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Kirzner, Israel M.

Von Kalle Kappner.

Der Ökonom Israel Meier Kirzner (*17. Februar 1930, London) gehört zu den bedeutendsten Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie beziehungsweise dessen US-Amerikanischen Zweigs, der „Austrian Economics“. Zu seinen maßgeblichen Beiträgen gehören die Marktprozesstheorie sowie zahlreiche Untersuchungen zur ethischen Bewertung marktwirtschaftlicher Allokation.

Biographie

Israel M. Kirzner wurde 1930 in London geboren und wuchs ab 1940 in Südafrika auf. Er studierte zunächst in Kapstadt (1947-48), London (1950-51) und am Brooklyn College (1952-54), bevor er 1957 an der New York University (NYU) bei seinem Doktorvater Ludwig von Mises promovierte. Auf verschiedenen Lehrpositionen an der NYU tätig, wurde er schließlich 1968 auf eine Professur für Wirtschaftswissenschaften berufen, die er bis zu seiner Emeritierung innehatte.

Kirzner lieferte in einer Fülle von Artikeln und zehn Monographien wichtige Beiträge zur Theorie des Unternehmertums, zur Ideengeschichte, zur Rolle des Wissens im Marktprozess und zur Untersuchung ethischer Fragen der Marktwirtschaft aus der Perspektive der Österreichischen Schule. In Forschung und Lehre bemühte sich Kirzner stets um den Dialog mit Vertretern der neoklassischen Wirtschaftswissenschaften. Exemplarisch sei auf sein Lehrbuch “Market Theory and the Price System” verwiesen, das die neoklassisch-marginalistische Preistheorie um ein dynamisches Modell unternehmergetriebener Gleichgewichtstendenzen ergänzt.

Wie sein Vater ist Kirzner Rabbiner und Talmudist. Parallel zu seiner akademischen Arbeit studierte er unter dem orthodoxen Rabbi Isaac Hunter an der Jeschiwa Chaim Berlin in New York. Kirzner steht der Bnei Yehuda-Gemeinde in Brooklyn vor.

Kritik des statischen Wettbewerbs

Zu den Kernbestandteilen neoklassischer Wirtschaftstheorie gehört das in den 1920ern entwickelte Konzept des „perfekten Wettbewerbs“. Es beschreibt einen Zustand, in dem weder Konsumenten noch Produzenten Einfluss auf Marktpreise nehmen können, also als reine Preisnehmer agieren. Im perfekten Wettbewerb machen Unternehmen weder Profite noch Verluste und die Angebot und Nachfrage ausgleichende Allokation ist effizient. Wie die Theorietradition der Neoklassik insgesamt, hat sich das Konzept des perfekten Wettbewerbs als erstaunlich robust gegenüber externer und interner Kritik erwiesen. Während sich das Gros der Kritik auf die unrealistischen zugrundeliegenden Annahmen – insbesondere die „Perfektion“ vollständigen Wissens – bezieht, ist Kirzners Kritik allerdings fundamentaler: Er stellt den verwendeten statischen Wettbewerbsbegriff in Frage und formuliert eine den dynamischen Prozesscharakter des Wettbewerbs betonende Alternative.

Wettbewerb, so Kirzner, ist ein Prozess des Ringens um Dominanz unter gegenseitiger Beeinflussung, kein Zustand interaktionsloser Regungslosigkeit. Zwar greift die neoklassische Theorie bisweilen zurück auf das Konstrukt eines durch den sogenannten Walrasianischen Auktionator orchestrierten „Tâtonnement-Prozess“, der ungleichgewichtige Preise und Quantitäten durch zentrale Lenkung ins Gleichgewicht bringt. Doch die Analyse dieses hypothetischen zentralisierten Ausgleichprozesses entfällt. Genau hier setzt Kirzners Kritik an: Die neoklassische Theorie ist nicht in der Lage zu erklären, wie Märkte in Gleichgewichtszustände gelangen können und welche Merkmale Märkte in nicht-gleichgewichtigen Situation prägen. Auch aus methodologischer Sicht ist es unbefriedigend, lediglich den (hypothetischen) Endzustand eines Prozesses zu analysieren, statt zu erklären, welcher Logik der Prozess folgt, ferner ob und wie er zum Endzustand strebt. Gefährlich wird das Konzept des perfekten Wettbewerbs, wenn es zur Grundlage normativer Wertungen wird, etwa als Idealzustand an das die Ordnungspolitik die Realität anzunähern habe.

Marktprozesstheorie

Für Kirzner muss eine relevante Theorie des Marktes daher Marktprozesstheorie sein. Der treibende Akteur dieses Prozesses ist der profitsuchende Unternehmer, der unter Bedingungen von Unsicherheit und Risiko handelt: „Während jeder neoklassische Akteur in einer Welt gegebener Preise und Quantitäten operiert, handelt der Österreichische Unternehmer, um Preise und Quantitäten zu verändern.“ Reine Profite lassen sich durch intertemporale und geographische Arbitrage, Spekulation über zukünftige Konsumentenwünsche und innovative Inputfaktorkombinationen erzielen. Durch die Realisierung dieser Profite verschwinden zugleich die zugrundeliegenden Fehlallokationen – und damit die Möglichkeit zur Generierung weiterer Profite.

Der Kirznersche Unternehmer strebt nach Profit, doch er kann Fehler begehen und Verluste erleiden. Frühere Fehler können jedoch nicht nur korrigiert werden; da sie selbst neue Profitgelegenheiten schaffen, gibt es sogar einen systematischen Anreiz, sie zu korrigieren. Das Erwirtschaften von Profit bedeutet daher gleichzeitig die Korrektur früherer unternehmerischer Fehler. Doch wer oder was garantiert, dass häufiger Fehler korrigiert als neue begangen werden, der Marktprozess somit insgesamt zu einer korrekten Interpretation der fundamentalen Marktdaten, also zum Gleichgewicht, strebt? Die Antwort liegt in der unternehmerischen Findigkeit (alertness), dem Talent zur Entdeckung neuer Profitmöglichkeiten.

Unternehmerische Findigkeit und Gleichgewicht

Unternehmer befolgen nicht schlicht systematische Routinen, sondern sind in der Lage, die Ursachen früherer Fehler zu begreifen. Durch den Marktprozess wird das verstreute Wissen über fehlerhafte unternehmerische Pläne an die anderen Marktteilnehmer verteilt. Im gegenseitigen Lernprozess verstehen Unternehmer, welche Strategien und Pläne zu Verlusten führen und fortan gemieden werden sollten. Im Wettbewerb scheiden dabei jene Unternehmer aus, denen eine tendenziell zutreffende Einschätzung der fundamentalen Marktdaten dauerhaft misslingt.

Die findige Profitsuche der Unternehmer setzt so die Korrektur von aus früheren Fehlern resultierenden Fehlallokationen in Gang, was dem Marktprozess eine Tendenz zur Plankoordinierung, also zu gleichgewichtigen Preisen verschafft. Da die fundamentalen Marktdaten (Präferenzen, Knappheitsverhältnisse und technologische Möglichkeiten) jedoch permanentem Wandel unterliegen – nichts anderes bedeutet Unsicherheit in diesem Kontext –, entstehen zu jedem Zeitpunkt neue Profitquellen, also Ungleichgewichte. Der Marktprozess strebt zum Gleichgewicht, doch er wird es nie dauerhaft erreichen.

Ethik des Profits

In einer Reihe von Aufsätzen und seinem Werk „Discovery, Capitalism, and Distributive Justice“ verteidigt Kirzner die Ansicht, dass der von ihm identifizierte reine Profit legitimen Besitz des realisierenden Unternehmers darstellt. Der Unternehmer findet neue Profitmöglichkeiten und darf daher als Finder einer zuvor unbeanspruchten Ressource Eigentum beanspruchen. Damit wendet sich Kirzner sowohl gegen ethische Theorien, die den legitimen Anspruch auf den Profit den Produzenten der zugrundeliegenden Güter und Dienstleistungen zusprechen, als auch gegen utilitaristische Ansätze, die den Profitanreiz in den Vordergrund stellen.

Weitere Lektüre

Der Liberty Fund gibt Kirzners zahlreiche Monographien als „Collected Works“ zu erschwinglichen Preisen neu heraus.

Kalle Kappner

Kalle Kappner ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität. Er ist Research-Fellow am Institute for Research in Economic and Fiscal Issues.