Keynes, John Maynard

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Von Kalle Kappner.

John Maynard Keynes (*5. Juni 1883, Cambridge (GB); †21. April 1946, Tilton (GB)) gehört zu den einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts und gilt als der Begründer der modernen makroökonomischen Theorie. Der nach ihm benannte Keynesianismus betont Fluktuationen in der volkswirtschaftlichen Gesamtnachfrage als Hauptursache konjunktureller Auf- und Abschwünge, die durch geeignete Fiskal- und Geldpolitik geglättet werden können. Keynes‘ Ideen beeinflussen noch heute sowohl die ökonomische Theoriebildung als auch die wirtschaftspolitische Debatte. Neben seinem Wirken als Ökonom lieferte Keynes bedeutende Beiträge zur Wahrscheinlichkeitstheorie und war politisch in zahlreichen Zusammenhängen aktiv.

Biographie

Als Sprössling einer gutsituierten Professorenfamilie war Keynes für eine akademische Ausbildung mit anschließendem Eintritt in den Staatsdienst prädestiniert. So arbeitete er nach dem Studium der Mathematik, Geschichte und Philosophie am englischen Eton College und am King’s College der Universität von Cambridge sowie ab 1906 kurzzeitig im britischen Ministerium für die Verwaltung Indiens. Parallel verfasste Keynes eine vielbeachtete Dissertation zur Wahrscheinlichkeitstheorie. 1908 verließ er das Ministerium zugunsten eines Lehrauftrags in Ökonomie an seiner Alma Mater, wo er 1936 sein einflussreichstes Werk, die Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes verfasste und bis zu seinem Tod lehrte.

Keynes betätigte sich in zahlreichen politischen Zusammenhängen. Als Mitglied und späterer Abgeordneter der Liberal Party im House of Lords nahm er Einfluss auf die britische Innenpolitik. Für den britischen Staat wirkte er unter anderem als Mitglied der Delegation für die Friedensverhandlungen nach dem 1. Weltkrieg, und als Chefunterhändler während der Bretton-Woods-Verhandlung 1944 für die Neuverfassung der internationalen Währungsordnung. Er starb 1946 kinderlos an Herzversagen.

„Bin ich ein Liberaler?“

Obwohl Keynes aufgrund seiner wirtschaftswissenschaftlichen Beiträge heute üblicherweise der gemäßigten politischen Linken zugeordnet wird, identifizierte er sich als Liberaler und hegte eine tiefe Abneigung sowohl gegenüber sozialistischer Agitation als auch gegenüber den zu seinen Lebzeiten prominenten konservativen Strömungen.  Sein Aufsatz „Am I a Liberal?“ zeichnet ein aus heutiger Sicht schwer einzuordnendes Weltbild, in dem der vehemente Einsatz für Eugenik und das Verbot von Drogenkonsum ebenso Platz fand wie die Ausweitung von Homosexuellen- und Frauenrechten.

Keynes‘ politisches Wirken durchzog ein ausgeprägter, bisweilen konstruktivistisch definierter Fortschrittsglauben und die Überzeugung, dass moderne Gesellschaften weder in das Laissez-Faire des 19. Jahrhunderts zurückfallen, noch den zahlreichen totalitären Gegenmodellen des 20. Jahrhunderts nachgeben dürften. Seiner eigenen Sozialisation entsprechend legte er großes Vertrauen in das Wirken gut ausgebildeter, kosmopolitisch orientierter technokratischer Eliten an den Tag.

Nachfrage und Konjunkturzyklen

Auf Basis seiner Eindrücke der Weltwirtschaftskrise entwickelte Keynes den Anspruch, eine allgemeine Theorie makroökonomischer Zusammenhänge zu formulieren, die die klassische (d.h. vor-keynesianische) Vorstellung eines harmonischen, reibungslosen Ausgleichs von Angebot und Nachfrage, sowie des Spar- und Investitionsvolumens als Spezialfall einschließt. Gemäß Keynes ist ein solches gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht kurzfristig selbst in einer freien Marktwirtschaft kaum zu erwarten, weshalb das Saysche Theorem – jedes Angebot schafft sich seine korrespondierende Nachfrage – und die Kreditmarktausgleichstheorie – Spar- und Investitionsvolumen werden durch Zinsänderungen stets angeglichen – zur Formulierung kurzfristig orientierter Wirtschaftspolitik ungeeignet sind.

Konjunkturkrisen sind laut Keynes Ausdruck einer relativ zu den Produktionskapazitäten zu geringen Gesamtnachfrage, d.h. privater und staatlicher Nachfrage nach Konsum- und Investitionsgütern. Aufgrund der selbsterfüllenden Prophezeiung einer Deflationsspirale und des Sparparadoxons – individuell rationales Vorsorgeverhalten führt volkswirtschaftlich zu geringerer Konsum- und folglich Investitionsnachfrage, weshalb die Sparrendite sinkt und individuell noch höhere Sparanstrengungen erfolgen – können Volkswirtschaften über längere Zeiträume in solchen Nachfragedefizitkrisen verharren.

Die Lösung sah Keynes in einer kontrazyklischen Fiskalpolitik, die in Krisenzeiten Staatsausgaben erhöht und Steuern senkt um den Konsum zu stärken, sowie in einer grundsätzlichen Steuerung der Investitionsquote durch staatliche Mittel. In guten Zeiten soll der Staat im Gegenzug Defizite abbauen und seine Ausgaben senken – einerseits, um die Nachfrage gegenüber den Produktionskapazitäten nicht zu sehr „anzuheizen“, andererseits um die in der Krise notwendigen Ausgaben finanzieren zu können.

Sind wir alle Keynesianer?

Keynes‘ Ansätze fanden zahlreiche Anhänger in Politik und Wissenschaft. Politikern boten sie die Möglichkeit, die wachsende Rolle des Intervention– und Steuerstaates in der Zwischen- und Nachkriegszeit theoretisch zu legitimieren. Der aufgrund der im klassischen Paradigma schwer erklärbaren Weltwirtschaftskrise desillusionierten Ökonomenzunft zeigte Keynes neue Interpretationsmöglichkeiten auf sowie die ganz grundsätzliche Vorstellung, dass makroökonomische Zusammenhänge keine simple Aggregation mikroökonomischer Beziehungen darstellen, sondern durch emergente Phänomene geprägt sind.

Kritik ernteten Keynes und seine Anhänger vor allem von liberalen Ökonomen und Sozialphilosophen. Der Keynesianismus, so die Kritik, fördere die Vorstellung, dass die Volkswirtschaft ein hydraulisches System darstelle, das durch geeignete „Klempnerei“ zu regulieren sei. Friedrich August von Hayek, den eine persönliche Freundschaft mit Keynes verband, stemmte sich gegen die Vorstellung, dass der Volkswirt seinen Untersuchungsgegenstand jemals auf einer Ebene verstehen könne, die ihm eine effiziente Globalsteuerung nach keynesianischen Vorstellungen ermöglichen würde. Der US-Ökonom James Buchanan sah im Keynesianismus die Haupttriebfeder für die wachsenden Schulden und ausufernden Staatsausgaben der Nachkriegszeit.

Der Milton Friedman zugesprochene Satz „Wir sind jetzt alle Keynesianer“ verdeutlicht das gespaltene Verhältnis vieler Liberaler zum Keynesianismus. Einerseits gilt es, die theoretische Konsistenz und den praktischen Erfolg keynesianisch orientierter Wirtschaftspolitik anzuerkennen. Andererseits trägt der Begriff „Keynesianismus“ heute viele verschiedene, einen Großteil des politischen Spektrums abbildende Bedeutungen – was nicht zuletzt auf Keynes‘ häufig eher vage und komplizierte Formulierungen zurückzuführen ist. So beanspruchen nicht nur nachfrageorientierte und der Marktwirtschaft häufig skeptisch gegenübertretende Post-Keynesianer das Erbe Keynes‘, sondern auch sogenannte Neu-Keynesianer, für die sich Steuersenkungen, Deregulierung und keynesianische Theorie gut mit der Vorstellung kurzfristiger Nachfragedefizite vereinbaren lassen.

Weitere Lektüre

Keynes, John Maynard (1920): The Economic Consequences of the Peace – Keynes’ Plädoyer für milde Reparationsforderungen gegenüber den Verlierermächten des 1. Weltkriegs.

Krugman, Paul (2007): Einleitung zur Neuauflage der Allgemeinen Theorie, deutsche Übersetzung von Stephanie Schneider – eine konzise Einleitung in Keynes‘ zentrale theoretische Aussagen.

Kalle Kappner

Kalle Kappner ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität. Er ist Research-Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues.