Hayek, Friedrich August von

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Von Prof. Dr. Thomas Mayer.

Friedrich August von Hayek wurde am 8. Mai 1899 in Wien geboren und wuchs in einem akademisch geprägten Elternhaus heran. 1917/18 nahm er als Artillerieoffizier der österreichisch-ungarischen Armee am Krieg teil. Nach Kriegsende studierte er an der Universität Wien Rechtswissenschaften und schloss das Studium 1921 ab. Unmittelbar danach entschied er sich zum Studium der Staatswissenschaften, das er zwei Jahre später mit dem Grad eines Dr. rer. pol. beendete.

Noch während seines Studiums trat Hayek ins „Österreichische Abrechnungsamt“ für Kriegsschulden ein und kam auf diese Weise mit dessen Direktor, Ludwig von Mises, in Kontakt. Ab 1923 veranstaltete Mises in seinem Büro in der Wiener Handelskammer sein berühmtes „Privatseminar“, an dem neben Hayek auch später berühmte Ökonomen wie Gottfried von Haberler, Fritz Machlup und Oskar Morgenstern teilnahmen. Von April 1923 bis 1924 erhielt Hayek ein Rockefeller-Stipendium an der New-York-University und 1927 gelang es ihm und Mises, das „Österreichische Konjunkturforschungsinstitut“ zu gründen.

1929 veröffentlichte Hayek sein erstes Buch „Geldtheorie und Konjunkturtheorie“. Die Habilitation an der Universität Wien fiel ins gleiche Jahr. Der Habilitationsvortrag „Gibt es einen Widersinn des Sparens?“ brachte Hayek eine Einladung von Lionel Robbins zur London School of Economics ein (wo er im Winter 1931 vier Vorlesungen gab und wenig später eine Professur erhielt). In diesem Jahr veröffentlichte er auch sein Buch „Preise und Produktion“, in dem er die Konjunkturtheorie von Knut Wicksell und Ludwig von Mises weiterentwickelt. In die dreißiger Jahre fällt auch seine Auseinandersetzung mit Keynes über dessen ausschließlich auf der makroökonomischen Ebene angesiedelte Beschäftigungs- und Geldtheorie. Den Londoner Kollegen Oskar Lange und Abba Lerner widerspricht Hayek in Bezug auf die Möglichkeit einer sozialistischen Wirtschaftsrechnung und die Erfolgsaussichten einer zentralen Planwirtschaft.

In London veröffentlichte Hayek 1944 sein berühmtes Buch „The Road to Serfdom“, das noch im gleichen Jahr in der Schweiz mit einem Vorwort von Wilhelm Röpke auf Deutsch erschien. In die Kriegszeit fiel auch seine bedeutende Studie „The Counter-Revolution of Science“, eine Kritik des szientistischen und konstruktivistischen Denkens von Descartes bis zur zeitgenössischen neoklassischen Wohlfahrtsökonomik und zum modernen Sozialismus. Im Dezember 1949 verließ Hayek die London School of Economics, lehrte im Frühlingsquartal 1950 an der University of Arkansas, Vayetteville, und nahm im Oktober des gleichen Jahres eine neue Position als „Professor of Social and Moral Sciences“ an der University of Chicago an. Er traf dort während der folgenden 12 Jahre unter anderem mit Milton Friedman, Frank Knight, Aaron Director und etwas später auch mit George Stigler als engeren Fachkollegen zusammen. 1951 erschien seine biographische Studie über John Stuart Mill and Harriet Taylor, im Jahr darauf seine erkenntnistheoretische Schrift „The Sensory Order“.

An seinem 60. Geburtstag übergab Hayek dem Verleger sein Werk „The Constitution of Liberty“ („Die Verfassung der Freiheit“), das 1960 erschien und in welchem Hayek die Freiheit primär aus der Perspektive der Nützlichkeit verteidigt. Nach 12 Jahren Lehr- und Forschungstätigkeit in Chicago akzeptierte er im Alter von 63 Jahren einen Ruf an die Universität Freiburg im Breisgau. Dort erschien unter anderem 1968 sein vielzitierter Beitrag „Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren“. 16 weitere in Freiburg entstandene Aufsätze wurden in den „Freiburger Studien“ gesammelt. Viele dieser Essays waren Vorarbeiten zu seinem dreibändigen Werk „Law, Legislation and Liberty“ (1973/1976/1979), welches den eigentlichen Höhepunkt in seinem Schaffen darstellt und in welchem Hayek die anthropologischen, ethischen, sozialphilosophischen und ökonomischen Grundlagen einer freien Wirtschaft- und Gesellschaftsordnung zusammenfasst. Da der Titel „Die Verfassung der Freiheit“ schon vergeben war, nannte Hayek dieses Werk „Recht, Gesetz und Freiheit“, obwohl er selbst den Titel „Verfassung der Freiheit“ für dieses Spätwerk als passender empfand. 1968 übernahm Hayek eine Gastprofessur an der Universität Salzburg. In diese Zeit fiel die Veröffentlichung seines Buches „The Denationalization of Money“ (1976), in dem er für eine Privatisierung des Geldes eintritt.

Im Herbst 1974 wurde Hayek zu seiner Überraschung für seine Konjunkturtheorie der Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften verliehen, den er freilich ironischerweise mit Gunnar Myrdal, einem glühenden Sozialisten und Vater des schwedischen „Volksheimes“, teilen mußte. 1977 kehrte er – in Deutschland sehr geschätzt – wieder nach Freiburg zurück. Von dort aus war er im folgenden Jahrzehnt sowohl unmittelbar wie mittelbar, über ihm nahestehende Persönlichkeiten, politisch beratend tätig (darunter für US-Präsident Ronald Reagan und die Britische Premierministerin Margret Thatcher). Dank hierfür wurde ihm durch die seltene britische Auszeichnung eines „Companion of Honour“ 1985 und durch die Verleihung der höchsten US-amerikanischen zivilen Auszeichnung, der „Presidential Medal of Freedom“ 1991 zuteil. 1989 erschien sein letztes Werk „The Fatal Conceit“. Hayek starb am 23. März 1992 in Freiburg. Er wurde in Wien begraben.

Soweit die Fakten über Hayeks Leben und Werk. Meine eigene Annäherung an Hayeks Werk begann sehr langsam und zögerlich, nahm dann Schwung auf und führte schließlich dazu, dass ich ihn heute nicht nur als einen der bedeutendsten, sondern aufgrund seiner intellektuellen Bescheidenheit auch sympathischsten Ökonomen und Sozialtheoretiker halte.

Zum ersten Mal kam mir der Name Hayek unter, als ich am Anfang meiner Tätigkeit beim Internationalen Währungsfonds in Washington D.C. den Auftrag erhielt, einem alten Herrn, der das Haus nicht mehr verließ, Bücher aus der IWF-Bibliothek zu bringen. Der alte Herr war Gottfried von Haberler und als ich mich über ihn erkundigte, erfuhr ich von der „Wiener Schule“. Über viele Jahre blieb es dann dabei, bis ich Anfang der 1990er Jahre hörte, dass Hayeks „Road to Serfdom“ das Lieblingsbuch von Margret Thatcher war. Ich fand dieses Buch faszinierend, aber nach dem Kollaps der Sowjetunion schien es mir eher wie eine frühe und sehr weise Vorhersage eines nun hinter uns liegenden Ereignisses.

Einige Zeit später—ich arbeitete nun bei einer großen amerikanischen Investmentbank—fiel mir die Analyse eines New Yorker Hedgefonds-Analysten in die Hand. Er schrieb, dass die damalige Niedrigzinspolitik der US-Federal Reserve einen Investitionszyklus auslösen würde. Da Kredite sehr billig waren, würden die Unternehmen nun mehr investieren als langfristig angemessen wäre. Der Investitionsaufschwung würde zu Überinvestitionen führen, die dann in einer Krise korrigiert werden müssten. Vor dem Hintergrund der damals ausbrechenden Interneteuphorie und der Aktienhausse fand ich die These sehr überzeugend und fragte mich, wie der Analyst wohl darauf gekommen sei. Nach ein paar kurzen Recherchen war klar, dass er sich Hayeks Konjunkturtheorie bedient hatte. Vermutlich hatte er eine Quellenangabe unterlassen, weil die Referenz auf ein Werk aus den 1930er Jahren der These bei seiner Leserschaft Glaubwürdigkeit entzogen hätte. Mich störte das weniger, hatte ich doch Hayek schon als treffsicheren Prognostiker des Untergangs des Kommunismus kennengelernt.

Vielleicht deshalb begann ich nun, die Entwicklung der Wirtschaft und Finanzmärkte mehr und mehr durch die Brille der Hayekschen Konjunkurtheorie zu sehen. Von Knut Wicksell hatte Hayek das Konzept des natürlichen Zinses übernommen, bei dem sich die Wirtschaft stabil entwickelt. Von seinem Lehrer Ludwig von Mises hatte er gelernt, dass Banken über die Vergabe von Krediten Giralgeld schaffen und Kreditzinsen, die von einer Zentralbank unter den natürlichen Zins manipuliert werden, zu überhöhter Kreditvergabe und schließlich einer Kreditblase führen. Die Korrektur erfolgt dann in der Kreditkrise und im Wirtschaftsabschwung. Hayek stützte sich auf die Kapitaltheorie von Eugen von Böhm-Bawerk, die im Gegensatz zur Neoklassik die Bildung von Kapital durch die Produktion von Kapitalgütern genau beschrieb. Mehr Güter für den Konsum können produziert werden, wenn in dieser Produktion Umwege über die Herstellung von Kapitalgütern eingeschlagen werden. Ob sich dieser Umweg lohnt, entscheidet der Mehrertrag, der dadurch erzielt werden kann. Ist dieser Mehrertrag größer als die mit dem Warten auf späteren Konsum verbundenen Kosten, lohnt sich der Umweg. Am Kapitalmarkt ergibt sich ein Zins, bei dem sich Mehrertrag und Wartekosten entsprechen.

Die Kredit- und Geldschöpfung der Banken erlaubt jedoch die vorübergehende Entkoppelung von Kapitalbildung (sprich: Investition) und Konsumverzicht (sprich: Ersparnis). Die Produktion von Kapitalgütern kann mit über Kreditvergabe neu geschaffenem Geld über das durch Konsumverzicht frei gegebene Geld hinaus angeschoben werden. Im Gegensatz zu Keynes‘ Konjunkturtheorie, die weder die Produktion von Kapitalgütern noch die Tätigkeit der Banken erfasst, treiben in der Hayekschen Theorie wiederkehrende Ungleichgewichte zwischen realen Ersparnissen und Investitionen einen Boom-Bust Zyklus von Krediten und Investitionen an. Dadurch wird nicht nur die Entwicklung der Wirtschaft instabil, sondern das Wachstum wird auch im Trend schwächer, weil im Aufschwung Ressourcen an nicht lebensfähige Investitionsprojekte verschwendet werden, die im Abschwung verloren sind. Hayek spricht von Kapitalaufzehrung.

Hayeks Konjunkturtheorie bescherte mir nicht nur intellektuellen Gewinn, sondern auch ein vorübergehendes Erfolgserlebnis als Aktieninvestor. Da ich im Frühjahr 2000 mit ihrer Hilfe eine Aktienpreisblase diagnostizierte, verkaufte ich mein gesamtes Aktienportfolio und entging dem Crash. Ehrlicherweise muss ich hier aber auch gestehen, dass ich aus Hayeks Theorie sehr viel weniger gut den Beginn des nächsten Aktienaufschwungs ablesen konnte und so spät wieder in den Aktienmarkt einstieg, dass ich vom nächsten Crash dann voll erwischt wurde.

Dennoch: Auch die Große Finanzkrise 2007-08 entwickelte sich in weitgehender Übereinstimmung mit Hayeks Konjunkturtheorie. Hinzu kam, dass sich durch die Verschleppung der Bereinigung der wesentlichen Krisenursache in Form von zu billigem Kredit gesellschaftliche Veränderungen ergaben, vor denen Hayek in seinem sozialtheoretischen Werk gewarnt hatte. Nach der Lektüre von die „Verfassung der Freiheit“ und „Recht, Gesetz und Freiheit“ wurde mir klar, was unsere Ordnung der Freiheit ausmacht und wie wir dabei waren, sie im Aufbegehren gegen die Eliten in Wirtschaft und Politik zu zerstören, die uns mit ihrem Keynesianischen Konstruktivismus die Krise eingebrockt hatten. Die freiheitliche Gesellschaftsordnung, die in Ansätzen schon in der Antike in Griechenland und Rom zu erkennen war und sich im England des 18. und 19. Jahrhunderts zur Blüte entwickelt hat, brachte uns bis dahin nie gekannten Wohlstand, weil sie es dem Einzelnen erlaubte, sich entsprechend seiner Fähigkeiten zu entfalten.

In der Ordnung der Freiheit wird die Freiheit des Einen durch allgemeine und meist als Verbote ausgedrückte Regeln nur dort begrenzt, wo sie die Freiheit des Anderen berührt. Dadurch kann jeder bestmöglich seine individuellen Ziele verfolgen. Da er nur ihm eigene Talente und Fähigkeiten besitzt, hat jeder Mensch ein positives Grenzprodukt und kann zu mehr Wohlfahrt für alle beitragen, wenn er sich frei entfalten kann. Aufgabe des Staates ist es, die sich spontan entwickelnden gesellschaftlichen Regeln in Gesetze zu formulieren und Institutionen zu schaffen, die für ihre Einhaltung sorgen. Die Ordnung der Freiheit entsteht über die Zeit durch Versuch und Irrtum und reflektiert die Weisheit vieler. Sie ist ein Produkt gesellschaftlicher Evolution und folglich jeder von einem Einzelnen oder von Wenigen geplanten Ordnung überlegen.

Doch Freiheit verlangt auch Verantwortung und wird von denen als Zumutung empfunden, die sich nach der Geborgenheit der Familie oder ihrer Nachfahren, der Stammesgesellschaft und der organisierten Gesellschaft sehnen. Insbesondere in unruhigen Zeiten sind viele Menschen bereit, ihre Freiheit abzugeben, wenn ihnen dafür eine behütende Vormundschaftsgewalt auch die Verantwortung für sich selbst abnimmt. Doch die Mündel erheben sich gegen die Vormundschaftsgewalt, wenn sie von ihr enttäuscht werden. Der von der Finanzkrise ausgelöste Aufstand gegen die Eliten ist die Folge des Versagens des Schutzversprechens, das die Eliten durch eine keynesianisch organisierte Wirtschaft mit daran angeschlossenem Wohlfahrtsstaat verwirklichen wollten. Das Tragische an diesem Aufstand ist, dass er sich irrtümlich gegen die liberale Ordnung richtet, deren Namen die Eliten zur Verwirklichung ihrer Ziele missbraucht haben. Die „Aufständischen“ schädigen sich nun selbst. Ergänzt man also Hayeks Konjunkturtheorie mit seiner Sozialtheorie, gewinnt man ein schlüssiges Bild der Entwicklung der letzten Jahrzehnte über immer stärker ausschlagende Kredit- und Investitionszyklen bis hin zur großen Finanzkrise und der daraus folgenden Bedrohung der Ordnung der Freiheit.

Abschließend sei angemerkt, dass mir Hayeks Diagnose der Neigung der Wirtschaftswissenschaften zu „Szientismus“ das Selbstbewusstsein gegenüber manchem von sich selbst eingenommenem Akademiker gestärkt hat. In seiner am 11. Dezember 1974 gehaltenen Nobelpreisrede beklagt Hayek die „Anmaßung des Wissens“ vieler Ökonomen über Beweggründe und Wirkungen wirtschaftlichen Handelns. Anders als in der Physik sind die Kausalketten wirtschaftlichen Handelns nicht genau definierbar und die Wirkungen nicht exakt messbar. In einem System von „organisierter Komplexität“ sind nur qualitative, jedoch keine quantitativen Prognosen (wie in der Physik) möglich. Hayek schließt seine (auf Englisch gehaltene) Rede mit den folgenden Worten:

If man is not to do more harm than good in his efforts to improve the social order, he will have to learn that in this, as in all other fields where essential complexity of an organized kind prevails, he cannot acquire the full knowledge which would make mastery of the events possible. He will therefore have to use what knowledge he can achieve, not to shape the results as the craftsman shapes his handiwork, but rather to cultivate a growth by providing the appropriate environment, in the manner in which the gardener does this for his plants. There is danger in the exuberant feeling of ever growing power which the advance of the physical sciences has engendered and which tempts man to try, “dizzy with success”, to use a characteristic phrase of early communism, to subject not only our natural but also our human environment to the control of a human will. The recognition of the insuperable limits to his knowledge ought indeed to teach the student of society a lesson of humility which should guard him against becoming an accomplice in men’s fatal striving to control society – a striving which makes him not only a tyrant over his fellows, but which may well make him the destroyer of a civilization which no brain has designed but which has grown from the free efforts of millions of individuals.

Weiterführende Literatur

Horn, Karen Ilse. Hayek für Jedermann: Die Kräfte der spontanen Ordnung. Frankfurt am Main: Frankfurt Allgemeine Buch (2014).

Hennecke, Hans Jörg. Friedrich August von Hayek zur Einführung. Hamburg: Junius Verlag (2008).

Hayek, Friedrich August von. Gesammelte Schriften in deutscher Sprache. Mohr Siebeck Verlag.

Hayek, Friedrich August von. The Collected Works of F.A. Hayek. Chicago: University of Chicago Press.

Thomas Mayer

Prof. Dr. Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute und unterrichtet Volkswirtschaft an der Universität Witten-Herdecke.Zuvor war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research sowie beim Internationalen Währungsfonds und beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel tätig.