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Städte

Von Stephen Davies, mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org

Eine Stadt ist in ihrer einfachsten Definition eine städtische Siedlung mit mehr als nur einer bestimmten Bevölkerung. Obwohl die Größe letztlich zweitrangig ist, verfügt eine echte Stadt über Merkmale und Eigenschaften, die kleineren Siedlungen fehlen. Rechtlich impliziert das Konzept in der Regel, dass diese Einheit einen Selbstverwaltungsstatus hat, auch wenn dieses Merkmal nicht zwingend notwendig ist. Es gab Städte, denen dieser politische Status fehlte. Städte sind ein wesentliches Element der menschlichen Zivilisation. Tatsächlich bezeichnet der Begriff Zivilisation etymologisch die Lebensweise in Städten und nicht in anderen gewöhnlichen Formen menschlicher Besiedlung, wie der Kleinstadt oder dem Dorf. Das Erscheinungsbild und Wachstum von Städten ist daher vielleicht das zentrale Element der wirtschaftlichen, kulturellen und intellektuellen menschlichen Entwicklung. Für Denker im Laufe der Jahrhunderte war die Stadt ein zwiespältiger Aspekt des menschlichen Lebens. Für einige die Quelle eines schönen Lebens in Form von erhobenem Denken und hoher Kultur, für andere der Ort moralischer und sozialer Korruption und Gefahr. Beide Seiten verbinden Städte mit Handel, Reichtum und verschwenderischem Konsum oder „Luxus“. Die Bewertung fällt dabei allerdings sehr unterschiedlich aus. Obwohl es im Liberalismus gewisse agrarische Tendenzen gibt, sind die meisten Liberalen davon überzeugt, dass die Stadt und ihre Funktionen positiv sind. In der heutigen Welt sind Städte und Stadtplanung ein wichtiges politisches Thema.

Städte entstanden erstmals während der sogenannten neolithischen Revolution, die Landwirtschaft und Handel sowie große und dauerhafte Siedlungen hervorbrachte. Die ersten Städte tauchten vor etwa 8.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens auf. Später entstanden auch Städte im Tal des Indus und in Nordchina. Traditionell wurden Städte als eine Folge der Entwicklung der Landwirtschaft betrachtet, da diese städtischen Zentren nur dank eines von der Landwirtschaft produzierten Nahrungsmittelüberschusses existieren konnten. Jane Jacobs stellte dies jedoch in ihrer 1969 entstandenen Arbeit „The Economy of Cities“ in Frage. Sie argumentierte, dass die Städte der Landwirtschaft in Wahrheit vorausgingen und dass Landwirtschaft und Anbau zunächst in städtischen Siedlungen entwickelt und dann in die umliegenden ländlichen Gebiete exportiert wurden. Nach Jacobs‘ Modell ging der Handel der Großlandwirtschaft voraus und führte zur Entstehung großer Dauersiedlungen, was im Gegenzug die Landwirtschaft förderte. Auch wenn diese These zuerst auf Skepsis stieß, bestätigte die archäologische Forschung die Schlussfolgerungen von Jacobs weitgehend und sie genießen daher nun breite Anerkennung.

Jacobs entwickelte ihre Position in einem späteren Werk „Cities and the Wealth of Nations“ weiter. Sie argumentierte, dass historisch gesehen die Städte die Quelle für Wirtschaftswachstum, Entwicklung und technologische Innovation sind. Dies ist auf den Prozess der Importsubstitution zurückzuführen. Dieser Prozess beschreibt, wie städtische Gemeinschaften Wege finden, ihre Abhängigkeit vom Hinterland zu verringern. Sie argumentierte weiter, dass die tatsächliche Grundeinheit der wirtschaftlichen Analyse die aus der Stadt und ihrem Hinterland bestehende Stadtregion sei und damit nicht die Nation. Die Weltwirtschaft und das Wachstum der Handelsbeziehungen sei auf dem Handel zwischen diesen Stadtregionen aufgebaut. Diese These bleibt weiter kontrovers, erfährt aber zunehmend Unterstützung sowohl als Darstellung der historischen Wichtigkeit und Rolle der Städte als auch als Denkweise über die aktuelle Weltwirtschaft. (Gemäß dieser Denkweise ist es sinnvoller, die „US-Wirtschaft“ als eine von rund 200 Volkswirtschaften der aggregierten Stadtregionen zu betrachten, von denen einige enger mit anderen Teilen der Welt verbunden sind als mit dem Rest Nordamerikas.)

Historisch gesehen waren und sind Städte stark mit einer Reihe anderer Phänomene verbunden. Einige sind offensichtlich, wie z.B. Handel, Gewerbe und Produktion. Obwohl der Handel immer mit Städten assoziiert wurde, fand in der Vergangenheit im Rahmen des so genannten Verlagssystems ein großer Teil der Produktion im ländlichen Raum statt. Die fast vollständige Dominanz der Produktion durch die städtischen Gebiete kam erst in den letzten 200 Jahren wirklich zustande. Städte werden auch mit einer Reihe anderer Phänomene assoziiert. Dazu zählen Regierung und Verwaltung, intellektuelles Leben, abweichendes und freies Denken, aufwändiger und verschwenderischer Konsum, Mode und Stil, Kunst und Hochkultur, ethnische und religiöse Vielfalt und Pluralismus sowie Boheme oder „experimentellem Leben“.

Diese verschiedenen sozialen Phänomene treten wegen der wesentlichen Merkmale des Stadtlebens und der hohen Bevölkerungsdichte verstärkt in den Städten auf. Die Anwesenheit einer großen Anzahl von Menschen eröffnet vielerlei Arten von Möglichkeiten für menschliche Interaktion zu relativ geringen Kosten in Bezug auf Zeit und Aufwand. Dadurch sind die Möglichkeiten der wirtschaftlichen Spezialisierung und verbesserten Arbeitsteilung viel größer. So sind das soziale Leben und die menschlichen Beziehungen komplexer und vielfältiger. Lebensweisen können gedeihen, die in einer kleineren Gemeinschaft allein wegen des Mangels an Menschen mit spezifischen Interessen oder Vorlieben nicht möglich sind. Die Nähe einer großen Zahl von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Präferenzen fördert nicht nur die Spezialisierung der Produktion sowie die Entstehung einer viel dichteren und reicheren Zivilgesellschaft. Sie ermöglicht auch ein vielfältigeres und abwechslungsreicheres Angebot, da die Kosten für die Erfüllung von ganz speziellen Präferenzen viel geringer sind. Der Wohlstand und die Chancen, die das Stadtleben und der Handel mit teils weit entlegenen Gebieten bringen, ziehen Menschen mit ganz verschiedenem religiösem, ethnischem und geografischem Hintergrund an. Dadurch ist die Bevölkerung der Stadt deutlich diverser als die auf dem Land. (Eines der Anzeichen für den Niedergang einer Stadt ist, dass ihre Bevölkerung immer homogener wird – sowohl eine Ursache als auch eine Auswirkung dieses Niedergangs.) Am auffälligsten ist, dass die Stadt etwas bietet, was dem Leben in kleineren ländlichen Gemeinden fehlt: Sie bietet Privatsphäre und Anonymität – die Möglichkeit, einen im Wesentlichen privaten und persönlichen Lebensbereich zu erhalten, der nicht allen Nachbarn bekannt oder zugänglich ist.

Seit jeher erfahren diese Aspekte des Stadtlebens sowohl Zustimmung als auch Ablehnung. Für einige ist die Stadt der Ort der Freiheit und des Individualismus, des wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts und der Innovation sowie der sozialen und politischen Vielfalt und Unabhängigkeit. Es gibt jedoch eine lange Tradition, die die Stadt als Quelle der Gottlosigkeit, der moralischen und sozialen Korruption und des Zusammenbruchs, der Kriminalität und Unordnung und der gefährlichen Innovation betrachtet. Die Stadt steht hier im Gegensatz zum einfachen, frommen und sicheren Leben des Landes. Diese Art von Debatte hat in den großen Zivilisationen der Welt seit dem Erscheinen von Städten stattgefunden. Es besteht ein enger Zusammenhang zwischen dieser Art von Antiurbanismus und den antimodernen und antiliberalen Ideologien der letzten 300 Jahre.

Seitdem die ersten Städte entstanden sind, ist ihre Rolle unterschiedlich. Häufig war es eine ihrer Schlüsselfunktionen, als zentraler Ort für den politischen Machtapparat zu fungieren, der sowohl der ländlichen Bevölkerung als auch dem kommerziellen Leben der Stadt Geld entzieht. Solche Städte sind der Sitz von Regierung und Verwaltung, von religiöser Hierarchie und von königlichen und kaiserlichen Gerichten. Als Folge ihrer engen Verbindung mit dem Zentrum der politischen Institution gibt es viele Städte, in denen die Produktion eine untergeordnete Rolle spielt. Beispiele für diese Städte sind vielfältig, darunter Rom, Konstantinopel, Delhi, Peking, Bagdad, Moskau, Berlin, Paris, Madrid, London und Washington, D.C. Viele dieser Städte dienen jedoch auch als Beispiele für die andere historische Rolle der Städte – als Zentren für Handel, Gewerbe und Investitionen. Hier kommen neben Konstantinopel/Istanbul, London und Bagdad noch Alexandria, Venedig, Amsterdam, New York, Shanghai, Chicago, Tokio, Mumbai, Kairo, Singapur und Hongkong hinzu. Bis zum 19. Jahrhundert machte die städtische Bevölkerung nie mehr als 20 % der Bevölkerung eines Landes aus. Vor dem großen Durchbruch bei der Produktivität der landwirtschaftlichen Arbeit im frühen 19. Jahrhundert konnte keine Gesellschaft genügend Lebensmittel produzieren, um sich selbst zu ernähren, wenn nicht etwa 80 % ihrer Bevölkerung landwirtschaftlich tätig waren. Diese Einschränkung setzte dem Stadtwachstum grundlegende Grenzen. Eine weitere Einschränkung für die städtische Bevölkerung war die Schwierigkeit, vor der Erfindung der Eisenbahn und des Verbrennungsmotors mehr als nur wenige große städtische Zentren zu versorgen. Darüber hinaus war der größte Nachteil des Stadtlebens vor dem 19. Jahrhundert der Mangel an ausreichender Sanitärversorgung und Trinkwasser. Das Ergebnis war, dass die Sterberaten, insbesondere bei Säuglingen, in den Städten deutlich höher waren als in ländlichen Gebieten.

Alle diese demographischen Tatsachen änderten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts mit wichtigen technologischen und medizinischen Durchbrüchen, die zu einer dramatischen Verbesserung der städtischen Sanitärversorgung führten. Ein Schlüsselereignis war die Formulierung der Keimtheorie von Krankheiten und die Demonstration der Verbreitung von Krankheiten wie Cholera durch kontaminiertes Wasser durch John Snow. Das Ergebnis war ein explosionsartiges Wachstum sowohl der absoluten als auch, was noch wichtiger ist, der relativen Größe der städtischen Bevölkerung. 1851 war Großbritannien die erste Gesellschaft in der Menschheitsgeschichte, in der ein Großteil der Bevölkerung in Städten und Großstädten lebte. Dieser Prozess hat sich in andere Teile der Welt ausgebreitet und dauert an. Tatsächlich ist die schnelle Urbanisierung eines der zentralen Phänomene der modernen Welt. Aufgrund der tiefgreifenden Unterschiede zwischen städtischem und ländlichem Leben stellte dieser Wandel sowohl eine soziale wie auch eine wirtschaftliche Revolution dar.

Die liberale Sicht auf die Stadt ist im Allgemeinen positiv, und der Übergang zu einem überwiegend urbanen Leben wird allgemein begrüßt. Historische Phasen mit pulsierenden und einflussreichen Städten werden von den Liberalen mit Bewunderung betrachtet. Beispiele dafür sind das antike Griechenland, das China der Song-Dynastie, der Mittlere Osten der Umayyaden, Mittelalter und Renaissance in Italien, die Niederländische Republik des 17. Jahrhunderts und Großbritannien des 19. Jahrhunderts. Der merkantile Stadtstaat und der Zusammenschluss der Städte wird als dem Territorialstaat oder dem Imperium deutlich überlegen angesehen, was ihn zur besten Form der politischen Ordnung macht. Für Liberale stellen die Stadt und das Stadtleben die Art von Phänomenen dar, die sie bewundernswert und ermutigungswürdig finden. Es gibt jedoch eine ältere Tradition des liberalen Denkens, die der Stadt feindlich gesinnt ist und den unabhängigen Landwirt als Grundlage für eine freie Gesellschaft sieht, wobei die Stadt als Ort der korrumpierenden politischen Macht bewertet wird. Diese Vorstellung geht auf das 18. Jahrhundert und früher zurück und die Tradition der klassisch republikanischen sogenannten „Land“-Ideologie. Sie beinhaltet die Ablehnung des Hofes und der königlichen Macht und der Verschwendungssucht der Regierung, die mit den großen Metropolen verbunden sind. Später, mit der Französischen Revolution, wurde die Stadt zum Schauplatz der Revolution und der gefährlichen kollektivistischen Politik. Diese Art von agrarischem Liberalismus mit republikanischen Wurzeln ist in Europa praktisch ausgestorben, bleibt aber in den Vereinigten Staaten als Minderheitstradition bestehen.

In zeitgenössischen intellektuellen und politischen Debatten über die Stadt und die Urbanisierung neigen die Liberalen dazu, zu zwei Themen eine eindeutige Position einzunehmen. Das erste ist die historische und zeitgenössische Debatte über die Folgen des städtischen Wachstums während des revolutionären Übergangs von einer überwiegend ländlichen Gesellschaft zu einer Gesellschaft mit einer überwiegend städtischen Bevölkerung. Die orthodoxe Sichtweise dieses Prozesses, wie sie im 19. Jahrhundert vorherrschend war, betrachtet diesen Übergang als eine chaotische und ungeordnete Entwicklung mit erheblichem Marktversagen und der Entstehung massiver Slums und damit verbundener sozialer Probleme. Diese konnten nur durch direktes staatliches Handeln und die Entstehung einer modernen Stadtplanung und Raumordnung gelöst werden. Liberale Historiker argumentieren, dass die Probleme in der Tat viel weniger gravierend waren als angenommen. Das städtische Wachstum in Orten wie Großbritannien im 19. Jahrhundert war tatsächlich ein Phänomen spontaner Ordnung mit einem geordneten Muster, das durch die ausgeklügelte Nutzung von Eigentumsrechten sowie Verträgen und Vereinbarungen hervorgerufen wurde. In der heutigen Welt wird das massive Wachstum von Städten in Ländern wie Mexiko, Brasilien, Teilen Asiens und Afrikas oft als soziale Katastrophe und chaotisches Phänomen angesehen, das massives Handeln der Regierung erfordert. Das Gegenteil ist der Fall. Die in solchen Ballungszentren bestehenden Probleme werden hauptsächlich durch staatliches Handeln und vor allem durch das Fehlen klarer und übertragbarer Eigentumsrechte für die Bewohner von Gebieten wie den Favelas Brasiliens verursacht. Der liberale Ökonom Hernando De Soto beschreibt detailliert, wie die zuvor beschriebenen Bedingungen des städtischen Lebens eine Fülle von freiwilligen Institutionen und privaten Lösungen für städtische Probleme ermöglichen, die durch staatliche Vorschriften und unzureichende Eigentumsrechte behindert werden.

Ebenso widerspricht die liberale Position bezüglich des städtischen Wachstums in den heutigen Vereinigten Staaten – sowie in Kanada und Australien – der geplanten und kontrollierten Entwicklung von Städten. Dieser Ansatz war ein zentraler Bestandteil des modernen Verwaltungsstaates. Weil die Idee der Planstadt auf der Grundlage des modernen Staates in der Barockzeit auftaucht, ist dieser Ansatz das früheste Beispiel für eine solche Politik. Ein wichtiges Thema in der liberalen Argumentation war der Widerstand gegen die Theorie und Praxis der Stadtplanung. Ein entscheidendes Ereignis in diesem Zusammenhang war die Veröffentlichung von Jane Jacobs‘ „The Death and Life of Great American Cities“ im Jahr 1961, die teilweise als Antwort auf die Politik des New Yorker Stadtplaners Robert Moses geschrieben wurde. In dieser Arbeit vertrat Jacobs die Ansicht, dass die Stadt und ihre Viertel spontane Ordnungen waren, die durch das freiwillige Zusammenwirken einzelner Bewohner hervorgerufen wurden. Dies steht im Gegensatz zu dem Modell der rationalistischen Planung von oben nach unten, wie es von Moses angewendet wurde. Obwohl Jacobs sich nicht als liberal definiert hätte, hatten ihre Ideen und Analysen einen großen Einfluss auf die liberalen Sozialkritiker. Ein frühes Beispiel dafür war Martin Anderson. Er wies angesichts der sogenannten „Stadterneuerung“ der 1960er Jahre darauf hin, dass zeitgenössische städtebauliche und flächennutzerische Regelungen die Reichen und Mächtigen anhaltend und unvermeidlich gegenüber den Armen und Machtlosen bevorzugten.

In jüngster Zeit haben sich Liberale an den Debatten über die Sinnhaftigkeit der Stadtentwicklung beteiligt. Viel zeitgenössische Literatur hat das Phänomen der „Zersiedelung“ und das Wachstum der Vororte beklagt. Für viele Autoren hat das Erscheinen einer solchen ausgedehnten, wenig besiedelten städtischen Umgebung die Krise oder sogar den Tod der Stadt im historischen Verständnis markiert. Dies würde darüber hinaus eine große Bedrohung für die natürliche Umwelt darstellen. Zudem wurde der Lebensstil der Vororte als seelenlos und entfremdend kritisiert. Die liberale Antwort auf diese Theorie war gemischt. Eine häufige Antwort war, sich einem Großteil der Kritik anzuschließen, aber die Schuld in erster Linie auf die Regierung und die Regulierung zu schieben. Insbesondere werden Gesetze zur Flächennutzung dafür verantwortlich gemacht, dass sie umfangreiche Siedlungen mit geringer Bevölkerungsdichte vorschreiben und sozial homogene Quartiere schaffen, indem sie neben der teureren Variante auch Niedrigkostenwohnungen verhindern. Die staatliche Finanzierung von Autobahnen wird für die Zersiedelung verantwortlich gemacht, weil sie eine enorme versteckte Subvention für Pendler und Bauherren darstellt. Die andere Antwort war die Verteidigung vieler Aspekte der zeitgenössischen Stadtentwicklung. Viele folgen Joel Garreaus Identifikation und Verteidigung der „Randstadt“ als neue Form der spontanen Stadtentwicklung und verteidigen das Vorstadtleben gegen ihre Kritiker. Ein Wissenschaftler, dessen Werk für zeitgenössische Liberale besonders einflussreich geworden ist, ist Robert Nelson. Er konzentriert sich auf ein Phänomen, das die Liberalen begrüßen: das Wachstum von privaten Eigentümergemeinschaften oder Hausbesitzer-Genossenschaften. Nelson weist darauf hin, dass diese Gemeinschaften die überwiegende Mehrheit der neuen Wohnungen in den Vereinigten Staaten ausmachen und prognostiziert eine Zukunft, in der diese im Wesentlichen privaten Einrichtungen die meisten Funktionen der lokalen und sogar der staatlichen Regierung übernehmen werden. Diese mögliche Zukunft wird von Liberalen allgemein begrüßt, von anderen aber scharf kritisiert.

Die historische Rolle der Stadt wird von den Liberalen als positiv empfunden, und die meisten von ihnen bevorzugen das städtische Leben gegenüber den Alternativen. In der heutigen Welt führen die Analysen von Wissenschaftlern wie Jacobs und Nelson die Liberalen dazu, sowohl eine klare Position in den aktuellen Debatten einzunehmen als auch eine Zukunft vorzubereiten, in der die Stadt, die als Zusammenschluss von selbstverwalteten Privatgemeinschaften neu erfunden wurde, zunehmend die Haupteinheit des wirtschaftlichen und politischen Lebens ist.

Stephen Davies

Dr. Stephen Davies ist Leiter des Bereichs Bildung am Institute of Economic Affairs in London. Er hat an der St Andrews University Geschichtswissenschaften studiert und dort auch promovierte.