Röpke, Wilhelm

Ludwig von Mises Institute (CC BY-SA 3.0)

Von Lachezar Grudev.

Die große Flüchtlingswelle von 2015, die Trump-Wahl, die Brexit-Entscheidung und die Ukraine-Krise haben die Europäische Union vor eine große Zerreißprobe gestellt. Nicht nur auf europäischer Ebene, sondern auch auf Bundesebene haben diese Ereignisse deutliche Spuren hinterlassen. Ein Paradebeispiel dafür ist die Spaltung des liberalen politischen und intellektuellen Lagers in Deutschland, wobei sich zunehmend ein rechtspopulistisches Milieu herauskristallisiert hat. Die Spaltung des liberalen Lagers mögen manche mit Verwunderung beobachten: Standen alle nach dem Ausbruch der Finanzkrise gemeinsam gegen die Anfeindungen aus dem linken Spektrum gegenüber dem (Neo-)Liberalismus, stehen Liberale insbesondere seit der großen Flüchtlingswelle gespalten da. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass die liberale Idee in eine neue Krisenphase geraten ist. Wenn man die Geschichte des Liberalismus näher betrachtet, wird man feststellen, dass diese Idee bereits viele schwierige Phasen durchmachen musste. Eine dieser Phasen war die Große Depression. Während der Großen Depression und insbesondere kurz vor der nationalsozialistischen Machtergreifung hat der Ökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke zahlreiche Plädoyers für den Liberalismus unterbreitet. Das mag für viele überraschend klingen, da für viele Röpke ein widersprüchlicher Geist sei, der sich durch seine kulturpessimistischen Ideen bemerkbar gemacht habe. Als Entgegnung darauf möchte ich hier zeigen, dass Röpke während der unsicheren Zeiten der späteren 1920er und früheren 1930er Jahre seine liberale Haltung nicht nur nicht verloren, sondern vielmehr den Liberalismus vehement und weitsichtig verteidigt hat.

Wilhelm Röpke wurde in Schwarmstedt bei Hannover im Jahre 1899 geboren. Mit 21 Jahren schloss er sein Studium der Nationalökonomie mit einer Promotion in Marburg ab. Dort habilitierte sich Röpke mit der Schrift „Die Konjunktur“ im Jahr 1922. Ein Jahr später wurde er der jüngste Professor Deutschlands, nachdem er auf eine außerordentliche Professur in Jena berufen wurde. Nach Aufenthalt in den Vereinigten Staaten und Lehrtätigkeit an der Universität Graz kehrte Röpke nach Marburg zurück, wo er bis 1933 eine ordentliche Professur für politische Ökonomie innehatte. Während dieser Zeit galt Röpke als bedeutender Vertreter der Konjunktur- und Außenhandelstheorie sowie der Finanzwissenschaft. Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten geriet Röpke nach einer regimekritischen Begräbnisrede seines Doktorvaters Walter Troeltsch in Gefahr. Er emigrierte in die Türkei, wo er beim Aufbau der Universität Istanbul maßgeblich mitwirkte. Im Jahr 1937 wechselte Röpke nach Genf zum Genfer Institut des Hautes Études Internationales, wo er Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen bis zum Ende seines Lebens war. Dort galt Röpke als die Stimme der Freiheit und sogar als moralische Unterstützung der Schweiz während der existenziellen Zeit des Zweiten Weltkrieges. Er war einer der Gründungsväter der Mont Pèlerin Society, die auf Initiative von Friedrich A. von Hayek im Jahr 1947 gegründet wurde. In diesen Jahren konzentrierte sich Röpke auf sozialphilosophische Themen, die einen zunehmend konservativen Charakter aufwiesen. Nach der sogenannten Hunold-Affäre trat Röpke aus der Mont Pèlerin Society aus, was seinen gesundheitlichen Zustand stark belastete. Röpke starb im Jahr 1966 in Genf und hinterließ ein umfangreiches Schaffenswerk auf verschiedenen Feldern der Ökonomie und der Sozialphilosophie. Aus diesem Schaffenswerk nennt die Geschichte des ökonomischen Denkens heute seine Theorie der sekundären Depression als sein größtes Verdienst zum Verständnis von ökonomischen Krisen.

Die sekundäre Depression ist laut Röpke eine Depression, die einen zerstörerischen Charakter hat, so dass sie mit staatlichen Eingriffen beendet werden soll. Im Gegensatz dazu zeigte Röpke, dass die primäre Depression eine ökonomisch sinnvolle Eigenschaft besitzt, da sie die Volkswirtschaft von während des vorangegangen Booms entstandenen blasenartigen Phänomenen bereinigt. Röpke verurteilte hier die staatlichen Eingriffe, weil diese die primäre Depression verlängern und sogar verschlimmern können. Er betonte, dass die sekundäre von der primären Depression unabhängig ist und die Sekundäre nur dann entsteht, wenn die Primäre scheitert, ihre Reinigungsfunktion auszuüben. Röpkes Theorie der primären Depression stimmt mit der Krisentheorie der Österreichischen Konjunkturtheorie überein, die den Krisen die erwähnte Reinigungsfunktion zubilligt. Allerdings erkannte Röpke, dass die Große Depression, die einen galoppierenden Anstieg der Arbeitslosigkeit in Deutschland verursachte, sich von der Krisentheorie der Österreicher nicht perfekt abbilden ließ. Daraufhin forderte er staatliche Unterstützungsmaßnahmen in Form von expansiver Geld- und Fiskalpolitik.

Diese Maßnahmen sollten nicht nur die Krise im rein volkswirtschaftlichen Sinne bekämpfen, indem sie eine Erholung der Volkswirtschaft erreichen. Sie sollten außerdem eine politische Wirkung entfalten, indem sie das Problem der Arbeitslosigkeit lindern und somit das Vertrauen der Massen an die freiheitliche Gesellschaftsordnung zurückgewinnen. In diesem Sinne erkannte Röpke schnell, dass die Wucht der Depression die Fundamente dieser Gesellschaftsordnung ruinierte. Das machte Röpke schon im Jahr 1931 klar:

Lassen wir das Wirtschaftssystem der kapitalistischen Länder, indem wir die Hände in den Schoß legen und uns auf die negativen Wirkungen der Krise verlassen, immer tiefer und tiefer hinabgleiten, so wird der Augenblick immer greifbarer, in dem der Kapitalismus gegenüber der Empörung der Krisenopfer und gegenüber der immer weiter um sich greifenden antikapitalistischen Massenstimmung nicht mehr zu halten sein wird und mit ihm der Liberalismus – oder die Reste, die von ihm heute noch übriggeblieben sind – ins Museum wandern wird.

Diese Zeilen sind ein kurzer Auszug aus den unzähligen Artikeln, die Röpke während der Großen Depression schrieb. Mit diesen Artikeln hoffte Röpke, die akademische Welt in Deutschland, die sich so sehr auf die vermeintlich negativen Effekte der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen konzentrierten und sie deshalb ablehnten, von den unmittelbaren politischen Gefahren und somit der dringenden Notwendigkeit der Bekämpfung der Krise zu überzeugen. Auf der anderen Seite wandte sich Röpke an die breitere Öffentlichkeit, die immer mehr das Vertrauen an das marktwirtschaftliche Wirtschaftssystem verlor und die Planwirtschaft im sowjetischen Sinne oder den Korporatismus vom faschistischen Italien als Lösungen der Krise sah. Somit hat Röpke den Leser vorgewarnt, dass populistische Parteien aus dem linken und rechten Spektrum, die einfache Lösungen versprechen, nicht nur das Problem nicht lösen, sondern es noch weiter verschärfen können.

Ein Paradebeispiel für Röpkes Mut, mit dem er die letzten Trümmer der freiheitlichen Gesellschaftsordnung in diesen wirren Zeiten retten wollte, ist sein Vortrag „Epochenwende“. Diesen hielt Röpke in Frankfurt neun Tage nach Hitlers Machtergreifung. In diesem Vortrag machte Röpke deutlich, welchen entscheidenden Anteil der Liberalismus am modernen Gemeinwesen und somit an der bestehenden freiheitlichen Gesellschaftsordnung hat. Das begründete Röpke damit, dass der Liberalismus die unerschütterlichen Normen und Institutionen der Rechtsordnung erkannt hat, die das Individuum gegen die Staatswillkür schützen und so die Möglichkeit zu freier Entfaltung eröffnet hat. Röpke unterstrich, dass der Liberalismus aus drei Grundideen besteht: der Idee der Freiheit, der Idee der Vernunft und der Idee der Humanität. Röpke machte eindeutig, dass diese Ideen in seiner Zeit nicht nur als lächerlich „verspottet“ werden dürfen, dass vielmehr ein „Massenaufstand“ gegen sie ausgerufen worden ist. Röpke mahnte, dass deren Unterdrückung in ein „Staatssklaventum“ münden wird. Zugleich scheute er nicht, den Schuldigen für diese Unterdrückung zu nennen. Das sei eine Partei, die ein Programm aufstelle, das „das Rad der Weltgeschichte um mindestens einige Jahrhunderte zurückdrehen wird.“

Mit seinen akademischen und publizistischen Schriften sowie Vorträgen aus den stürmischen Zeiten der 1920er und 1930er Jahre hat Röpke die Prinzipien der freiheitlichen Gesellschaftsordnung vehement verteidigt. Für ihn war die liberale Idee das existenzielle Fundament dieser Ordnung. Er unterstrich, dass der Liberalismus durch die Bekämpfung der Staatswillkür die individuelle Freiheit gewährte und somit den Grundstein für die freiheitliche Gesellschaftsordnung legte. Allerdings erkannte Röpke, dass der Liberalismus dem Staat nicht eine passive Rolle zuweisen darf, gerade wenn die individuelle Freiheit und somit die freiheitliche Gesellschaftsordnung in Gefahr sind. Diese Innovation von Röpke hat im Hinblick auf den Aufstieg populistischer Parteien und Bewegungen heutzutage keineswegs an Bedeutung verloren.

Weiterführende Literatur

Röpke, Wilhelm: Marktwirtschaft ist nicht genug: Gesammelte Aufsätze, herausgegeben von Hans Jörg Hennecke, Waltrop und Leipzig: Manuscriptum, 2009.

Hayek, Friedrich August von. Sozialwissenschaftliche Denker: Aufsätze zur Ideengeschichte, Tübingen: Mohr Siebeck, 2017.

Hennecke, Hans Jörg: Wilhelm Röpke: Ein Leben in der Brandung. Stuttgart: Schäffer-Poeschel-Verlag und Zürich: NZZ-Verlag, 2005.

Patricia Commun / Stefan Kolev (Hrsg.): Wilhelm Röpke (1899-1966). A Liberal Political Economist and Conservative Social Philosopher, Springer, Cham 2018.

Lachezar Grudev

Lachezar Grudev ist Doktorand für Volkswirtschaftslehre an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, an der er auch seinen Master machte.