Polanyi, Michael

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Michael Polanyi war ein britisch-ungarischer Chemiker und Philosoph des 20. Jahrhunderts, der insbesondere auf dem Gebiet der Wissenschaftstheorie hervorragende Beiträge leistete und die Konzepte der polyzentrischen Ordnung und des ‚tacit knowing‘ entwickelte.

Leben

Der 1891 geborene Sohn assimilierter Juden wuchs mit seinem Bruder Karl (dem späteren Ökonomen und Soziologen und Autor von The Great Transformation) in einer anregenden, intellektuellen Atmosphäre in Budapest auf. Er wandte sich zuerst dem Medizinstudium zu, entwickelte aber bald Interesse an der Chemie. Diesem Pfad folgend wurde er 1923 Abteilungsleiter am renommierten Berliner Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie. Polanyis bedeutende Arbeiten in der Chemie fokussierten die Kinetik und Adsorption. Zwar erhielt Polanyi selbst für seine Forschungen keinen Nobelpreis, aber diese Ehre wurde zwei seiner Studenten – und auch seinem Sohn – zuteil. 1933 musste Polanyi Deutschland verlassen und emigrierte nach Manchester. Hier widmete er sich zunächst weiter der Chemie, entwickelte jedoch zunehmend Interesse an Philosophie, Politik und Wirtschaft und erhielt 1948 einen Lehrstuhl für Sozialwissenschaften in Manchester; ab 1959 war er als Senior Fellow in Oxford tätig. Polanyi verstarb 1976 in Northampton in England.

Polanyis Wissenschaftstheorie

Polanyis Erfahrungen als Chemiker durchdringen seine Wissenschaftstheorie, die er insbesondere in seinem Magnum Opus Personal Knowledge darlegte. Mit Verweis auf eine Vielzahl an Beispielen, z.B. die Entstehung von Einsteins Relativitätstheorie, lehnt Polanyi den Positivismus und das Ideal einer objektiven Wissenschaft mit einem „detached scientist“ entschieden ab.

Polanyi erläutert, dass die Wissenschaft in der Realität nicht den Regeln des Falsifikationismus folgt, sondern Wissenschaftler (scheinbar) falsifizierende Erfahrungen missachten oder wegerklären. In diesem Zusammenhang stellt er heraus: „the validity of scientific statements is not compellingly inherent in the evidence to which they refer.“ Wegen dieser Unbestimmtheit kann die Wahl zwischen Theorien nicht auf Basis objektiver Kriterien (sei es Verifikation oder Falsifikation) erfolgen. Aber es ist sogar so, dass wir mit einem (‚interpretive‘) Framework aus Überzeugungen an Beobachtungen herangehen und diese somit immer bereits im Lichte einer Theorie betrachten. Zwischen diesen Frameworks bestehen ‚logical gaps‘. (Diese Idee findet sich im Sinne von Paradigmen ähnlich in Thomas S. Kuhn, der aber in The Structure of Scientific Revolutions keinen Bezug zu Polanyi nimmt. Polanyi hat Kuhn in privater Korrespondenz mit Dritten deswegen des Plagiats bezichtigt.)

Wenn die Möglichkeit der objektiven Wahl zwischen Theorien aber unmöglich ist, dann kann das Festhalten an einer Theorie/von Wissen letztlich nur in einem individuellen Bekenntnis zu eben dieser bzw. zu dem generellen Framework begründbar sein. Polanyi spricht von einem ‚commitment to a framework of accepted beliefs‘: wir vertreten jene Theorie und nicht die andere, weil wir an sie glauben. Polanyi erklärt darüber hinaus: “we can know more than we can tell.” Er beschreibt dies als ‚tacit knowing‘, also implizites Wissen. So können wir ein Gesicht zwar nicht beschreiben, doch es unter einer Million wiedererkennen – wir sind uns nur subsidiär der Einzelheiten (the ‚proximal‘) bewusst und schließen auf ihre gemeinsame Bedeutung (the ‚distal‘). Diese Fähigkeit, etwas zu wissen, obwohl man es nicht artikulieren kann, oder auch etwas zu können, obwohl man nicht beschreiben kann, was genau man tut, bedeutet, dass ein Teil des Wissens implizit und nicht objektiv ist. Polanyi resümiert: „into every act of knowing there enters a tacit and passionate contribution of the person knowing what is being known.” Das Ideal objektiven Wissens würde aber weder Platz lassen für das für Wissen unabdingbare Bekenntnis zu unseren Überzeugungen noch für das implizite Wissen, das nicht artikulierbar und damit nicht objektivierbar ist. So muss es zur Zerstörung des Wissens führen.

Als Alternative zu diesem Ideal entwickelt Polanyi die Vision einer ‚society of explorers‘, die versuchen, Kontakt mit einer ‚hidden reality‘ aufzunehmen und die Wahrheit zu entdecken – er lehnt also Relativismus (dass es keine Wahrheit, keine Realität gibt) ab. Dies ist laut Polanyi möglich, da wir die Ebene des persönlichen Wissens, die zwischen Subjektivem und Objektivem liegt, erreichen können. Genau dann, wenn wir uns, geleitet von unseren intellektuellen Leidenschaften, zu (gemeinschaftlichen) Standards unabhängig von uns bekennen, transzendieren wir das Subjektive und Objektive und erreichen ‚personal knowledge‘, das zwar nicht objektiv, aber auch nicht subjektiv, also willkürlich ist. In Polanyis Ideal entsteht dann eine Gemeinschaft von Entdeckern. In dieser Gemeinschaft sucht nun jeder Wissenschaftler, frei seinen Überzeugungen folgend, aber doch verantwortungsvoll die universalen Standards einhaltend, die ‚hidden reality‘ zu entdecken. Dabei kontrollieren sich die Wissenschaftler gegenseitig. Das ist dann eine ‚polyzentrische Ordnung‘, dem Markt oder dem Recht fundamental gleich. Zu Polanyis Leistungen gehört dann auch die Entwicklung des Konzeptes polyzentrischer Ordnungen, wie Aligica und Tarko (2012) beschreiben.

Polanyis Philosophie

Polanyis Überlegungen in anderen Gebieten der Philosophie sind komplementär zu seinen wissenschaftstheoretischen Gedanken. Polanyi, Gründungsmitglied der Mont Pèlerin Society, entwirft dabei eine liberale Gesellschaft, in der diese selbst ein Ziel an und für sich ist. Zu dieser bzw. den sie konstituierenden Werten müssen sich die Menschen bekennen, mit Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Nächstenliebe sowie -glaube. Nur durch solch ein (auf moralischen Leidenschaften basierendes, und in gewissem Sinne irrationales) Bekenntnis kann die Freiheit geschützt werden. Denn obschon die ursprünglich liberale Leugnung „of absolute obligations cannot destroy the moral passions of man, it can render them homeless.” Wenn aber, von Skepsis gegenüber jedweder Autorität getrieben, Gerechtigkeit und Wahrheit als leere Worthülsen oder gar als Strukturen abgetan werden, die die Interessen einer Klasse schützen, dann führt dies nicht dazu, dass die moralischen Leidenschaften der Menschen verschwinden. Im Gegenteil: diese Leidenschaften und das verbundene Streben nach moral „perfectionism demands a total transformation of society“ und bricht sich nun also „homeless“ mit umso größerem Furor in einem System unbeschränkter, materialistischer Macht Bahn. Dieses Phänomen nennt Polanyi “moral inversion“, und es ist für ihn ursächlich für den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts. Polanyi betont in seiner Vision einer freien Gesellschaft daher die Bedeutung der Tradition, also unseres geerbten Frameworks von Überzeugungen, zu dem wir uns bekennen müssen und welches, da Wissen ja auch implizit ist, „predominantly tacit“ weitergegeben wird. Trotz seiner Betonung der Tradition und der ihr inhärenten Autorität lehnt Polanyi Dogmatismus aber klar ab.

Polanyis Beiträge zur Ökonomik

Das Konzept des ‚tacit knowing‘ ist ein bedeutsamer Beitrag zur Ökonomik, denn Polanyis stringente Argumentation, dass wir mehr wissen als wir artikulieren können, bildet eine theoretische Fundierung von Hayeks Wissensargument in der Sozialismusdebatte. Hayek hatte argumentiert, dass zentrale Planer niemals über so viel Wissen verfügen können wie die frei handelnden Individuen, weswegen der Markt effizienter sei. Polanyis Ausführungen zeigen theoretisch (ohne Rekurs auf empirische Fragen), dass Wissen (teilweise) nicht artikulierbar ist und dass dieses implizite Wissen nur der Handelnde selbst, nicht ein zentraler Planer, nutzen kann. Polanyi selbst entwickelte in der Schrift „The Span of Central Direction“ eine eigene Version der Sozialismuskritik mit Fokus auf Polyzentrität.

Polanyi hat darüber hinaus aber auch in der Ökonomik selbst gearbeitet: 1945 publizierte er Full Employment and Free Trade. Hier versuchte er eine Synthese Keynesianischer Nachfragepolitik und monetärer Politik. Mit dieser Synthese “war Polanyi den klügsten Köpfen in der Ökonomik um mindestens zwei, wenn nicht drei Jahrzehnte voraus“, wie  Roberts und Van Cott schreiben. Polanyi argumentierte gegen Keynesianische Versuche, über Staatsausgaben die Wirtschaft zu stimulieren, und für eine proaktive Regulierung der Geldzirkulation in der Wirtschaft. Polanyi ist dementsprechend eher ein klassischer Liberaler im Stile Keynes‘, der auch Raum für soziale Gerechtigkeit in einer freien Gesellschaft sah.

Michael Polanyi ist eine außergewöhnliche Figur, die in all ihren Facetten kaum eingefangen werden kann. Mit seinen höchst bedeutenden Beiträgen zur Chemie, Wissenschaftstheorie, politischen Philosophie, Ökonomik und auch Sozialphilosophie kann Polanyi fast schon als Universalgelehrter gelten, der darüber hinaus stets ein leidenschaftlicher Verteidiger der Freiheit war.

Weiterführende Literatur

Aligica, Paul D., and Vlad Tarko. “Polycentricity: From Polanyi to Ostrom, and Beyond.” Governance: An International Journal of Policy, Administration, and Institutions, Vol. 25, No. 2, April 2012: 237-262.

Bretislav, Friedrich. “Michael Polanyi (1891 – 1976): The Life of the Mind.” Bundes-Magazin · 18. Jahrgang, Mai 2016: 160-167.

Polanyi, Michael. Personal Knowledge: Towards a Post-Critical Philosophy. London: The University of Chicago Press, 1962 [1958].

—. The Logic of Liberty. Carmel: Liberty Fund, Inc., 1998 [1951].

—. The Tacit Dimension. Chicago and London: The University of Chicago Press, 2009 [1966].

Roberts, Paul Craig, and Norman T. Van Cott. “Michael Polanyi’s Economics.” The Independent Review, v.III, n.4, Spring 1999: 575–580.

Max Molden

Max Molden hat in Bayreuth Philosophy and Economics studiert und am King's College London seinen Master in Political Economy gemacht.