Kollektivismus

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Von Jeremy Shearmur mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

Der Begriff Kollektivismus, so der Politologe Andrew Vincent, wurde erstmals im späten 19. Jahrhundert in Bezug auf jene Schriftsteller und Intellektuellen verwendet, die den Staat und den Regierungsapparat zur Kontrolle oder Regulierung der Wirtschaft und anderer Aspekte der Zivilgesellschaft zu nutzen suchten. Der Begriff wurde auch in Verbindung mit denjenigen benutzt, die eine organische Sicht der Gesellschaft einer individualistischen bevorzugen. Manchmal wird Kollektivismus zur Bezeichnung jenes philosophischen Ansatzes für das soziale und politische Leben benutzt, für den auch der Begriff Sozialismus genutzt wird – also insbesondere im Sinne des Kollektiveigentums an den Produktionsmitteln.

Der Kollektivismus kann dem Individualismus in den Bereichen Methodologie und Erklärung sozialer Phänomene sowie in der Sozialphilosophie und Ethik gegenübergestellt werden.

In Bezug auf Methodologie betont der Individualist die Handlungen von Individuen und die Folgen dieser Handlungen, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt. Individualisten erkennen natürlich an, dass das Handeln des Einzelnen in einem sozialen Kontext stattfindet und dass einige dieser Handlungen zu Ergebnissen führen können, die wiederum andere betreffen, wie beispielsweise im Falle von Zinssätzen oder einer wirtschaftlichen Depression. Doch um die soziale Welt zu verstehen, so der methodologische Individualist, ist es notwendig, alle Phänomene in der sozialen Sphäre als Ergebnis der Handlungen (und damit der Präferenzen der Individuen) zu verstehen und zu rekonstruieren. Dennoch herrscht unter den methodologischen Individualisten Uneinigkeit darüber, inwieweit handelnde Individuen in ihrem sozialen und kulturellen Umfeld betrachtet werden sollten.

Der methodologische Kollektivismus existiert sowohl in starken als auch in schwächeren Formen. Starke Versionen des methodologischen Kollektivismus verstehen die wichtigsten Erklärungsfaktoren für Gesellschaft und Geschichte als das Produkt sozialer oder anderer nicht-individueller Kräfte, sodass die einzelnen Individuen nur Instrumente sind. Beispiele für solche kollektivistischen Ansichten umfassen die Idee einer die Geschichte bestimmenden Göttlichen Vorsehung, was von einigen religiöser Philosophen vertreten wurde; die Theorie, dass sich der Weltgeist durch die Geschichte verwirklicht – wie in Hegel; der Gedanke, dass Individuen nur Inhaber bestimmter sozialer Positionen sind, wie in einigen Interpretationen des Marxismus, wie der des französischen Philosophen Louis Althusser; und die These, dass Gesellschaften über bestimmte Mechanismen verfügen, durch die Individuen mehr oder weniger willkürlich dazu gezwungen werden können, in Übereinstimmung mit sozialen Bedürfnissen zu handeln. Im Gegensatz dazu können einige schwächere Formen des methodologischen Kollektivismus, darunter diejenigen, die Durkheim darin folgen, die Bedeutung der sozialen oder gewisser Interpretationen von Marx hervorzuheben, letztlich mit der Ansicht vereinbar sein, dass es individuelles Handeln ist, welches die entscheidende Rolle bei der Gestaltung aller sozialen Phänomene spielt, obwohl diese Theorien unsere Aufmerksamkeit auf andere Dinge lenken. Andere Ansichten – wie beispielsweise der nichtwirtschaftliche Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss und verschiedene Formen des Poststrukturalismus – müssen von Fall zu Fall geprüft werden.

In den 1950er und 1960er Jahren gab es in der soziologischen Literatur eine breite Diskussion über die relativen Vorzüge von methodologischem Individualismus und Kollektivismus, das in John O’Neills Sammlung Modes of Individualism and Collectivism gut dargestellt wird. Der Leser von O’Neills Arbeit könnte jedoch durchaus zu dem Schluss kommen, dass die Argumente für und gegen die eine oder andere Sichtweise besser durch die Diskussion der relativen Vorzüge dieser konkurrierenden Theorien verfolgt werden sollten.

In ethischen und sozialphilosophischen Fragen ist die Situation genauso komplex. Für den ethischen Individualist trägt der Einzelne moralischen Wert. Was genau das ist, kann sich unterscheiden: von der Betonung der Befriedigung ihrer Vorlieben, ihrer Freuden und Leiden, bis hin zu Ideen über die Selbstentfaltung nach dem Vorbild von J. S. Mills Ideen über Individualität und Autonomie. Darüber hinaus gibt es eine Debatte zwischen einerseits einer Reihe von egoistischen und eudaimonistischen Ansichten, die sich auf das jeweilige Individuum konzentrieren und andererseits utilitaristischen Sichtweisen. Diese letzteren Theorien bewerten zwar das Glück jedes Einzelnen, ermöglichen jedoch auch Trade-offs von Nutzen, bei denen das Wohlergehen eines einzelnen Individuums dem eines Kollektivs anderer Individuen geopfert wird (obwohl bei einer solchen Berechnung das Wohlergehen jedes Einzelnen zählt).

In der Literatur finden sich sowohl stärkere als auch schwächere Versionen des ethischen Kollektivismus. Platons Republik ist eine besonders dramatische Variante der starken Version. Platons Anliegen konzentriert sich auf das Wohlergehen der Gesellschaft und auf die funktionale Rolle, die jeder Einzelne in ihr spielen sollte. Obwohl einige diese Ideen attraktiv gefunden haben, haben andere harsch kritisiert, dass in Platons Schema Mitglieder der Gesellschaft, die keinen Beitrag zu leisten scheinen, einfach eliminiert werden sollen, und das Wohlergehen der Sklaven, obwohl sie einer sozialen Funktion dienen, ist nicht berücksichtigt werden soll. Andere Theorien des ethischen Kollektivismus haben die Ansicht vertreten, dass Gesellschaften, Staaten oder bestimmte Nationen ethische Priorität vor dem Einzelnen erhalten sollen, wie dies bei verschiedenen politischen Regimen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Fall war, sei es faschistisch, nationalsozialistisch oder kommunistisch.

Schwächere Formen des ethischen Kollektivismus sind in der Regel diejenigen, bei denen die zugrundeliegenden Werte letztlich individualistisch sind. So finden wir in Marx‘ frühen Schriften, das Bild eines erfüllten Lebens in Form von individueller Blüte, Mills Vorstellungen von Individualität nicht unähnlich. Marx‘ substantielle Gesellschaftstheorie und die praktische politische Wirkung seiner Ideen jedoch, betonten die Solidarität der Arbeiterklasse in einer Weise, die ethisch kollektivistisch erscheint. Aber wenn seine früheren Ideen die Grundlage seiner Sozialtheorie bilden, dann gibt es hier zumindest etwas von ethischem Individualismus. Dessen konkrete Form ist jedoch unverwechselbar. Denn nach Marx‘ Darstellung bedingt das individuelle Gedeihen die Ausübung kreativer Aktivitäten, die den Bedürfnissen anderer Menschen entsprechen. Ideale, die das Glück eines Individuums als untrennbar mit der Teilnahme an einer gemeinsamen Lebensform verbunden darstellen – von Aristoteles‚ Sichtweise auf uns als politische Tiere, die nur dann gedeihen, wenn wir am bürgerlichen Leben teilnehmen, bis hin zum zeitgenössischen Kommunitarismus – können ebenfalls zweideutig sein. Diese ethischen Theorien, die dem Individualismus stark entgegengesetzte Formen des Kollektivismus zu sein scheinen, können auf möglicherweise falschen Vorstellungen über die Bedingungen für das individuelle Gedeihen beruhen.

Weiterführende Literatur

Greenleaf, William H. The British Political Tradition. 3 vols. London: Methuen, 1983–1987.

Marx, Karl. Karl Marx: The Essential Writings. Frederic L. Bender, ed. Boulder, CO: Westview Press, 1986.

O’Neill, John, ed. Modes of Collectivism and Individualism. London: Heinemann, 1973.

Popper, Karl. The Open Society and Its Enemies. London: Routledge, 1945.
(Auf Deutsch: Popper, Sir Karl. Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Tübingen: Mohr Siebeck, 2003.)

Vincent, Andrew. Modern Political Ideologies. 2nd ed. Oxford: Blackwell, 1995.

Jeremy Shearmur

Jeremy Shearmur war bis 2013 Dozent für Philosophie an der Australian National University. Er studierte an der London School of Economics. Shearmur war acht Jahre als Assistent Karl Poppers tätig.