welt / Anarchie gar so wohl gefällt? / Ein jeder lebt nach seinem Sinn“ (Zahme Xenien 4, 1821). Oder Ludwig Börne: „Freiheit geht nur aus Anarchie hervor“ (Aphorismus, 1822).

Anarchismus als politische Theorie und Bewegung: Europa und Lateinamerika

Als politische Theorie wurde der Anarchismus von Pierre-Joseph Proudhon (1806-1865) entwickelt. Mit dem Begriff grenzte er sich um die Mitte des 19. Jahrhunderts sowohl von den konservativen Verfechtern des Ancien Régime als auch von den etatistischen Revolutionären ab. Leider ist von ihm vor allem die Formel „Eigentum ist Diebstahl“ bekannt, die meist so missverstanden wird, als habe Proudhon Eigentum grundsätzlich abgelehnt. Das Gegenteil trifft zu. Im Wort „Diebstahl“ ist, was Proudhon als Dialektiker durchaus bewusst war, Eigentum begrifflich vorausgesetzt. Als „Diebstahl“ kennzeichnete er das Eigentum, das unter der Oberherrschaft der staatlichen Interventionen in die Sozial- und Wirtschaftsstruktur entsteht. Sein Gegenentwurf sah eine genossenschaftliche Organisation der Arbeit vor, wobei die Genossenschaften ganz ohne jede staatliche Intervention handeln können. Da „Anarchismus“ in der Folgezeit oft mit Terrorismus gleichgesetzt wurde, nannten sich die Anhänger Proudhons alternativ „Mutualisten“ oder „Föderalisten“. Einen starken Impuls hin von der Theorie zu einer politischen Bewegung erhielt der Anarchismus in Europa, weil der russische Revolutionär Michael Bakunin (1814-1876) die Ideen Proudhons aufgriff. Bakunin wurde zum Gegenspieler von Karl Marx und dem Staatssozialismus aller Couleur. Präzise sagte Bakunin voraus, welche totalitäre Form eine marxistische Revolution annehmen würde. Eine entschieden individalistische Richtung des Anarchismus berief sich auf Max Stirner (1806-1856) und seine Schrift „Der Einzige und sein Eigentum“ (wobei Stirner selber sich nie als Anarchist bezeichnete). Auf ihn stützte sich in seinem Spätwerk auch einer der wenigen „konservativen“ Anarchisten in Deutschland, Ernst Jünger (1895-1998).

Die stärksten europäischen Bewegungen des Anarchismus gab es in der Ukraine, wo die anarchistische Bauernarmee unter Nestor Machno (1888-1934) 1920-1922 von den Bolschewisten besiegt wurde, sowie in Spanien, wo Anarchisten bei der Abwehr des Faschismus 1936 eine führende Position einnahmen, aber sabotiert von den Stalinisten 1939 gegen General Francisco Franco unterlagen. Von Spanien ausgehend verbreitete sich der Anarchismus auch in einigen lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien. Einen Einfluss erlangte er darüber hinaus auf den Zionismus und die Kibbuz-Bewegung in Israel.

Anarchismus als politische Theorie und Bewegung: USA

In den USA schloss der Anarchismus unmittelbarer als in Europa an den Liberalismus besonders von Thomas Jefferson und den Anti-Federalists (Gegner der Bildung einer zentralstaatlichen Union nach der Amerikanischen Revolution) an. Als das Erbe Jeffersons in der Auseinandersetzung zwischen zentralstaatlichen Gegnern der Sklaverei und den Befürwortern der Sklaverei, die für lokale Selbstverwaltung (der Weißen) eintraten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts zerbrach, entstand der US-amerikanische Anarchismus. Die US-amerikanischen Anarchisten verstanden Proudhon nicht als Feind des Eigentums, sondern als Vertreter einer Marktwirtschaft ohne Staat. Da das Eintreten für Marktwirtschaft und die Bezugnahme auf die Tradition von Jefferson zunehmend „rechts“ verortet wurde, ist der US-amerikanische Anarchismus nicht wie in Europa eine eindeutig „linke“ Bewegung gewesen. Bedeutende Vertreter des Anarchismus in den USA waren Josiah Warren (1798-1874), Lysander Spooner (1808-1887), Benjamin Tucker (1854-1939), Voltairine de Cleyere (1866-1912) und Albert Jay Nock (1870-1945). Henry David Thoreau (1817-1862), der Vordenker des zivilen Ungehorsams, wird oft dem Anarchismus zugeordnet, ohne dass er sich explizit als Anarchist bezeichnete.

Anarchismus in Asien?

Die Tradition des chinesischen Daoismus lässt sich als eine dem Anarchismus ähnliche Idee interpretieren. Der Daoismus lehrte das „wú wéi“, das „Nicht-Tun“, das vom Begriff her dem französischen liberalen Slogan „laissez faire, laissez passer, le monde va de lui même“ (machen lassen, laufen lassen, die Erde dreht sich von selbst) entspricht und ihm vermutlich sogar als Vorbild gedient hat. Die Daoisten forderten vom jeweiligen Herrscher Nichteinmischung in die Angelegenheiten der Wirtschaft und der sozialen Organisation. Sie lehnten die konfuzianische Orientierung an strikt einzuhaltenden und strafbewehrten Ritualen und an staatlich verordneter Bildung ab.

Anarchie als Naturzustand der Menschen

Die Theoretiker der staatlichen Instanzen bezeichnen Herrschaft stets als den natürlichen und unumgehbaren Zustand der Gesellschaft. Demgegenüber haben anarchistische Theoretiker darauf verwiesen, dass der Staat historisch entstanden sei. Aus der Struktur dessen, was wir über „Gesellschaften ohne Staat“ wissen, können wir auf die Möglichkeiten einer Ordnung ohne Herrschaft schließen und erkennen, welche Gewalt eingesetzt werden musste, um Herrschaft zu errichten. Franz Oppenheimer (1864-1943) und Christian Sigrist (1935-2015) lieferten hierzu wesentliche Beiträge (ohne sich selber ausdrücklich als Anarchisten zu bezeichnen).

Anarchismus und die 1968er-Bewegung

Der klassische europäische Anarchismus war mit der Niederlage in Spanien 1939 praktisch erledigt und konnte sich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht erholen. In den USA ging der klassische Anarchismus nicht so spektakulär unter, aber während der 1950er Jahre wandten die Konservativen sich dem Staat zu und vom Erbe Jeffersons ab. Im Rahmen der „Neuen Linken“ wurden verschiedene Klassiker des Anarchismus wiederentdeckt, vor allem da die traditionellen linken Theorien den Kollektivismus betonten, während es den rebellierenden Jugendlichen um Nonkonformismus und individuelle Selbstbestimmung ging. Ein wichtiges Verbindungsglied zum klassischen Anarchismus war in den USA Paul Goodman (1911-1972), in Europa Daniel Cohn-Bendit (*1945). Der weitere Lebensweg von Cohn-Bendit und sein Engagement für den Superstaat der EU zeigt allerdings, dass Anarchismus bei ihm eher Attitüde als wirkliches Prinzip war. Die sogenannte „Baader-Meinhof-Gruppe“ (Rote Armee Fraktion, RAF) wurde in den 1970er Jahren von der Presse und auf den Fahndungsplakaten als „anarchistisch“ („Vorsicht! Anarchistische Gewalttäter!“) bezeichnet, sie selber wies dies jedoch als „Diffamierung“ zurück und verstand sich als „marxistisch-leninistisch“. Die RAF lehnte den bestehenden Staat zwar ab, aber nicht das Staatsprinzip. Sie wollte nach dem Vorbild von Lenin, Castro und Mao einen neuen, einen anderen Staat errichten. Aufgrund des öffentlich forcierten Sprachgebrauchs ist allerdings eine „Anarcho“-Szene entstanden, die unter Anarchismus hauptsächlich Militanz versteht und wenig bis keine Verbindung zu den klassischen anarchistischen Prinzipien hat.

Das Problem des Eigentums

Dass in der Praxis Selbstbestimmung immer Eigentum einschließt, diese Einsicht unterlief die eigentumsfeindliche Rhetorik auch bei den kommunistischen Anarchisten. So kritisierte schon Peter Kropotkin (1842-1921), der Erfinder des anarchistischen Kommunismus, in seinem Buch über die Französische Revolution, die Städter hätten die Bauern entweder direkt enteignet oder ihnen wertloses Papiergeld angeboten und damit zu Feinden der Revolution gemacht. Seine Anhängerin Emma Goldman (1869-1940), die russisch-amerikanische Vorkämpferin des Feminismus, erkannte bereits in den 1920er Jahren, also der Anfangszeit der Russischen Revolution, dass den Bauern das Land nun nur pro forma gehöre, während in Wahrheit der Staat sich den uneingeschränkten Zugriff nicht nur auf die Produkte, sondern sogar auf das Saatgut vorbehalte und damit die Hungersnot ausgelöst habe. Die anarchistischen Bauernrebellen in der Ukraine und in Spanien gingen davon aus, dass sie nach der Enteignung der feudalistischen Großgrundbesitzer zu Eigentümern des Landes würden, auch wenn sie von genossenschaftlicher Bewirtschaftung träumten – aber auf rein freiwilliger Basis. Freiwiligkeit hatten die Vordenker dieser Richtung des landwirtschaftlichen anarchistischen – oder „libertären“ – Sozialismus, Gustav Landauer (1870-1919) und Martin Buber (1878-1965), stets betont. Auch die anarcho-syndikalistischen Arbeiter, die eine kollektive Übernahme der Fabriken anstrebten, hatten eine Selbstverwaltung im Sinne, die sich kaum vom liberal verstandenen Sondereigentum unterschied. Anders ausgedrückt: Nur ein Staat (den sie ablehnten) hätte verhindern können, dass sich Sondereigentum entwickelt. Für die autonome Region Rojava, die im kurdischen Nordsyrien entstanden ist und eine Gesellschaftsordnung auf der Grundlage des kommunitären Anarchismus von Murray Bookchin (1921-2006) anstrebt, wird sich sehr schnell die Frage stellen, was „Besitz durch Gebrauch“ (anstelle von „Eigentum“) heißt, wenn es ihr gelingt, sich gegen Syrien und die Türkei zu behaupten.

Anarchokapitalismus

Anders als die europäischen „anti-kapitalistischen“ Anarchisten geht der in den USA während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstandene Anarchokapitalismus ohne Umschweife vom Eigentum als Grundlage der Selbstbestimmung aus: Ohne Eigentum ist der Einzelne abhängig von der Körperschaft, die über die Ressourcenverwendung entscheidet. Die Vorstellung, es sei von allen Ressourcen stets genügend da, sodass es keine Konkurrenz um ihre Verwendung gebe, von der Fürst Peter Kropotkin ausging und die Murray Bookchin mit dem Begriff „Nachmangel-Anarchismus“ (Post-Scarcity Anarchism) aufgriff, ist eine böse Illusion. Böse ist sie darum, weil sie unweigerlich dazu führt, dass der kollektive Terror die Herrschaft übernimmt. Die wesentlichen Konzepte des Anarchokapitalismus entwickelten Murray Rothbard (1926-1995), der von einer naturrechtlichen Begründung ausging, und David D. Friedman (*1945), der utilitaristisch argumentiert.

Literatur

Avrich, Paul, The Russian Anarchists, Princeton 1967.

Blankertz, Stefan, Anarchokapitalismus: Gegen Gewalt, Berlin 2015.

Bookchin, Murray, Die nächste Revolution: Libertärer Kommunalismus und die Zukunft der Linken (Essays, 1990-2002), Münster 2015.

Buber, Martin, Pfade in Utopia (1950), Heidelberg 1985.

Cohn-Bendit, Daniel, Linksradikalismus: Gewaltkur gegen die Alterskrankheit des Kommunismus, Reinbek bei Hamburg 1968.

Enzensberger, Hans Magnus, Der kurze Sommer der Anarchie, Frankfurt/M. 1972.

Friedman, David, Das Räderwerk der Freiheit: Für einen radikalen Kapitalismus (1973), Grevenbroich 2016.

Goodman, Paul, Die schwarze Fahne des Anarchismus (1968), in: Einmischung: Paul-Goodman-Reader, Bergisch Gladbach 2011.

Graeber, David, Frei von Herrschaft: Fragmente einer anarchistischen Anthropologie (2005), Wuppertal 2008.

Huch, Ricarda, Michael Bakunin und die Anarchie (1923), Frankfurt/M. 1972.

Konkin, Samuel Edward, Das Manifest der neuen Libertären (1980) und die Geschichte der Bewegung in den USA, Grevenbroich 2016.

Oppenheimer, Franz, Der Staat (1907) (Kindle eBook, o.O. 2016).

Rothbard, Murray, Der Verrat an der amerikanischen Rechten (posthum, entstanden 1973-1991), Grevenbroich 2017.

Sigrist, Christian, Regulierte Anarchie (1967), Münster 1994.

Stefan Blankertz

Dr. Stefan Blankertz ist Schriftsteller. Er promovierte im Fach Soziologie an der Universität Münster und habilitierte sich in Erziehungswissenschaften an der Universität Wuppertal. Er gründete 2015 das Murray Rothbard Institut für Ideologiekritik.