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Republik

Von Jason Kuznicki

Freiheit hat im Laufe ihrer Begriffsgeschichte viele verschiedene Bedeutungen gehabt. Von der Renaissance bis zur Aufklärung trat sie häufig in der intellektuellen Tradition auf, die die Gelehrten heute als klassischen Republikanismus bezeichnen. Die klassische republikanische Tradition blühte vom 16. bis 18. Jahrhundert in ganz Europa auf, und zu ihren wichtigsten Vertretern gehörten Niccolò Machiavelli, Algernon Sidney, James Harrington und Jean-Jacques Rousseau. Die klassischen Republikaner bezogen sich vielfach auf alte Modelle und Autoren, ergänzten oder überarbeiten sie allerdings mit neuen Themen und Beispielen aus ihrer Welt. Daraus schufen sie eine Idee, die sich in verschiedenen Formen immer wieder in der Geschichte des europäischen politischen Denkens wiederfinden lässt.

Die Freiheit im klassisch republikanischen Kontext muss sowohl von ihrer modernen als auch von ihrer alten Bedeutung unterschieden werden. Beim Lesen von Texten der frühen Neuzeit muss man stets im Kopf behalten, dass mit Freiheit nicht immer das gemeint war, was wir heute unter ihr verstehen. Dennoch ist die Freiheit der klassischen Republikaner in gewisser Weise ein Vorläufer der modernen liberalen Tradition. Gleichzeitig hat sie ironischerweise auch eine Rolle bei der Entwicklung moderner kollektivistischer Ideologien gespielt. Daher ist der klassische Republikanismus von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung des modernen politischen Denkens.

Trotz seines Namens war der klassische Republikanismus nicht gegen alle Formen der Monarchie. Eine „Republik“ bezeichnete für ihre Anhänger das, was wir heute verfassungsmäßige Regierung, Rechtsstaatlichkeit oder einfach nur gute Regierung nennen würden. Dieser Begriff war durchaus mit einer Monarchie vereinbar. Die klassischen Republikaner beschäftigten sich viel intensiver mit den richtigen Formen und Aufgaben der Regierung, waren dabei aber immer kritisch gegenüber Monarchen und anderen Regierungsakteuren, die ihre Befugnisse überschritten. Der Anspruch einer begrenzten Regierung ist ein Merkmal, das die klassischen Republikaner mit der späteren klassisch liberalen Tradition und mit den modernen Liberalen teilen.

Klassische Republikaner betonten und schrieben erstaunlich selten über die natürlichen Rechte des Einzelnen. Dennoch waren sie sich größtenteils einig, dass eine gute Regierung äußerst fragil sei und dass die Wechselfälle der Geschichte sie ohne ersichtlichen Grund hinwegfegen könnten. Darüber hinaus waren sie davon überzeugt, dass die Politik oft unter guten und schlechten Schicksalsschlägen litt. Zum Beispiel wurde Machiavellis berühmtestes Werk „der Prinz“ geschrieben, um die richtige Herrschaft eines Staates zu erörtern, in dem die Republik gestürzt worden war. Daher war die Schlüsselfrage, wie man am besten retten kann, was noch zu retten war. Kein klassischer Republikaner würde den Zusammenbruch einer Republik als überraschend ansehen. Dies war dafür bereits zu oft geschehen.

Für die klassischen Republikaner lag die eigentliche Frage darin, wie sie verhindern konnten, dass die Republiken untergehen. Deshalb entwickelten sie eine Reihe von Strategien, um der Bedrohung entgegenzuwirken. Einige dieser Ideen werden auch von modernen Liberalen weiterhin hochgehalten, während andere nur noch selten oder gar nicht mehr vertreten werden. Klassische Republikaner argumentierten, dass die seltenen Fälle erfolgreicher Republiken ihre langfristige Existenz entweder politischer oder ziviler Tugend verdankten. Die öffentliche Ausübung bürgerlicher Tugenden sorge für eine gute Regierung und gewährleiste die Freiheit der Bürger.

Von den Bürgern wurde vor allem erwartet, dass sie sich zum Wohle der meist als lokalen Stadtstaaten konzipierten politischen Gemeinschaft aufopfern. Weit ausgedehnte Reiche tendierten überwiegend zum Despotismus. Daher lehnten die klassischen Republikaner sie generell ab. Um zur Verteidigung der Republik wachsam zu bleiben, sollten die Bürger auf Luxus, Müßiggang und Korruption verzichten. Die klassischen Republikaner hielten alle drei für eng miteinander verwandt und letztlich tödlich für eine Republik. Wie Machiavelli in seinen „Diskursen über Livius“ schrieb, „ist keine Verordnung für ein Gemeinwohl von solchem Vorteil, wie eine, die Armut für seine Bürger erzwingt“.

Die Teilnahme an einer Bürgerwehr war hochgeschätzt. Reiche Staaten mögen versucht sein, Söldner anzuheuern, um sie zu verteidigen, aber das war nach dem klassischen republikanischen Gedanken eine schlechte Idee. Wie Algernon Sidney in seinen Diskursen über die Regierung feststellte:

„Das Geschäft der Söldner besteht darin, ihre Pflicht zu erfüllen, ihre Befehle zu befolgen und daraus Gewinn zu ziehen. Aber das reicht nicht aus, um die Sympathie der Menschen in extremen Gefahren zu behalten. Von einem Volk kann ein Herrscher nur erwarten, dass es das Joch in der Zeit seines eigenen Wohlstands trägt. Aber wenn sich das Glück dreht, werden sie ihn im Stich lassen und sich möglicherweise sogar seinen Feinden anschließen, um für ihr Leiden Rache zu tun.“

Keine Regierung sollte wohlhabend genug sein, um eine unabhängige Militärmacht anzuheuern, und alle politischen Parteien sollten sich zur Selbstverteidigung allein auf ihre Bürger verlassen. Auf diese Weise würde sich die Freiheit des Subjekts als mit dem Erfolg des Staates vereinbar erweisen und die Bürger würden ihre Regierungen selbst verteidigen.

Oft wurde das bäuerliche Landleben über die Stadt gestellt. Diejenigen, die ein Stück Land besaßen, konnten stets ihren eigenen (mageren) Lebensunterhalt aufbringen. Andere hingegen liefen Gefahr, von anderen abhängig zu werden. Das Stadtleben förderte diese Abhängigkeit von anderen und für die klassischen Republikaner war dies der erste Schritt in Richtung Korruption. Die Hauptstädte der Großreiche waren besonders gefährlich, weil hier Geld, politische Macht, Unterwürfigkeit und Handel zusammenflossen. Das kaiserliche Rom war das beste Beispiel für diese Art von Gefahr. Im Gegensatz dazu gab es mit Cincinnatus eine Figur Roms, die von den klassischen Republikanern geachtet wurde. Ein legendärer römischer Bauer, der für die Abwehr einer Invasion als Diktator ausgewählt wurde. Nach seinem Triumph gab Cincinnatus seine Macht wieder ab und kehrte auf seinen Hof zurück.

Ähnlich des viel später entwickelten Prinzips der Gewaltenteilung befürworteten die klassischen Republikaner oft eine gemischte Verfassung. Machiavelli schrieb in seinen „Diskursen über Livius“: „Wo wir eine Monarchie, eine Aristokratie und eine Demokratie haben, die zusammen in derselben Stadt existieren, dient jeder der drei zur Kontrolle des anderen“.

Vielleicht ist das Bemerkenswerte an dem klassischen republikanischen Denken jedoch, dass es den Missbrauch der Regierung zwar als ein allgegenwärtiges Problem betrachtete, gleichzeitig jedoch als ein durch die Menschen selbst lösbares Problem. In einer Zeit, in der viele andere politische Denker die vermeintlich gottgegebene und unveränderliche Herrschaft der Könige proklamierten, waren die klassischen Republikaner in vielerlei Hinsicht die realistischsten und liberalsten Stimmen, die es gab. Für sie war die Regierung vom Grunde auf eine menschliche Angelegenheit und sie unterlag daher all den vielen Fehlern, die andere menschliche Schöpfungen plagten. Verständlicherweise sahen sie den Staat mit ständigem Misstrauen. Die Bewunderung der klassischen Republikaner für kleine, gemischte Republiken und ihr Misstrauen gegenüber Imperien steht im Einklang mit dem späteren liberalen Denken.

Der moderne Liberalismus umfasst Geld, Handel und Eigennutz und hierin liegt ein wesentlicher Unterschied zwischen Liberalismus und klassischem Republikanismus. Der klassische Republikanismus betrachtete das Eigeninteresse und den Wunsch nach Reichtum als eine Gefahr für das öffentliche Wohl. Spätere Überlegungen brachten Handel und individuelle Freiheit in Einklang und veränderten so die Bedeutung von Freiheit.

Teilweise als Reaktion auf den klassischen Republikanismus und die aufstrebenden Handelsgesellschaften um sie herum, argumentierten Denker wie Bernard de Mandeville und Adam Smith, dass Eigeninteresse Einzelpersonen zu Wissen, Fleiß, Ehrlichkeit, Nächstenliebe und friedlichen Beziehungen zu ihren Nachbarn motivieren könnte, ebenso wie zu materiellem Wohlstand. Diese spätere Ansicht wird von den modernen Liberalen vertreten. Obwohl die Liberalen staatliche Korruption als Gefahr betrachten, lehnen sie die Vorstellung ab, dass Korruption eine unvermeidliche Folge von Reichtum oder Handel ist.

In den letzten Jahren des klassischen Republikanismus wurde versucht, dieser relativ neuen Idee entgegenzuwirken, die im Mittelpunkt des klassischen Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts stand. In diesem Sinne verstanden, waren die politischen Ansichten Jean-Jacques Rousseaus keine radikal neue und konträre Position, sondern ein Rückblick auf einige alte Vorstellungen über die Natur des Handels in einer politischen Gemeinschaft. Liberale finden Rousseaus „Bericht über die Freiheit“ zum Teil aus genau diesem Grund nicht überzeugend.

Jason Kuznicki

Dr. Jason Kuznicki ist Redakteur von Cato Books und Cato Unbound und war als stellvertretender Redakteur am Projekt der “Encyclopedia of Libertarianism” beteiligt. Er studierte an der Case Western Reserve University, der Ohio State University und promovierte an der Johns Hopkins University.