Ostrom, Elinor

Holger Motzkau from Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Von Roland Fritz.

Die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom erforschte, unter welchen Bedingungen es Menschen gelingt, im Gemeineigentum stehende Ressourcen erfolgreich und nachhaltig zu bewirtschaften. Mit den aus ihrer Forschung gewonnenen Einsichten überzeugte sie viele Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler davon, dass einfach Modelle nie verabsolutiert werden dürfen und dass Menschen im Zweifelsfall ein bisschen mehr zugetraut werden kann als es Spieltheorie und ökonomische Denklogik vielleicht vermuten lassen würden.

Biographie

Ostrom, 1933 geboren, gelangt über Umwege, Zufälle und gegen viele Widerstände zur Wissenschaft. Nach einem Studium der Politikwissenschaft an der Universität Los Angeles arbeitet sie zunächst als Sekretärin und im Personalwesen. Als sie sich 1962 für ihr Doktorat in Volkswirtschaftslehre einschreiben will, wird ihr – explizit wegen ihres Geschlechts – davon abgeraten. Glücklicherweise lässt sich Ostrom davon nicht sonderlich entmutigen und promoviert stattdessen in Politikwissenschaft, behält ihr großes Interesse an ökonomischen Fragestellungen aber bei. Es ist eine nicht geringe Ironie der Geschichte, dass sie 47 Jahre später die bis dato erste Frau sein wird, die den Nobelpreis für Ökonomik entgegen nehmen durfte. Während der meisten Zeit ihres Lebens forscht und lehrt Ostrom an der University of Indiana in Bloomington, wo sie mit ihrem Mann Vincent den „Workshop in Political Theory and Policy Analysis“ gründete und leitete. Die Bezeichnung als „Workshop“ ist dabei nicht zufällig, der Gedanke dahinter in der Wissenschaft weitestgehend einzigartig: Gleich einem Handwerksbetrieb versteht sich die Einrichtung als Ort, an dem Studierende als „apprentices and journeymen“ die Möglichkeit haben, mit erfahrenen Forschern gemeinsam an der Lösung von in der Realität existierenden Problemen zu arbeiten. Dieses interdisziplinär und praktisch ausgerichtete Forschungszentrum ist auch noch heute weltweit führend bei der Beforschung von Governance-Strukturen und ökologischen Problemen. Es besteht u.a. eine enge Zusammenarbeit mit dem Zentrum für interdisziplinäre Forschung an der Universität Bielefeld. Im Jahr 2012 stirbt sie siebzehn Tage vor Ihrem Ehemann.

Ostrom als theoretische und empirische Sozialforscherin

Ostroms Karriere kann vor allem mit dem Finden von Lösungen für die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen unter nicht-klassischen Formen von Eigentumsrechten umschrieben werden. Der intellektuelle Ausgangspunkt von Ostroms sozialwissenschaftlichem Ansatz liegt in der Typisierung von Güterarten. Während Paul Samuelson noch ausschließlich zwischen privaten und öffentlichen Gütern unterschieden hat und James M. Buchanan Club- oder Mautgüter mit in die Diskussion eingebracht hatte, „entdeckte“ Elinor Ostrom so genannte Allmende-Güter oder Common Pool Ressources. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass Menschen vom Zugang zu ihnen in der Regel nicht oder nur sehr schwer ausgeschlossen werden können, der Konsum der betreffenden Güter aber sehr wohl rivalisierend sei. Dadurch komme es zu der wohlbekannten „Tragik der Allmende“ nach Garrett Hardin, wonach Nutzer keine individuellen Anreize zur nachhaltigen Nutzung der betreffenden Ressource hätten und diese so – über kurz oder lang – notgedrungen übernutzt und aufgebraucht werden würde. Beispiele für diese Art von Gütern sind u.a. internationale Fischereigründe und gemeinschaftlich bewirtschaftete Almwiesen, aber auch durch Menschen geschaffene Güter wie z.B. Bewässerungssysteme oder öffentlicher Parkraum.

Ostroms großer Beitrag zum besseren Verständnis dieser Güterart besteht nun darin, gezeigt zu haben dass die aus theoretischen Modellen abgeleiteten Schlussfolgerungen über deren optimale Bereitstellung größtenteils ungenügend sind. Ganz egal, ob wir von der Tragik der Allmende, dem Gefangenendilemma oder Mancur Olsons Logik des kollektiven Handelns sprechen – die Realität, so fand Ostrom heraus, ist immer ein bisschen komplizierter. Während Autoren, die sich dem Problem theoretisch näherten, häufig nur zwei Lösungsmöglichkeiten für die Tragik der Allmende sehen konnten (entweder Privatisierung oder Verstaatlichung bzw. staatliche Kontrolle und Regulierung), sieht der Ostromsche Ansatz hier eine Vielzahl an potentiellen Alternativen. Im Zuge ihrer langjährigen Forschungen an real existierenden Allmendegütern auf der ganzen Welt (darunter u.a. Grundwasserreservoirs in Südkalifornien, Weidewiesen in den Schweizer Bergen oder Bewässerungsanlagen in Spanien, Indonesien und der Türkei) fand Ostrom heraus, dass diese nicht zwingend von Übernutzung betroffen sein müssen – es kommt dabei schlichtweg auf die institutionelle Ausgestaltung und das Befolgen einiger Regeln an, damit Allmendegüter nachhaltig bewirtschaftbar werden. In ihrem Hauptwerk „Governing the Commons“ (dt. „Die Verfassung der Allmende“) legt sie – nach ausführlicher Darstellung zahlreicher Case-Studies über real existierender Common Pool Ressources (CPRs) – 8 so genannte „Design Principles“ vor, anhand deren Vorhandensein abgeschätzt werden könne, ob ein Allmendegut von Übernutzung betroffen sein wird. Dazu zählen z.B. klar definierte Grenzen der CPR, effektives Monitoring der Nutzer, proportionale und graduell ansteigende Sanktionen bei Nichteinhaltung der Regeln und das Vorhandensein von effektiven Konfliktlösungsmechanismen. Wichtig sind auch Möglichkeiten für die Nutzer, gemeinschaftlich Entscheidungen zu diskutieren und diese dann auch treffen und umsetzen zu können. Darüber hinaus fand Ostrom, dass die Nutzungsvorschriften für die CPR im Einklang mit den lokal geltenden kulturellen und moralischen Vorstellungen sein sollten, und dass die Institutionen des Staatswesens, innerhalb dessen sich die CPR befindet, die Existenz und die Eigenständigkeit dieser anerkennen solle. Es ist hier aber wichtig zu betonen, dass für Ostrom auch die Befolgung der Design-Principles keine Garantie für die Nachhaltigkeit einer CPRs darstellt – in der Realität gäbe es natürlich immer auch wieder institutional failures, also Beispiele von Allmendegütern die trotz aller Bemühungen nicht nachhaltig bewirtschaftet werden können. Durch weitere systematische Beforschung von natürlichen und menschengemachten Common Pool Ressources könnte man jedoch, so Ostroms Hoffnung, letzten Endes dennoch ein Stück zu immer größerer institutioneller Resilienz und damit letzten Endes auch zu einer lebenswürdigeren Umgebung für viele Menschen beitragen.

Dieser empirisch unterfütterte Forschungsansatz zeigt sich auch stark in ihren früheren Projekten über Eigenheiten des öffentlichen Dienstes. Ein bemerkenswertes Beispiel ist hier die Beforschung der Effektivität von Polizeibehörden, im Zuge dessen Ostrom tatsächlich wochenlang auf der Rückbank von Polizeiautos saß, um das Verhalten der Beamten und deren Interaktion mit der Bevölkerung besser zu verstehen. (Interessanterweise zeigten die Resultate dieser Forschungsarbeit, dass Polizeidienstleistungen genau dann zufriedenstellend ausgeführt werden, wenn die Beamtinnen und Beamten die Gemeinschaft, in der sie ihren Dienst vollziehen, gut kennen und optimalerweise selbst dort wohnen. Die Güte deren formaler Ausbildung hingegen spielte hierbei keine Rolle und konnte sich sogar negativ auf die Entwicklung von Sicherheit und Kriminalität im betreffenden Stadtviertel auswirken.) Hier zeigt sich aber vor allem die gewaltige Vielfalt und ungeheure Kreativität des Methodenreichtums, den Ostrom auf die soziale Realität loslässt. Ihr Forschungsansatz zeichnet sich dadurch aus, dass sie neben konventionellen quantitativen Methoden eben auch diese ungewöhnlichen qualitativen Ansätze anwendet, um aus sonst schwer zugänglichen Winkeln des sozialen Gefüges Einsichten zu gewinnen. Auch bahnte Ostrom entscheidet den Weg für eine systematische Verwendung von Simulationen und Experimenten in den Sozialwissenschaften.

Großen Einfluss und neue Aufmerksamkeit genießt das Werk von Elinor Ostrom jüngst auch durch die Kombination mit der Österreichischen Schule und der Virginia School of Political Economy, wie sie an der George Mason Univerisity durch Denker wie Peter Boettke vorgenommen wird. Die Kombination erweist sich vor allem auch durch die starke empirische Fundierung des Ostromschen Ansatzes als überaus fruchtbar. Auch zum deutschen Ordoliberalismus bestehen vielfältige und noch nicht genügend beforschte Bezüge und Gemeinsamkeiten.

Bedeutung für den Liberalismus

Ostroms Liberalismus ist nicht etwa in naturrechtlichen Argumentationen oder tiefen philosophischen Überzeugungen angelegt, sondern basiert schlichtweg auf der Einsicht, dass Menschen häufig selbst die besten Lösungen für ihre Probleme finden. Der Staat, dessen Akzeptanz von Selbstverwaltungsmechanismen ungemein wichtig ist und der in Einzelfällen mglw. mit kleinen Hilfestellungen die Koordination von menschlichen Handlungen verbessern kann, ist in den meisten Fällen dennoch ein denkbar ungeeignetes Vehikel, um menschliche Selbstorganisation zu Fördern und Allmendegütern vor Übernutzung zu bewahren. Am Problematischsten ist hierbei die Tendenz von Regierungen, schablonenartige Lösungen zu entwickeln und diese ohne vorausgehende Anpassung an (geographischen, politischen oder kulturellen) lokalen Bedingungen anzuwenden. Da diese Weigerung, die Menschen vor Ort selbst nach Lösungen für soziale und ökologische Probleme suchen zu lassen, in der Realität leider allzu verbreitet ist, war Ostrom insgesamt mehr als kritisch gegenüber einen Großteil der von Regierungen umgesetzten Maßnahmen.

Vor allem in Verbindung mit den Werken ihres Ehemanns Vincent, der ebenfalls ein angesehener Politologe war, ergibt das Ostromsche Denksystem ein überaus starkes Plädoyer für ein liberal ausgestaltetes und hochgradig föderales Staatswesen, in denen Bürgerbeteiligung und Selbstverwaltung eine wichtige Rolle spielen. Zentral ist hier zum einen die Einsicht, dass es eine freie Gesellschaft ohne aktive Bürgerbeteiligung und eine gewisse „Tradition“ oder Wertschätzung von liberalen Institutionen nicht geben wird. Neben – mit, wie es die Ostroms auch gerne taten, Toqueville gesprochen – den „habits of the mind“ muss der Liberale also auch darauf Acht geben, dass die „habits of the heart“, die kulturelle Unterfütterung einer Gemeinschaft oder Gesellschaft, mit liberalen Prinzipien vereinbar ist. Auf der Policy-Ebene ist hier die Ostromsche Vorstellung von Polyzentrizität relevant, die erkennt, dass staatliche Institutionen keineswegs immer übergroße, bürokratische und unpersönliche Gebilde (in der Terminologie der Ostroms: Gargantua) sein müssen, sondern dass auch staatliche Strukturen so umgestaltet werden können, dass es innerhalb dieser mehrere mit Entscheidungsgewalt ausgestattete Zentren gibt oder zwischen einzelnen Einheiten wettbewerbliche Strukturen bestehen, wovon sich die Ostroms bessere Ergebnisse bei der Erbringung von öffentlichen Dienstleistungen erhoffen. In diesem Sinne kann Elinor Ostrom auch als eine wichtige Vordenkerin von Quasi-Märkten und Public-Private Partnerships gesehen werden.

Für Liberale, die sich vom Werk Ostroms beeinflussen lassen, bedeutet dies letzten Endes, dass in der realen Welt nur ganz selten sehr einfache Lösungen gibt und die Grenzen zwischen Gut und Böse, wie auch jene zwischen Markt, Staat und Zivilgesellschaft oft fließend sind. Liberale sollten – sofern sie dies nicht eh schon tun – ihre Argumente gegen den Staat empirisch fundieren, die Probleme klar und zugleich nüchtern benennen und optimalerweise gleich auch konkrete Policy-Vorschläge zur Lösung dieser Probleme formulieren. Hierbei wäre aus Ostromscher Sicht eine gewisse Demut vor der ungeheuren Komplexität der sozialen Realität durchaus angebracht – Liberale sollten folgerichtig einsehen, dass auch ihr eigenes Verständnis der behandelten Probleme durchaus mangelhaft sein kann und sich entsprechend in Mäßigung üben. Der all or nothing- Ansatz, den man aus dem liberalen Lager oft hört und der zuweilen nichts weniger als die komplette Abschaffung jeglicher Staatstätigkeit als adäquate Lösung akzeptiert, ist Ostrom fremd. Viel mehr geht es darum, mit Bedacht und einer gewissen Dosis an Selbstkritik die soziale Welt so gut wie möglich zu beforschen, auf der Basis der gewonnen Einsichten Politikempfehlungen abzugeben und diese dann auf deren langsame – und immer mit Zustimmung der betroffenen Bevölkerungsgruppen geschehende – Umsetzung zu warten.

Literatur

Aligica, Paul D. und Boettke, Peter J. (2009), Challenging Institutional Analysis and Development: The Bloomington School. New York: Routledge.

Ostrom, Elinor (1999[1990]), Die Verfassung der Allmende. Freiburg: Mohr Siebeck.

Ostrom, Vincent und Ostrom, Elinor (2002[1977]), Public Goods and Public Choices. In: McGinnis, M.D.: Polycentricitiy and Local Public Economies: Readings from the Workshop in Political Theory and Policy Analysis. Ann Arbor: The University of Michigan Press, S. 75-105.

Ostrom, Elinor (2010), Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. The American Economic Review 100 (3), S. 641-672.

Tarko, Vlad (2017), Elinor Ostrom: An Intellectual Biography. London: Rowman & Littlefield.´

Roland Fritz

Roland Fritz ist Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Siegen. Er studierte Soziologie und Sozioökonomie an den Universitäten Graz, Genf und Wien.