Lippmann, Walter

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In den USA gilt Walter Lippmann als der einflussreichste Intellektuelle des 20. Jahrhunderts. Im Laufe seines Lebens (1889-1974) verfasste er zweiundzwanzig Bücher, mehrere tausend Artikel, die in über zweihundert Zeitungen erschienen, sowie die Reden und Programme von mehreren US-Präsidenten beider Parteien. Er prägte Begriffe wie Cold War, Atlantic Community, Gatekeeper und Stereotype, welche bis heute das das politische und akademische Denken weltweit bestimmen. Mit seinem Buch „Die öffentliche Meinung – Wie sie entsteht und manipuliert wird“ legte er 1922 die Grundlagen der Propaganda-Forschung und der Kommunikationswissenschaft. Doch Lippmann war nicht nur ein Journalist und Theoretiker der Propaganda. Er versuchte auch, durch ihre Anwendung die liberale Demokratie in Zeiten, als Kommunismus und Faschismus immer beliebter wurden, zu verteidigen, und den Kapitalismus durch eine Synthese mit einem starken Sozialstaat neu zu erfinden. Er wird daher heute oft als der Vater und bedeutendste Propagandist des Neoliberalismus bezeichnet.

Sozialistische Jugend

Geboren am 23. September 1889 in New York als einziges Kind wohlhabender deutsch-jüdischer Eltern mit einem ausgeprägten Gesellschaftsleben, bewegte sich Walter Lippmann bereits als Jugendlicher wie selbstverständlich in den einflussreichsten Zirkeln seiner Zeit. Nachdem er mit 17 Jahren das Studium in Harvard aufnahm, traf der Student sich wöchentlich mit dem berühmten Psychologen William James zu einer Teestunde. Er entwickelte auch enge Beziehungen zu seinen Dozenten, darunter dem Philosophen George Santayana und dem sozialistischen Sozialpsychologen Wallas Graham, der Lippmann später sein Buch „The Great Society“ widmete.

Der junge Lippmann belegte in Harvard Kurse in Ökonomie, Literatur, Geschichte und Philosophie und engagierte sich, von seiner lebenslangen Leidenschaft für soziale Gerechtigkeit getrieben, als Sozialist in verschiedenen studentischen Hilfsaktionen und als Redakteur und Gründer sozialistischer Studentenklubs und -zeitungen. Er war kurzzeitig Mitglied der New York Socialist Party, hatte aber bereits während des Studiums eine sehr kritische bis ablehnende Haltung gegenüber den Kernideen des Sozialismus entwickelt und beschäftigte sich damals bereits mit liberalen Positionen.

Nach seinem Abschluss 1909 verfasste er als investigativer Journalist 1910 eine Reportage über die damals zunehmende Macht von Banken, vor allem J. P. Morgan, im Finanzwesen. Die öffentliche Reaktion darauf trug unter anderem dazu bei, dass die seit der Bankenkrise von 1907 laufende Debatte über die Stabilität des Bankenwesens im Federal Reserve Act von 1913 und der Gründung der US-Zentralbank mündete.

Inspiriert von seinem 1910 verstorbenem Mentor, dem Psychologen William James, und psychoanalytischen Theorien, nahm Walter Lippmann Kontakt zu Sigmund Freud, Alfred Adler und Carl Jung auf. 1913 veröffentlichte er sein erstes Buch „A Preface to Politics“, welches psychoanalytische Methoden und einen von Friedrich Nietzsche inspirierten epistemologischen Relativismus auf Politiktheorie anwandte. Dank einer positiven Rezension durch Sigmund Freud in dessen eigenem Journal Image erreichte das Buch eine breite Rezeption. Zu den Lesern gehörte unter anderem der ehemalige Präsident Theodor Roosevelt, der sich daraufhin mit dem fünfundzwanzig Jahre alten Walter Lippmann anfreundete und ihn als den brillantesten jungen Mann Amerikas bezeichnete. Innerhalb kurzer Zeit gelangte Lippmann durch diese Kontakte in die höchsten Kreise der Gesellschaft und konnte mit der Hilfe reicher Geldgeber 1914 das progressive Magazin The New Republic gründen, das bis heute erscheint.

Hinwendung zum Liberalismus und Aufstieg zum politischen Berater

Mit seinem zweiten, noch erfolgreicheren Buch „Drift and Mastery“ von 1914 etablierte sich Walter Lippmann als einer der einflussreichsten Intellektuellen des amerikanischen Progressivismus. Er verwarf darin traditionalistische und marxistische Utopien und analysierte die Möglichkeiten der Schaffung einer besseren Gesellschaft durch die Anwendung wissenschaftlicher und rationaler Methoden.  

Durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges begann Walter Lippmann sich mit Außenpolitik zu beschäftigen. Er wandte sich daraufhin endgültig von sozialistischen Positionen ab und wurde überzeugter Verfechter eines progressiven Liberalismus, dessen Verteidigung auch durch Krieg er befürwortete. In seinem dritten, 1915 erschienen Buch „The Stakes of Diplomacy forderte er daher die Etablierung einer globalen, liberalen Hegemonie.

Aus diesem Idealismus heraus unterstützte Lippmann 1916 die Wiederwahl des von 1913 bis 1921 amtierenden US Präsidenten Woodrow Wilson. Wilson trat zwar an und gewann mit dem Slogan „He Kept Us Out Of War“ und damit dem Versprechen nicht in den Weltkrieg einzutreten. Aber Lippmann erkannte bereits davor, dass Wilson in Wirklichkeit auf einen Kriegseintritt der USA hinarbeitete. Über die zunehmend einflussreiche The New Republic machte Lippmann Stimmung gegen einen „Peace Without Victory“ und führte den Begriff der „Atlantic Community“ ein, nach der die USA verpflichtet wären für den „Highway“ der Welt, die Freiheit der Meere, an der Seite Großbritanniens in den Krieg zu ziehen.

Als das sogenannte Zimmermann-Telegramm abgefangen wurde, erklärten die Vereinigten Staaten am 6. April 1917 Deutschland den Krieg. Die Stellungnahme von Präsident Wilson, nach der die USA für die „Demokratie kämpfen“ und „die Welt sicher für die Demokratie machen“ müssten, schrieb der gerade mal 28 Jahre alte Walter Lippmann, der damit im Zentrum der politischen Macht angekommen war. Er wurde zum Assistenten des Kriegsministers Newton D. Baker ernannt und zum Generalsekretär der geheimen Studiengruppe The Inquiry, die die Unterlagen für den kommenden Friedensvertrag ausarbeitete. Zusätzlich wirkte er an der Gründung und der Arbeit des Committee on Public Information (CPI) mit, einem Propaganda-Institut mit dem Ziel, die amerikanische Bevölkerung von der Notwendigkeit des Kriegseintritts zu überzeugen. In seiner neuen Position wirkte Lippmann an dem Entwurf des 14-Punkte-Programms mit, verfasste von London und Paris aus Flugblätter, die hinter den Frontlinien abgeworfen wurden, und nahm an der Pariser Friedenskonferenz 1919 teil.

Pragmatismus, die öffentliche Meinung und gelenkte Demokratie

Wie sein bei den Verhandlungen ebenfalls anwesender Freund John Maynard Keynes, erkannte Walter Lippmann den Versailler Vertrag als eine Katastrophe. Von diesem Ergebnis enttäuscht und von den darauffolgenden Wirtschaftskrisen beeinflusst, begann er seine Arbeit als Propagandist im Weltkrieg zu reflektieren. Vor allem der unglaubliche Erfolg des CPIs, welches es geschafft hatte, die amerikanische Bevölkerung innerhalb weniger Monate von einer kompletten Ablehnung des Krieges in Kriegsbegeisterung umzustimmen, beunruhigte ihn. Sein liberaler Idealismus wich einer kritischen und pragmatischeren Haltung. Lippmann verstand sich selbst zunehmend als Sozialingenieur, der auf die öffentliche Meinung ausgleichend einzuwirken versuchte, wenn sie zu sehr in Extreme zu verfallen drohte. Dies schlug sich unter anderem darin nieder, dass er begann, nicht nur für demokratische, sondern auch für republikanische Zeitungen zu schreiben, und sowohl demokratische als republikanische Präsidenten zu beraten. Darüber hinaus gehörte er zu den Gründern und aktiven Mitgliedern des 1921 entstandenem Council on Foreign Relations (CFR), einem privaten Think Tank mit Fokus auf außenpolitische Themen, der bis heute zu den einflussreichsten Organisationen dieser Art weltweit zählt.

In den 1920er Jahren entwickelte Lippmann auch seine Rolle als Medienkritiker und Philosoph und analysierte die Schwierigkeiten und das Zusammenwirken von Demokratie und Freiheit in einer immer komplexeren und immer mehr von Medien dominierten Gesellschaft. Aus diesen Überlegungen entstanden drei Bücher: „Liberty and the News“ 1920, „Public Opinion“ (dt. Die öffentliche Meinung – wie sie entsteht und manipuliert wird) 1922 und „The Phantom Public“ 1925. Er kritisierte darin die effekthascherischen Vorgehensweisen der damaligen Presse als eine der Ursachen für die Krisen der Demokratie und forderte darin die professionellen Standards, die bis heute als die des objektiven Journalismus gelten.

Von diesen Büchern ist „Public Opinion“ das einflussreichste von Walter Lippmann. Es ist sowohl eine Aufarbeitung seiner Erfahrungen als Propagandist während des Ersten Weltkriegs, als auch eine tiefgründige Analyse der psychologischen und gesellschaftlichen Wirkungsmechanismen der Medien und der daraus resultierenden Implikationen für die Politik.

Walter Lippmann beschreibt in dem Buch, warum Menschen keinen direkten Zugang zu einer objektiven Realität haben. Sie leben und bilden ihre Meinungen und Entscheidungen vielmehr in einer von Stereotypen, dem sozialen Umfeld, persönlichen Erfahrungen, Emotionen und auch Medien verzerrten Pseudowirklichkeit. Diese Pseudowirklichkeit wird in der komplexen und medialisierten Welt immer mehr von Bildern und Stereotypen bestimmt, über die die Menschen aber keine Kontrolle haben, sondern die von den Medien kreiert werden. Er legte damit die Grundlagen der Kommunikationswissenschaft und der politischen Psychologie, und nahm zahlreiche Konzepte wie Agenda-Setting, Opinion-Leaders, Gate-Keeping, Heuristiken, Framing und Stereotypen vorweg, die von Wissenschaftlern wie Paul Lazarsfeld, Jürgen Habermas und Daniel Kahnemann teilweise erst Jahrzehnte später vollständig konzeptualisiert und ausgearbeitet wurden.

Des Weiteren arbeitete er darin seine Überzeugung aus, dass Freiheit nur in einer gelenkten Demokratie, die aus zwei Klassen besteht, langfristig überleben kann. Denn in großen Gesellschaften ist die Pseudowirklichkeit der gewöhnlichen Menschen zu sehr von der äußeren Realität und von den großen fernen Ereignissen der Politik entkoppelt. Die Menschen sind daher nicht in der Lage, die komplexe politische Landschaft komplett nachzuvollziehen, die medial vermittelten Nachrichten eigenhändig zu prüfen und zu vernünftigen Entscheidungen zu kommen. Selbst wenn man die Menschen mit immer mehr Informationen über alle wichtigen Ereignisse zu versorgen versucht, führt das nicht zu besseren Entscheidungen, denn die Menschen neigen dazu, bei der Selektion ihrer Nachrichten weniger die Wahrheit, als Bestätigungen für ihre bestehenden Vorurteile zu suchen.

Man kann dem einfachen Bürger nach Lippmanns Beobachtungen schlicht nicht zutrauen, dass er eine fundierte Meinung über abstrakte Themen wie zum Beispiel die internationalen Beziehungen, die richtige Wirtschaftsform oder den Umweltschutz hat, wenn selbst Experten, die ihre ganzen Karrieren einem einzelnen davon widmen, jahrelang studieren und forschen müssen, um es wirklich zu verstehen. Eine Demokratie, in der die Politiker ihre Entscheidungen auf der Basis der öffentlichen Meinungen treffen, und dabei auf den aufklärerischen Glauben an die Vernunft der Bürger setzen, ist in Anbetracht dessen im besten Fall naiv, und liefert sich im schlimmsten Fall links- oder rechtsextremen Populismus oder der Selbstzerstörung aus.

Die Masse der einfachen Bürger war in Lippmanns Augen daher eine verwirrte und unwissende Herde, die lediglich die Befugnis haben sollte, Politiker in die Regierung zu wählen und die restliche Zeit passiv mit Grasen zu verbringen. Die Politiker sollten aber nach Lippmann selbst auch nur eingeschränkte Macht haben und von einer Klasse unabhängigen Spezialisten beraten werden. Diese Spezialisten sollten dann die Lage der Nation analysieren, durch die Lenkung der Medien nach den Standards des objektiven und pluralistischen Journalismus eine gesunde öffentliche Meinung formen und die wichtigen Entscheidungen auf politischer, wirtschaftlicher und ideologischer Ebene treffen.

Die Krise des Liberalismus und die Gesellschaft freier Menschen

Die politischen Entwicklungen der dreißiger Jahre bestärkten Lippmann in seinen Überlegungen einer vor allem durch Spezialisten gelenkten Demokratie zur Sicherung der Freiheit. Durch die seit 1929 tobende Weltwirtschaftskrise wurden der Liberalismus, die Demokratie und der Kapitalismus für die breite Masse der Menschen zum Synonym einer schlechten Welt. Insbesondere in Europa breiteten sich anti-demokratische und anti-liberale Gesinnungen aus und die Menschen wählten auf demokratischem Wege Faschisten und Kommunisten an die Macht.

Lippmann wurde angesichts das Marktversagens und der Armut, die die Krise der liberalen Demokratie verursachten, zum scharfen Kritiker der klassischen-liberalen Ökonomie. Er korrespondierte intensiv mit Ökonomen wie Keynes und Hayek und verbreitete seine eigenen ökonomischen Ansichten in seinen Kolumnen, was ihn zu einem der ersten öffentlichen Ökonomen machte. Er agierte dabei anfangs als wichtigster publizistischer Befürwortete des New Deals von Franklin D. Roosevelt, einer Reihe von Reformen in den Jahren 1933 bis 1938, zu denen die stärkere Regulierung der Finanzmärkte und die Einführung von Sozialversicherungen in den USA gehörten.

Als Roosevelt jedoch 1936 versuchte, den Obersten Gerichtshof neu zu organisieren, um seine immer weiter reichenden Reformen durchzusetzen, überwarf sich Lippmann mit ihm. Er wurde zum Kritiker des New Deals und warf Roosevelt vor, den Weg in die Diktatur zu bahnen, da dieser statt des von Lippmann erhofften keynesianischen Kapitalismus, zunehmend einen „geplanten Kollektivismus“ zu etablieren versuchte, der die Sicherheit des Privateigentums und der Freiheit bedrohte.

Als Antwort auf die Reformen in den USA und die Ausbreitung des Totalitarismus in Europa, schrieb und veröffentlichte Walter Lippmann 1937 sein zweiteinflussreichstes Buch „The Good Society“ (dt. Die Gesellschaft freier Menschen). Darin kritisierte er sowohl den Laissez-faire-Kapitalismus, als auch den Autoritarismus und den Kollektivismus aus einer liberalen Perspektive. Dabei popularisierte er auch die Ansicht, dass Kommunismus und Faschismus beide Ausprägungen des zum Liberalismus diametralen Kollektivismus seien. Als Alternative schlug er seine eigene Agenda eines neuen Liberalismus vor, die die Vorteile der freien Markwirtschaft und des Kapitalismus mit Maßnahmen wie Regulierungen gegen Monopole und einer sozialstaatlichen Umverteilung kombinierte, um dessen Schwächen zu kompensieren. Im Gegensatz zu kollektivistischen Maßnahmen wie im Sozialismus oder Faschismus sollte dabei der Markt aber als wichtigster Regler der Arbeitsteilung und des Handels erhalten bleiben.

Das Walter Lippmann Colloquium und die Geburt des Neoliberalismus

Lippmanns Vision in „Die Gesellschaft freier Menschen“ fand insbesondere großen Anklang bei liberalen Intellektuellen in Europa. Als Lippmann 1938 mit seiner zweiten Frau eine Hochzeitsreise nach Europa unternahm, ergriff der französische Philosoph Louis Rougier die Initiative und lud im August 1938 Lippmann und vierundzwanzig weitere Intellektuelle nach Paris zu einer Konferenz ein mit dem Titel Colloquium Walter Lippmann.

Während der Konferenz diskutierten die Teilnehmer, darunter Friedrich August von Hayek, Wilhelm Röpke, Auguste Detoeuf, Alexander Rüstow, Ludwig von Mises und Raymond Aron, die Ideen des Buches. Ziel war es, eine Organisation zur Überwindung der Krise des Liberalismus und eine neue philosophische Fundierung für eine freie Gesellschaftsordnung zu schaffen, die sie Neoliberalismus tauften.

Bei dem Treffen zeigte sich allerdings bereits das Schisma zwischen den Altliberalen des Klassischen Liberalismus, wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, und den Neoliberalen wie Walter Lippmann und Wilhelm Röpke. Während die Ersteren vehement an einer Rückkehr zum Laissez-faire-Kapitalismus und dem Ideal eines Nachwächterstaates festhielten, waren diese in den Augen der Neoliberalen genau die Gründe für das Scheitern des Liberalismus und die katastrophalen Wirtschaftskrisen der vergangenen Jahrzehnte. Für die Neoliberalen war politische Freiheit wichtiger als wirtschaftliche Freiheit und sie wollten mit dem Neoliberalismus eher einen neuen, sowohl antikapitalistischen als auch antikommunistischen Dritten Weg einschlagen.

Durch den Ausbruch des Krieges blieb das auf der Konferenz gegründete CIERL – Comité international d’étude pour le renouveau du libéralisme bedeutungslos und löste sich auf. Das Schisma zwischen den Altliberalen und den Neoliberalen führte dazu, dass Lippmann sich weigerte, das Vorwort zu Hayeks 1944 erschienem „Der Weg zur Knechtschaft“ zu schreiben und sich weitestgehend von diesem abwandte. Als Hayek nach dem Weltkrieg 1947 als Nachfolgeorganisation zur CIERL die klassisch liberale Mont Pèlerin Society gründete, mit dem Ziel, durch ein internationales Netzwerk von liberalen Intellektuellen langfristig die öffentliche Meinung zu beeinflussen, schlug Walter Lippmann die Einladung aus und distanzierte sich von dem Denkkollektiv.

Dagegen begann er noch 1938, an seinem Buch „The Public Philosophy zu arbeiten, welches er erst 1955 abschloss und veröffentlichte. In diesem Essayband stellte er seine persönliche politische Philosophie vor, die sich auf dem schmalen Pfad zwischen Existenzialismus und Essentialismus bewegt, und verfeinerte seine Version eines neuen Liberalismus. Er kritisierte darin den Zustand der westlichen Welt, in der durch die Massenkultur die Regierungen wie gelähmt und immer weniger in der Lage waren, unbeliebte, aber notwendige Entscheidungen zu treffen. Unter anderem warf er intellektuellen Eliten vor, mit ihrem jakobinischen Eifer und dem dogmatischen Glauben an natürliche Rechte, die er vom Naturrecht unterschied, das Funktionieren des Staates und der liberalen Demokratien auszuhöhlen, und verurteilte den Einsatz von Propaganda außerhalb von Kriegszeiten. Das Buch stieß in den liberalen Kreisen auf eher wenig Gegenliebe.

Durch den Einfluss von Friedrich August von Hayek und insbesondere der von ihm inspirierten, als Chicago Boys bekannten chilenischen Ökonomen auf die chilenische Diktatur unter Augusto Pinochet erlebte der Begriff Neoliberalismus in den 1970er Jahren die Umdeutung in die heute gebräuchliche Bezeichnung für wirtschaftsliberale Maßnahmen und einen ungezügelten Kapitalismus. Wenn heutzutage von Neoliberalismus die Rede ist, ist entsprechend meist tatsächlich eher der von Hayek propagierte Klassische Liberalismus oder der Libertarismus gemeint und nicht der Neoliberalismus in seinem ursprünglichen Sinne.

Zweiter Weltkrieg und Kalter Krieg

Nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wirkte Walter Lippmann intensiv an dem Aufbau der Informations- und Propagandanetzwerke der Alliierten mit und beriet verschiedene dafür eingerichtete Institute, als deren Sprachrohr er auch immer wieder mit seinen eigenen Kolumnen diente. Zentral war dabei insbesondere die Beratung des mit ihm befreundeten Bill Donovan, der das Office of Strategic Services (OSS) leitete, den Vorläufer der nach dem Krieg gegründeten CIA. Unter anderem machte Lippmann während des Kriegs von seiner publizistischen Reichweite Gebrauch, um nach dem Angriff auf Pearl Harbour die Angst vor möglichen japanischen Sabotageakten zu schüren und die Internierung von 110.000 japanischstämmigen Amerikanern durch die US-Regierung zu rechtfertigen.

Als Sohn eines Deutschen war Lippmann selbst stark an der Zukunft Deutschlands interessiert, weshalb er sich gegen Präsident Franklin D. Roosevelts Forderung nach bedingungsloser Kapitulation und auch gegen eine Teilung Deutschlands aussprach. In seinem Buch „The Cold War“ popularisierte er 1947 die Bezeichnung Kalter Krieg, um die wachsende Spannung zwischen den USA und der Sowjetunion zu beschreiben, und vertrat die Meinung, dass Frieden erst möglich sein würde, wenn die Besatzung Deutschlands endete.

In der Nachkriegszeit entwickelte sich Walter Lippmann zu einer angesehenen moralischen Instanz der amerikanischen Öffentlichkeit, kritisierte den Einsatz von Propaganda und legte sich sowohl mit Republikanern als auch Demokraten an. Er wurde zwar zunehmend zu einem Konservativen, allerdings mit einer nuancierten, eher liberalen Haltung, wodurch er zwischen allen Stühlen saß. Er war zugleich Kritiker des Verfolgungswahns des McCarthyismus, als auch Befürworter des Anti-Kommunismus. Er verurteilte vehement den Koreakrieg und den Vietnamkrieg, da er beide als sinnlose Konflikte ansah, und versuchte, deeskalierend auf die internationale Politik einzuwirken. 1961 reiste er in die Sowjetunion und interviewte Nikita Chruschtschow. Während der Kuba-Krise war es Walter Lippmann, der als Erster in seiner Kolumne öffentlich forderte, im Austausch für den Abzug der Atomwaffen von Kuba die in der Türkei stationierten Mittelstreckenraketen abzuziehen.

1958 und 1962 erhielt Walter Lippmann den Pulitzerpreis, einmal für seine Kolumne Today and Tomorrow und einmal für sein Interview mit Chruschtschow. 1965 bekam er von der American Academy of Arts and Letters die Gold Medal for Belles Lettres and Criticism und 1964 zeichnete US-Präsident Lyndon B. Johnson ihn mit der Presidential Medal of Freedom aus, der höchsten zivilen Auszeichnung in den USA. Als Walter Lippmann sich 1967 im Alter von 78 Jahren aus dem Journalismus zurückzog, hatte er in seiner über sechs Jahrzehnte dauernden Karriere über 4,000 Kolumnen verfasst und den Journalismus und die globale Politik nachhaltig geprägt.

Am 14. Dezember 1974 starb Walter Lippmann im Alter von 85 Jahren an Herzversagen. In seinem Nachruf bezeichnete Präsident Ford den Tod von Lippmann, als den Verlust eines großen Amerikaners, dessen Vision einer „Good Society“ noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Vermächtnis

Lippmanns Vermächtnis lebt bis heute weiter, nicht nur in den von ihn geprägten Begriffen, gegründeten Instituten und der Kommunikationswissenschaft. Formen seiner Vision des Neoliberalismus existieren heute vor allem in vielen europäischen Ländern, unter anderem als Soziale Marktwirtschaft in Deutschland. Die Etablierung von öffentlich-rechtlichen Rundfunksystemen, die von Gebühren statt von Steuern finanziert und von Expertengremien kontrolliert werden und hohen Standards verpflichtet sind, kann ebenfalls als eine Umsetzung von Walter Lippmanns Idee einer die liberale Demokratie stabilisierenden Spezialisten-Klasse betrachtet werden. Den linksradikalen und rechtsextremen Populismus, der seit der Möglichkeit des freien Informationsaustausches im Internet die liberale Demokratie des 21. Jahrhunderts erschüttert, kann man hingegen als eine erneute Realisierung von Lippmanns düsterer Prognose sehen, dass liberale Demokratien ohne regulierte Mediensysteme und ohne um Objektivität bemühten Journalismus sich selbst zu zerstören drohen. In Zeiten von Fake News, Deep Fakes und der erneuten Krise des Liberalismus, ist Walter Lippmann damit so aktuell wie eh und je.

Literatur

Lippmann, Walter, Die öffentliche Meinung: Wie sie entsteht und manipuliert wird, Westend Verlag, 2018

Reinhoudt, Jurgen, Audier, Serge, The Walter Lippmann Colloquium: The Birth of Neo-Liberalism, Palgrave Macmillan, 2018

Riccio, Barry, Walter Lippmann – Odyssey of a Liberal, Transaction Publishers, 1994

Steel, Roland, Walter Lippmann and the American Century, Transaction Publishers, 1999

Nikodem Skrobisz

Nikodem Skrobisz, auch bekannt als Leveret Pale, ist als Journalist und Schriftsteller tätig und hat bereits mehrere Romane und Kurzgeschichten publiziert, die meist philosophische und gesellschaftliche Themen behandeln, wie Transhumanismus, Subkulturen, individuelle Freiheit und Sinnfindung. Seit Oktober 2017 ist er Vorstandsmitglied des Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V.. Er studiert Kommunikationswissenschaften und Psychologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Weitere Informationen auf seinem Blog: https://leveret-pale.de