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Zivilgesellschaft

Von Stephen Davies, mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

Für die meisten Sozial- und Politikwissenschaftler nimmt das Konzept der Zivilgesellschaft eine zentrale Stellung ein. Insofern ist es für alle politischen Weltanschauungen – einschließlich des Liberalismus – von großer Bedeutung. Im Wesentlichen umfasst der Begriff alle nicht auf Zwang beruhenden kollektiven Handlungen, in Abgrenzung sowohl zum individuellen Handeln als auch zu dem der Regierung. In anderen Worten: Zivilgesellschaft bezeichnet die gesamte Bandbreite sozialer Institutionen, die aus freiwilliger Zusammenarbeit und zwangloser Kooperation mit Blick auf ein gemeinsames Ziel entstehen: im Gegensatz zu den staatlichen Institutionen, welche letztendlich auf Zwang beruhen. Dementsprechend umfasst die Zivilgesellschaft Klubs, Gewerkschaften und Verbände, Unternehmen und eine Vielzahl sozialer Institutionen, die informell oder ‚ad hoc‘ aus den individuellen sozialen Interaktionen heraus entstehen. Zivilgesellschaft wird folglich der Regierung gegenübergestellt, wobei ersteres aus freiwilligen Entscheidungen, letzteres aus Zwang heraus entsteht (wobei dieser Umstand möglicherweise als wünschenswert oder notwendig gerechtfertigt erscheinen mag.) Darüber hinaus wurde die Idee der Zivilgesellschaft seit den 1890er Jahren jener der ,Massengesellschaft‘ gegenübergestellt, die aus voneinander getrennten Individuen besteht, die ein vorwiegend privates Leben führen, ohne sich an gemeinsamen Aktivitäten oder Bemühungen zu beteiligen.

Der Status einiger Institutionen ist unklar oder ändert sich je nach historischer Situation. So werden Kirchen in laizistischen Ländern wie den Vereinigten Staaten zwar als Teil der Zivilgesellschaft angesehen. Historisch gesehen waren viele Kirchen aber direkt mit dem Staat verbunden und Mitgliedschaft Zwang – wodurch die Kirche dann nicht Teil der Zivilgesellschaft war. Auch sind Parteien in einer pluralistischen Gesellschaft Teil der Zivilgesellschaft, nicht jedoch in de facto Ein-Parteien-Diktaturen wie der Sowjetunion oder Nazi-Deutschland. Der Grund dafür ist wiederum die enge Verbindung zwischen solchen Parteien und den staatlichen Institutionen.

Problematischer und schwieriger einzuschätzen sind Familien und entferntere Verwandtschaften wie Stämme oder Clans. Für manche handelt es sich dabei um einen Teil der Zivilgesellschaft. Allerdings zählen viele wichtige Theoretiker diese Gruppen nicht zur Zivilgesellschaft, die sie eher als etwas sehen, das die Lücke zwischen der großen Gemeinschaft des Staates und der kleinen Gemeinschaft der Familie oder des Haushalts schließt. Diese Sichtweise berücksichtigt den Umstand, dass Familien und Sippen nicht in dem Maße auf Freiwilligkeit beruhen, wie es bei Clubs oder Verbänden der Fall ist: Seine Freunde kann man sich aussuchen, seine Verwandten nicht. Die Vorstellung, dass die Familie Teil der Zivilgesellschaft sei, beruht auf der Tatsache, dass Heiraten in manchen Gesellschaften auf Freiwilligkeit beruht; doch diese Freiwilligkeit gilt in keinem Falle für Kinder und manchmal auch nicht für das Ehepaar; sowohl historisch als auch im Hinblick auf die Gegenwart.

Wie auch im Fall der ,öffentlichen Meinung‘ wurde das Konzept der Zivilgesellschaft Ende des 18. und im frühen 19. Jahrhundert entwickelt und ausformuliert. Zuerst wurde es von den Denkern der Schottischen Aufklärung beschrieben, insbesondere von Henry Home, Lord Kames und Adam Ferguson zählen. Ferguson umriss den Gedanken der Zivilgesellschaft in seinem Essay „Essay on the History of Civil Society”, der 1767 veröffentlicht wurde. Wie der Titel andeutet, nahm er an, dass Zivilgesellschaften historisch sind und das Produkt eines Entwicklungsprozesses darstellen, in dessen Verlauf eine Gesellschaft kommerzieller und „ausgefeilter“ wird, eine Entwicklung, die von zunehmender Komplexität und Variation der Verbindungen zwischen den Individuen begleitet wird.

In der Folgezeit arbeitete Hegel die Idee aus und entwickelte sie vor allem in seiner Rechtsphilosophie weiter, in welcher er die Institutionen der Zivilgesellschaft klar von denen der Politik und der Familie abgrenzte. Auch machte er den Fortschritt der Zivilgesellschaft und ihrer einzelnen Institutionen zu einem zentralen Teil seiner dialektischen Methode des historischen Fortschritts. Spätere deutsche Theoretiker prägten den Begriff „Zivilgesellschaft”, wodurch der Begriff im 19. Jahrhundert in ganz Europa Verbreitung fand.

Einige weitere Denker des 19. Jahrhunderts leisteten wichtige Beiträge zu dem Thema. Alexis de Tocqueville sah die Existenz und die wachsende Komplexität der „intermediären Institutionen”, die zwischen dem Individuum und dem Staat stehen, als wesentliches Merkmal der Moderne. In Democracy in America argumentierte er, die Stärke dieser Institutionen sei ein charakteristisches Merkmal der Vereinigten Staaten im Besonderen und der angelsächsischen Welt im Allgemeinen, im Gegensatz zu seiner Heimat Frankreich. Wie Ferguson und Tocqueville argumentierte auch der französische Soziologe Emile Durkheim, dass die wachsende Dichte und Vielfalt der freiwilligen Verbindungen zwischen Individuen ein entscheidendes Kennzeichen der Moderne seien. Allerdings warnte er auch, die industrielle Entwicklung könne zu einer „Massengesellschaft” aus atomisierten und entwurzelten Individuen führen. Nach Sir Henry Sumner Maine ist wichtiger Teil der zivilgesellschaftlichen Entwicklung die graduelle Entwicklung weg von einer Situation, in der die meisten sozialen Beziehungen von Status bestimmt wurden, hin zu einem Zustand, der von formellen wie informellen Verträgen gekennzeichnet wird.

Im frühen 20. Jahrhundert war das Konzept der Zivilgesellschaft von Bedeutung für Pluralisten wie John Neville Figgis und den jungen Harold Laski, der es verwendete, um die orthodoxe Doktrin der politischen Souveränität zu kritisieren. Allerdings wurde die Idee während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weniger häufig verwendet als während der vorangegangenen hundert Jahre. Mit dem Aufkommen des Kalten Kriegs erlebte sie eine Wiedergeburt sowohl unter Politikwissenschaftlern als auch Soziologen. In dieser Zeit gewann das Konzept des Totalitarismus an Bedeutung für die soziologische Analyse; besonders, um Regimes wie das Nazi-Deutschlands oder des kommunistischen Chinas und Russlands zu kritisieren. Man argumentierte, dass es ein entscheidendes Merkmal solcher Regimes sei, dass es keine unabhängigen, auf Freiwilligkeit beruhenden Institutionen gebe und jeder Aspekt des Lebens vom Staat dominiert werde. Die Idee der Zivilgesellschaft wurde ausgearbeitet, um zu erklären, woran es totalitären Regimes mangelte. In der Tradition Tocquevilles und anderer wurde die Zivilgesellschaft ausdrücklich mit demokratischer Politik und individueller Freiheit verbunden. In den letzten 50 Jahren wurde viel zu dem Thema geforscht und veröffentlicht. Von namhaften Autoren wie Gabriel Almond, Sidney Verba, Robert Putnam, Elinor Ostrom und Jürgen Habermas. Auch für die Denkschule des Kommunitarismus ist das Konzept zentral, etwa für Charles Taylor, Michael Sandel und Will Kymlicka.

Dieses erneut aufgeflammte Interesse unter Sozialphilosophen aus allen politischen Richtungen deutet an, dass das Konzept nicht ausschließlich, nicht einmal besonders stark mit dem Liberalismus assoziiert wird. Nichtsdestoweniger ist es eine zentrale Idee innerhalb des libertären Denkens. Es ist ein Konzept, welches das liberale Denken mit allgemeineren Fragestellungen der sozialwissenschaftlichen und politischen Analyse verbindet – ein Gebiet, in dem Liberale Argumente von anderen Denkern verwenden oder an sie anknüpfen. Zugleich stehen sie Analysen, die diese Theoretiker vorgebracht haben, kritisch gegenüber: speziell den kommunitaristische Positionen von Autoren wie Charles Taylor und Michael Sandel.

Liberale akzeptieren überwiegend die hier beschriebene Vorstellung von Zivilgesellschaft und halten sie für vorteilhaft und wünschenswert. Autonome Individuen, die ihre eigenen Zwecke und Lebensziele verfolgen, tun das aus ihrer Sicht nicht als isolierte, atomisierte Individuen – wie es eine Karikatur des Libertarismus nahelegen würde – sondern als soziale Wesen, die nur innerhalb eines Beziehungsgeflechts mit anderen Personen aufblühen und ihr volles Potential entfalten können. Aus der liberalen Perspektive ist besonders wichtig, dass die Beziehungen zwischen den Individuen, die zu wechselseitigem Vorteil führen, freiwillig sind und auf Zustimmung, nicht auf Zwang basieren. Sie sollten nicht das Produkt von Zwang oder Macht sein. Die Institutionen der Zivilgesellschaft sind unverzichtbar für ein gedeihliches Miteinander und entstehen als Produkt der freien Handlungen von Individuen, die auf friedlichem Wege ihre Ziele verfolgen und ebenso friedlich mit anderen zusammenleben. Als solche sind sie die Verkörperung der spontanen Ordnung der sozialen Kooperation, wie es Adam Smiths System der natürlichen Freiheit oder die ,großen Gesellschaft‘, wie Hayek es nannte, hervorbringt. Freiwillige Kooperation ist das Mittel, durch das kollektive Ziele erreicht werden können, ohne dass Andersdenkende oder diejenigen, die ein spezifisches Ziel nicht teilen, dazu genötigt oder gezwungen werden müssen. Diese Vorstellung ist vor allem im Hinblick auf die soziale Frage relevant; Liberale haben es immer favorisiert, soziale Probleme zivilgesellschaftlich durch freiwillige Kooperationen und Institutionen zu lösen, etwa durch Versicherungsvereine oder Genossenschaften, und weniger durch Regierungshandeln. Ihre Sicht auf die Zivilgesellschaft gerät nicht in Konflikt mit der von Theoretikern wie Habermas, unterscheidet sich aber von ihnen, weil es eher die freiwillige Kooperation und die Art, wie diese Kooperation Institutionen hervorbringt, in den Vordergrund rückt, und weniger den kommunikativen oder interaktiven Charakter dieses Prozesses, den Habermas betont.

Darüber hinaus ist die Zivilgesellschaft aus Sicht der meisten Liberalen nicht nur als Produkt der Freiheit zu verstehen, sondern auch als ihr Schutz. Die Institutionen der Zivilgesellschaft, so argumentieren sie, stellen einen Puffer gegenüber der Macht dar und schützen das Individuum vor den Herrschenden, dem Staat und den staatlichen Einrichtungen. Für sich genommen hat kein Individuum die Fähigkeit, der Macht des Staates zu widerstehen. Die kollektiven Institutionen der Zivilgesellschaft erleichtern Widerstand erheblich. Libertäre Intellektuelle wie Albert Jay Nock bemerkten, dass dies den Unterschied zwischen sozialer und politischer Macht bedeute. Folglich sind die Zivilgesellschaft und soziale Macht nicht nur ein Schutz gegenüber der politischen Macht und Gewalt; die Ausdehnung des Staates und der politischen Macht bedeuten darüber hinaus eine Bedrohung für die Zivilgesellschaft und friedliche soziale Kooperation. Für Libertäre ist die von Durkheim diagnostizierte Massengesellschaft die Folge einer übermäßig ausgedehnten Regierungsgewalt und politischer Macht, insofern diese die privaten und freiwilligen Möglichkeiten, individuelle und kollektive Ziele zu erreichen, unterminiert und verdrängt. Eine ausufernder Staat produziert eine Situation, in der letztendlich keine auf Freiwilligkeit basierende Institution mehr existieren kann, sondern nur Individuen auf der einen, der Staat auf der anderen Seite, wobei die einzelnen Menschen ihm gegenüber eine infantile und unterwürfige Haltung einnehmen. Folglich ist die Bedrohung, die eine Überhand nehmende politische Macht für die Zivilgesellschaft darstellt, ein prinzipieller Einwand gegen diese Macht.

Die Erfahrung der letzten 100 Jahre hat Liberale dazu gebracht, die optimistische historische Hoffnung ihrer Vordenker aus dem 18. und 19. Jahrhundert, die Zivilgesellschaft werde beständig reichhaltiger und vielfältiger werden, aufzugeben. Stattdessen tendieren sie dazu, das Wechselspiel zwischen Staat und Zivilgesellschaft, wobei sich die Waage mal in die eine, mal in die andere Richtung neigt, als oszillierenden Prozess zu sehen. Dementsprechend gehen die Antworten, die Liberale auf die Argumente zeitgenössischer Schriftsteller wie Robert Putnam geben, auseinander. Dieser argumentiert in „Bowling Alone”, es habe in den letzten Jahren einen Verfall der zivilgesellschaftlichen Institutionen gegeben, was mit einem Rückgang dessen verbunden ist, was er soziales Kapital nennt. Einige Liberale, die dieser Analyse im Wesentlichen zustimmen, sehen auch  die Ausdehnung der Regierung als Grund dieser Entwicklung. Andere weisen die Analyse zurück und argumentieren, dass es keinen Rückgang des Reichtums und der Dichte der Zivilgesellschaft gegeben habe, sondern eher eine Transformation ihrer inhaltlichen Angebote und der persönlichen Beziehungen, die sie umfasst. Diese Unterteilung innerhalb des libertären Lagers ist zumindest teilweise auf eine optimistische beziehungsweise pessimistischen Beurteilung der Gegenwart zurückzuführen, sowie auf eine Uneinigkeit darüber, wie die neuen „virtuellen” Gemeinschaften und der durch neue Kommunikationstechnologien ermöglichten Formen von Zivilgesellschaft.

Letztendlich unterstützen und verwenden Liberale die Idee der Zivilgesellschaft, sind jedoch immun gegenüber der Art von Argumenten, die Kommunitaristen dazu vorbringen. Autoren wie Charles Taylor haben argumentiert, das menschliche Selbst sei von den sozialen Institutionen und Praktiken geformt, sodass individuelle Entscheidungen in radikaler Weise von diesen kollektiven Institutionen und Konventionen eingeengt werden und auch werden sollten. Liberale weisen diese Vorstellung sowohl als Beschreibung als auch als Programm auf der Basis eines ethischen und methodologischen Individualismus zurück. Für sie ist weiterhin das Individuum der entscheidende Träger sozialer Handlungen, und seine Handlungen und Entscheidungen formen die Zivilgesellschaft. Normativ weisen sie die Vorstellung zurück, dass es einen ,kollektiven Zweck‘ gibt oder geben sollte, der durch die zivilgesellschaftlichen Institutionen verkörpert wird, an denen sich die Individuen beteiligen. Umgekehrt dient die Zivilgesellschaft den Interessen der Individuen und hilft ihnen, ihre Lebensziele zu verwirklichen – auf eine Weise, die Kooperation mit anderen statt Konflikte mit ihnen einschließt.

Weiterführende Literatur

Eberly, Don E., ed. The Essential Civil Society Reader: The Classic Essays. New York: Rowman & Littlefield, 2000.

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Ehrenberg, John. Civil Society: The Critical History of an Idea. New York: New York University Press, 1999.

Ferguson, Adam. Essay on the History of Civil Society. Cambridge: Cambridge University Press, 1996.

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Hodgkinson, Virginia, and Michael W. Foley, eds. The Civil Society Reader: Historical and Contemporary Perspectives. Boston:Tufts University Press, 2003.

Kaviraj, Sudipta, and Sunil Khilnani, eds. Civil Society: History and Possibilities. Cambridge: Cambridge University Press, 2001.

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Putnam, Robert. Bowling Alone: The Collapse and Revival of American Community. New York: Simon & Schuster, 2001.

———. Making Democracy Work: Civic Traditions in Modern Italy. Princeton, NJ: Princeton University Press, 1994.

Tocqueville, Alexis de. Democracy in America. London: Penguin, 2003.

Stephen Davies

Dr. Stephen Davies ist Leiter des Bereichs Bildung am Institute of Economic Affairs in London. Er hat an der St Andrews University Geschichtswissenschaften studiert und dort auch promovierte.