Aron, Raymond

Erling Mandelmann (CC BY-SA 3.0)

Von Matthias Oppermann.

Raymond Aron war ein Denker der Mitte in einem Land ohne Mitte. Seit den Anfängen der Französischen Revolution ist das politische Leben in Frankreich von einer scharfen Trennung zwischen einem linken und einem rechten Lager geprägt. Tatsächlich ist die Rechts-Links-Dichotomie erfunden worden, als die Abgeordneten der verfassungsgebenden Nationalversammlung am 11. September 1789 entscheiden mussten, ob die neue Verfassung dem König ein absolutes oder nur suspensives Vetorecht einräumen sollte.  Bei der Abstimmung teilten sich die Abgeordneten in zwei Gruppen: die Befürworter eines absoluten Vetos sammelten sich rechts, diejenigen, die ein nur aufschiebendes Veto wollten, trafen sich links. Eine mittlere Antwort gab es nicht. Das prägt die politische Kultur Frankreichs bis heute.

Doch was für die praktische Politik gilt, muss nicht für das politische Denken zutreffen. Zumindest im 19. Jahrhundert, dem goldenen Zeitalter des Liberalismus, gab es durchaus prominente Vertreter der Idee der Mitte im intellektuellen Leben Frankreichs. Benjamin Constant, François Guizot und Alexis de Tocqueville – das waren die wichtigsten Vertreter dieser Richtung eines gemäßigten, das heißt mehr oder weniger konservativen, Liberalismus, die in Frankreich mitunter als „englische Schule“ bezeichnet wird. Sie reicht bis ins 20. Jahrhundert und hat ihren letzten großen Repräsentanten in Aron gefunden. Dabei war sein zutiefst politischer Liberalismus, sein Mittelweg zwischen den Extremen, in erster Linie eine Antwort auf die Herausforderungen der Zeit. Er beruhte nicht auf einer Theorie, sondern auf der Beobachtung der Bedrohungen, denen die Freiheiten in einem „Zeitalter der Tyranneien“ (Élie Halévy) ausgesetzt waren. Arons Liberalismus war im Kern eine konservative Verteidigung der liberalen Demokratie.

Biographie

Raymond Claude Ferdinand Aron wurde am 14. März 1905 als dritter und letzter Sohn einer jüdischen Familie des mittleren Bürgertums in Paris geboren. Durch und durch säkular, ohne Verbindung zum Glauben ihrer Vorfahren, wussten die Arons, dass sie ihre Rechte der durch die Französische Revolution ermöglichten Emanzipation verdankten, und machten die Republik zum Dreh- und Angelpunkt ihrer Identität. Auch Raymond Aron erbte den „lothringischen Patriotismus“, wie er ihn später in Anspielung auf die Herkunft seiner Familie nannte. Doch anders als sein Vater, der dem linksliberalen Parti radical nahestand, tendierte Aron in jungen Jahren weiter nach links. Spätestens mit der Aufnahme des Philosophiestudiums an der renommierten École normale supérieure entwickelte er unter dem Einfluss des Philosophen Alain pazifistische Neigungen und sympathisierte mit dem Sozialismus. Von beidem kam er erst ab, als er nach dem Studium und der Ableistung seines Militärdienstes drei Jahre in Deutschland verbrachte. Von 1930 bis 1933 hatte er die Gelegenheit die Krise der Weimarer Republik und den Aufstieg des Nationalsozialismus aus der Nähe mitzuerleben. Später sagte er, er habe in Deutschland mit dem Totalitarismus den größten Feind seiner Zeit entdeckt. Als Liberaler und außenpolitischer Realist kehrte er nach Frankreich zurück.

Obwohl er genau verstanden hatte, dass Hitler nichts anderes wollte als Krieg, hielt sich Aron in den 1930er Jahren mit öffentlichen Äußerungen zurück. Hin und wieder bezog er aber doch Stellung, nicht zuletzt in einem heute viel zu wenig bekannten Vortrag, den er im Juni 1939 vor der Société française de philosophie hielt. Darin erklärte er, was die Bedrohung durch Hitlers Tyrannis, aber auch durch das faschistische Italien für die Freiheiten in den liberalen Demokratien bedeutete. Wenn die Demokratien gegen Staaten bestehen wollten, die die militärische Existenz zum Maßstab erhoben und das Leben der Menschen bis ins Kleinste beeinflussen wollten, musste die politische Freiheit, das heißt der Einsatz der Staatsbürger für ihr Gemeinwesen, zumindest zeitweise der individuellen Freiheit vorgezogen werden. Aron empörte seine zumeist der pazifistischen Linken angehörenden Zuhörer mit der Aussage, dass die liberalen Demokratien derselben Tugenden fähig sein müssten wie die totalitären Staaten. Noch mehr schockierte er sie mit der Bemerkung, dass in diesem unüberbrückbaren Konflikt die liberalen Demokratien die im eigentlichen Sinne konservativen Regime seien. Die liberal-demokratischen Staaten seien konservativ, weil „sie die überkommenen Werte bewahren wollen, auf die unsere Zivilisation gegründet ist“. Damit war Aron bereits zum Kern seines politischen Liberalismus vorgestoßen: zu einem antirevolutionären Liberalismus, dessen Ziel die Verteidigung der westlichen Zivilisation war.

Diese Haltung prägte auch Arons Engagement während des Zweiten Weltkriegs. 1940 ging er ins Londoner Exil, wo er sich Charles de Gaulles France libre anschloss und den Posten des Chefredakteurs der gleichnamigen Zeitschrift übernahm. Den publizistischen Kampf, den er bis zu seiner Rückkehr nach Frankreich im Jahr 1944 gegen das Hitlerreich führte, setzte er nach dem Krieg an einer anderen Front fort. Stalin war aus seiner Sicht „in Hitlers Fußstapfen“ getreten. Unermüdlich bemühte er sich als Leitartikler der liberalen Tageszeitung Le Figaro beziehungsweise des Nachrichtenmagazins L’Express darum, den Franzosen zu erklären, dass es sich bei der Sowjetunion nicht um einen Staat wie jeden anderen handele, sondern um ein von einer „säkularen Religion“ getriebenes militärisches Imperium.

Darüber hinaus lehrte er an verschiedenen Pariser Hochschulen politische Soziologie: seit 1955 als Lehrstuhlinhaber an der Sorbonne, dann von 1968 bis 1970 an der École pratique des hautes études und schließlich von 1970 bis 1978 am Collège de France. Er wurde in dieser Zeit zum Kopf einer Minderheitsströmung des französischen Geisteslebens, die sich gegen die marxistische oder wenigstens dezidiert linke Mehrheit der französischen Intellektuellen kaum behaupten konnte.  Nach dem Niedergang des intellektuellen Marxismus änderte sich das freilich. Am 18. Oktober 1983, am Tag nach Arons plötzlichem Tod, titelte die von Jean-Paul Sartre gegründete, linkssozialistische Tageszeitung Libération: „La France perd son prof“ – Frankreich verliert seinen Lehrer. Das war ebenso scheinheilig wie zutreffend. Denn einerseits hatte die französische Linke zu Arons Lebzeiten alles getan, um seinen Einfluss an der Universität, den Medien und der Öffentlichkeit zu bekämpfen. Andererseits aber war Aron, wie der amerikanische Soziologe Mark Lilla bemerkt hat, „der einzige genuin politische Denker“, den Frankreich im 20. Jahrhundert hervorbrachte.

Arons Liberalismus

Trotz einer verblüffenden disziplinären Vielfalt lässt sich Arons wissenschaftliches Werk – das von der Geschichtsphilosophie über die Analye der modernen Industriegesellschaft und die Ideologiekritik bis zur Theorie der Internationalen Beziehungen reicht – leicht auf einen Nenner bringen: die Verteidigung der Freiheit gegen ihre Feinde von rechts und links. Dasselbe gilt für die Leitartikel, die er während seiner Jahrzehnte anhaltenden journalistischen Tätigkeit verfasste. Insofern waren seine beiden Karrieren – die akademische und die journalistische – auch eine Reflexion über die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Diese Geschichte erlebt zu haben, immunisierte Aron gegen alle utopischen Zukunftsentwürfe, gegen alle Versuchungen, an so etwas wie die Perfektionierung der menschlichen Gesellschaft zu glauben. Gleichzeitig war er skeptisch, ohne ein Skeptiker zu sein. Denn trotz seiner Ablehnung eines blinden, aus dem späten 18. Jahrhundert stammenden Fortschrittsoptimismus, glaubte auch Aron daran, dass die Menschheit keine andere Hoffnung habe als den Fortschritt. Wenn er ein konservativer Liberaler war, dann insofern, als für ihn Bewahrung und Reform keine Gegensätze, sondern untrennbar miteinander verbunden waren. Angesichts der Bedrohung der Freiheiten durch totalitäre Ideologien – Aron sprach von „säkularen Religionen“ – konnte und musste ein Liberaler nur ein „aufgeklärter Konservativer“ sein.

Was Aron damit meinte, wird vielleicht nirgends so deutlich wie in einem Essay aus dem Jahr 1957 über den Konservatismus in den westlichen Industriegesellschaften. Dort beschreibt Aron den Genius der britischen Politik als eine Verbindung von liberalen und konservativen Elementen und nennt dabei Edmund Burke als denjenigen Denker, der diese Mischung aus französischer Sicht am eindringlichsten vor Augen führe.

Arons Liberalismus mochte auf historischen Erfahrungen beruhen, auf dem Miterleben der großen Unwetter des 20. Jahrhunderts. Überdies hätte er ohne die Entdeckung der deutschen Geschichtsphilosophie und Soziologie, vor allem des Werks von Max Weber, niemals zu den Themen gefunden, die ihn ein Leben lang begleiteten. Aber am Ende führten ihn diese Erfahrungen in die Nähe großer Vorläufer, die weder mit dem 20. Jahrhundert noch mit Deutschland etwas zu tun hatten. Zunächst unbewusst, im Laufe der Zeit aber mit einer immer deutlicher zu erkennenden Absicht stellte sich Aron in die Tradition Burkes und vor allem Tocquevilles, den er im Mai 1968 als seinen „Lehrmeister“ bezeichnete. Mit beiden Denkern verband ihn vieles, vor allem aber die Suche nach dem Mittelweg zwischen den Extremen, nach dem auf Vernunft beruhenden politischen Kompromiss. Das macht ihn im Frankreich des 20. Jahrhunderts zu einer Ausnahmegestalt. War er deshalb in Frankreich der „letzte Liberale“, wie der amerikanische Philosoph Allan Bloom meinte? In einem Interview hat Aron im Jahr 1981 darauf selbst eine für ihn typische Antwort gegeben. Es gebe mittlerweile viele, die sich an ihn anlehnten: „Im schlimmsten Fall komme ich noch in Mode.“ Diese Sorge war freilich unbegründet.

Literatur

Nicolas Baverez, Raymond Aron. Un moraliste au temps des idéologies, Paris 1993.

Gwendal Châton, Introduction à Raymond Aron, Paris 2017.

Brian C. Anderson, Raymond Aron. The Recovery of the Political, Lanham, MD 1997.

Daniel J. Mahoney, The Liberal Political Science of Raymond Aron. A Critical Introduction, Lanham, MD 1992.

Joël Mouric, Raymond Aron et l’Europe. Préface de Fabrice Bouthillon, Rennes 2013.

Matthias Oppermann, Raymond Aron und Deutschland. Die Verteidigung der Freiheit und das Problem des Totalitarismus, Ostfildern 2008.

Matthias Oppermann (Hrsg.), Im Kampf gegen die modernen Tyranneien. Ein Raymond-Aron-Brevier, Zürich 2011.

Matthias Oppermann

PD Dr. Matthias Oppermann ist Abteilungsleiter für Zeitgeschichte bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er studierte Geschichte und französische Philologie an den Universitäten Reims und Bonn, wo er auch promoviert hat; seine Habilitation verfasste er an der Universität Potsdam.