Republik der Sieben Vereinigten Provinzen

Willem Van De Velde (CC0)

Von Jason Kuznicki mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

Vom späten 16. bis zum späten 18. Jahrhundert hatten die Vereinigten Provinzen der Niederlande, gemessen an liberalen Maßstäben, vielleicht die beste Regierung Europas. Auch wenn wir aus heutiger Perspektive vieles an der Republiek der Zeven Verenigde Provinciën kritisieren können, bleibt diese doch ein wichtiges frühes Experiment in Toleranz, begrenzter Regierung und kommerziellem Kapitalismus.

Die Ergebnisse waren atemberaubend: Selbst Zeitgenossen bemerkten den erstaunlichen Reichtum und die militärische Macht der Niederländischen Republik. „Die Vereinigten Provinzen sind der Neid der einen, die Angst der anderen und das Wunder aller ihrer Nachbarn“, schrieb der Engländer Sir William Temple im Jahre 1673. Der kleine Staat befand sich damals in einem massiven Verteidigungskrieg gegen Frankreich und Großbritannien, einem Krieg, den die Niederländer gewannen, wodurch sie ihre territoriale Integrität bewahren konnten. Trotz ihrer geringen Größe war die Niederländische Republik für ihre militärische Disziplin und ihr Können bekannt. Das Geschick ihrer Marine war unübertroffen, und die Niederländische Republik verteidigte wiederholt ihr Heimatgebiet gegen einige der mächtigsten Nationen Europas.

Außerhalb des Schlachtfeldes verzeichneten die Holländer noch größere Erfolge: Der Kosmopolitismus, die lokale Autonomie und der stark eingeschränkte Zentralstaat trugen zur Entstehung einer kommerziellen und kulturellen Supermacht bei. Der enorme Reichtum, den die niederländischen Händler schufen, erwies sich als nachhaltiger als der Wohlstand, den die spanischen und portugiesischen Kolonialunternehmen mit ihren Edelmetallen erzeugten. Stoffe, Gewürze, Holz und andere Konsumgüter bereicherten nicht nur einzelne Händler, sondern lieferten auch Rohstoffe für die niederländische Industrie.

Die niederländische Schifffahrt, das Bankwesen, der Handel und die Kreditvergabe erhöhten den Lebensstandard der Reichen und Armen und schufen zum ersten Mal das so charakteristische moderne Sozialphänomen einer Mittelschicht. Diese Mittelschicht genoss einen beispiellosen Zugang zu Handelswaren, darunter Gewürze, Seide, Porzellan und andere importierte Gegenstände, die früher dem Hochadel vorbehalten waren. Alles in allem genossen die niederländischen Stadtbewohner den höchsten kollektiven Lebensstandard aller vergleichbaren Gruppen in Europa.

Unter diesen günstigen Bedingungen entstanden kulturelle und wissenschaftliche Errungenschaften. In nur wenigen Jahrzehnten produzierte dieses kleine Land Baruch Spinoza, Hugo Grotius, Rembrandt van Rijn, Jan Vermeer, Christiaan Huygens und Anton van Leeuwenhoek. Die erste moderne Bank, die erste Börse und der erste multinationale Konzern gehörten zu den bemerkenswerten Errungenschaften des sogenannten Goldenen Zeitalters der Niederlande. Die Zeitgenossen staunten über die gepflasterten Straßen, die Uhren in den gewöhnlichen Häusern und die jetzt ikonischen Windmühlen, die den Produktionssektor des Landes antrieben und auch das ausgeklügelte Netz von Entwässerungskanälen ermöglichten, das einen Großteil des Landes über Wasser hält.

Die Niederländische Republik war für ihre intellektuelle Toleranz bekannt. Sie nahm verbannte Denker wie René Descartes und Pierre Bayle sowie Juden, die vor religiöser Verfolgung aus Spanien flohen, Hugenotten, die aus Frankreich flohen, und Dissidenten, die England verließen, auf. Niederländische Druckmaschinen waren in ganz Europa bekannt dafür, Inhalte zu drucken, die anderswo gegen Zensurgesetze verstoßen; in Frankreich war der „niederländische“ Buchhandel praktisch gleichbedeutend mit subversiver und verbotener Literatur. Vieles davon war nur pornographisch, aber einige von den Schriften zählen heute zu den größten literarischen Werken dieser Zeit.

Die frühneuzeitlichen niederländischen Experimente in religiöser Toleranz und dezentraler Regierung wurden weder absichtlich noch systematisch durchgeführt. Sie entwickelten sich stückweise aus vielen verschiedenen Quellen und spiegelten damit die fragmentarische und besondere Natur der niederländischen Gesellschaft wider. Doch selbst in ihrem zufälligen und oft unvollkommenen Zustand inspirierte die niederländische gesellschaftliche Toleranz politische Philosophen und Propagandisten wie John Locke und Voltaire, die beide den Zusammenfluss von religiöser Toleranz, sozialem Frieden und Reichtum lobten. Vor allem Locke hat die niederländische Gesellschaft aus erster Hand kennengelernt und seinen „Brief über die Toleranz“ im Exil in den Niederlanden verfasst.

Lokale Autonomie und Traditionen waren tief im niederländischen politischen Bewusstsein verwurzelt, und kein Versuch, sie auszurotten war zeitlebens der Republik erfolgreich. Im 15. Jahrhundert führten die niederländischen Provinzen, die damals den Herzögen von Burgund gehörten, einen Unabhängigkeitskrieg gegen die Hanse, und 1477 erhielten ihre Generalstaaten das Privileg, sich zu versammeln, wann immer sie wollten. Dieses „Grand Privilège“ war zwar nur von kurzer Dauer, setzte aber auch den Möglichkeiten der Herrscher, Steuern zu erheben und Armeen aufzustellen, Grenzen. Dieses Dekret wurde, in den Worten des Historikers Jonathan Israel, zu einem zentralen „politischen Mythos, wie die Dinge sein sollten“. Sie schuf den Präzedenzfall, dass kein einziger Mensch zu viel Macht über die Provinzen haben sollte – und die Niederländer kämpften jahrhundertelang für diese Tradition.

In konfessionellen Fragen verdankt die niederländische Reformation dem toleranten, urbanen Humanismus von Erasmus von Rotterdam mehr als den intoleranten Luther und Calvin. Die nur schwache zentralisierte Autorität von Staat und Kirche bedeutete auch, dass die niederländisch-reformierte Kirche nicht in der Lage war, eine Anwesenheitspflicht einzuführen; diese Einschränkung hat zweifellos zu noch mehr religiöser Vielfalt geführt. Wilhelm I. (1533-1584) – der Schweiger –, der große Anführer der niederländischen Revolte gegen die spanische Herrschaft, soll sich durch seine Weigerung, sich religiösen Kontroversen hinzugeben, seinen Beinamen verdient haben. Stattdessen hielt Wilhelm seine religiösen Ansichten unter sich und plädierte ständig für Toleranz gegenüber allen wichtigen Glaubensrichtungen in der entstehenden Republik. Während seines Lebens hatte Wilhelm wenig Erfolg bei der Umsetzung religiöser Toleranz und wurde schließlich von einem katholischen Eiferer ermordet. Doch seine Vision einer religiös toleranten Gesellschaft gewann in den folgenden Jahrzehnten langsam an Boden, da Handel, intellektuelle Triebkraft und religiöse Experimente einen Circulus virtuosus der zunehmenden Akzeptanz von Minderheitenansichten nährten.

Die Niederländische Republik war natürlich nicht uneingeschränkt gut. Tatsächlich könnte ein heutiger Liberaler versucht sein, mehr Negatives als Positives im sogenannten niederländischen Goldenen Zeitalter zu finden. Das Handelsimperium zum Beispiel war in erheblichem Maße von militärischer Eroberung und Ausbeutung abhängig. Handelsmöglichkeiten waren in vielen Fällen staatliche Monopole. Die berühmte Toleranz war fragil und schloss oft bedeutende, völlig friedliche Sekten aus.

Die Niederländische Republik ist nicht deswegen ein von Liberalen geschätztes historisches Phänomen, weil sie in irgendeiner Weise perfekt war. Sondern sie wird wertgeschätzt als Wegbereiter dessen, was wir heute als klassischen Liberalismus kennen: sie demonstrierte vielen Generationen von Intellektuellen, wie wertvoll mehr Freiheit für den Einzelnen sein kann.

Weitere Literaturhinweise

Hsia, Ronnie Po-Chia, and H. F. K. Van Nierop, eds. Calvinism and Religious Toleration in the Dutch Golden Age. Cambridge and New York: Cambridge University Press, 2002.

Israel, Jonathan. The Dutch Republic: Its Rise, Greatness, and Fall. Oxford: Clarendon Press, 1995.

Schama, Simon. The Embarrassment of Riches: An Interpretation of Dutch Culture in the Golden Age. New York: Vintage Books, 1997.

Van Gelderin, Martin. The Political Thought of the Dutch Revolt, 1555-1590. Cambridge: Cambridge University Press, 1992.

Jason Kuznicki

Dr. Jason Kuznicki ist Redakteur von Cato Books und Cato Unbound und war als stellvertretender Redakteur am Projekt der “Encyclopedia of Libertarianism” beteiligt. Er studierte an der Case Western Reserve University, der Ohio State University und promovierte an der Johns Hopkins University.