Tocqueville, Alexis de

Théodore Chassériau Wikimedia Commons (CC0)

Von Jason Kuznicki, mit freundlicher Genehmigung libertarianism.org.

Alexis des Tocqueville (1805-1859) war einer der führenden Gelehrten der französischen Revolution und der frühen amerikanischen Republik. Obwohl er sowohl der Académie française als auch der Abgeordnetenkammer angehörte, ist Tocqueville vor allem für seine Arbeit auf dem Feld der politischen Theorie in Erinnerung geblieben. Seine Betrachtungen monarchischer und repräsentativer Regierungen, der Wirtschaft und der individuellen Freiheit machen ihn zum möglicherweise einflussreichsten aller modernen Gesellschaftsphilosophen. Tocqueville betonte, dass gesunde Gesellschaften natürlich durch das individuelle Streben nach legitimen Zielen entstehen würden. Darüber hinaus misstraute er sowohl der Aristokratie als auch zentralisierten Regierungen, und betonte die Grenzen für jede Regierung, sozialen Wandel herbeizuführen.

Was für einen Denker mit Sympathien für freiheitliche Ideen seltsam ist: Er misstraute auch dem, was er „Individualismus“ nannte. Er argumentierte, dass es nur in Freiheit möglich war, die sozialen Bindungen einzugehen, die eine voll entwickelte, ,erwachsene‘ Gemeinschaft auszeichnen, und dass intensive gemeinschaftliche Tätigkeiten die natürliche Folge der Freiheit sind. Ohne Freiheit, so argumentierte er weiter, würden sich Individuen entweder einem kämpferischen, vereinsamenden, der Moral weitgehend beraubten Individualismus hingeben, oder zu unterwürfigen Geschöpfen des Staates werden würden. Wenig überraschend, lehnte er beides ab. In ähnlicher Manier misstraute Tocqueville der übermäßigen Konzentration von Reichtum. Er fürchtete den ungebührlichen Einfluss auf die Regierung, den außerordentlicher Reichtum ermöglichen würde, und war der Ansicht, dass hochkonzentrierter Reichtum eines der Hauptprobleme sei, die entständen, wenn eine Regierung seine angemessene Größe überschreite. Ohne unfaire Privilegien durch die Regierung, so Tocquevilles Hoffnung, würden der Wettbewerb und die Wechselfällen des alltäglichen Lebens eine angleichende Wirkung entfalten, die Armen bereichern und die Reichen zügeln.

Diese Themen durchziehen Tocquevilles gesamtes politisches Werk. In seinem unvollendeten Meisterwerk „Der alte Staat und die Revolution“ (1856, Anm. des Übersetzers) argumentierte Tocqueville, das Ancien Régime habe die französische Gesellschaft individualisiert und atomisiert. Indem die Zentralregierung mehr Macht gewann, löschte sie die privaten und kommunalen Bindungen aus, die den Bürgern unter anderen Umständen ein gleichberechtigteres und bereichernderes Sozialleben beschert hätten. Stattdessen war nun jeder abhängig vom Staat und versuchte eher, staatliche Privilegien gegenüber seinen Mitmenschen zu gewinnen, statt mit ihnen in friedlichen Austauschbeziehungen zu stehen. Tocqueville dokumentierte, wie alte, lokale Formen von Justiz und Administration von der Zentralisierung marginalisiert wurden, und wie die Hauptstadt Paris enorm an Größe und Reichtum gewann. Alle diese Entwicklungen schrieb er der übertriebenen und unkontrollierten Macht des Staates zu.

Als die Regierung nicht mehr fähig war, ihren enormen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen, kollabierte sie. Aber Tocqueville war kein Freund der französischen Revolution: Obwohl sein Werk unvollendet blieb, geht aus seinen Notizen und Hinweisen aus vollendeten Werken klar hervor, dass Tocqueville argumentieren wollte, dass die Revolution eine systematische und verstärkte Fortführung der Zentralisierung, die das Ancien Régime begonnen hatte, war. „Als die Revolutionäre all ihre sozialen und administrativen Reformen erwägten, kam ihnen nicht einmal der Gedanke an freie politische Institutionen“, schrieb er erbost. Stattdessen überwogen strikte, aber willkürliche Regeln, gepaart mit einem leidenschaftlichen Bestehen auf nationaler Einheit – für welches allein der Staat garantierte. Tocqueville sah all das als für die Freiheit schädlich an.

Tocquevilles Analyse der Französischen Revolution galt zuerst als die Minderheitsmeinung, ist in den vergangenen Jahren aber zum Konsens unter Historikern geworden: Die Historiker weisen Marx‘ Interpretation, der zufolge die Revolution ein Ausdruck des Klassenkampfes gewesen sei, überwiegend zurück. Allerdings geht Tocquevilles Kritik staatlicher Macht weiter, als viele Historiker und politische Denker bereit sind, anzuerkennen; weit davon entfernt, ein Konservativer zu sein, verdammte er den Paternalismus des Ancien Regime, selbst in seinen scheinbaren harmlosen und gutgemeinten Formen. „Was die Dinge noch schlimmer machte: dass der König und seine Minister von altruistischen Motiven geleitet wurden; denn indem sie zeigten, dass gewalttätige Methoden von gutgesinnten Menschen mit guten Absichten angewendet werden könnten, schufen sie einen gefährlichen Präzedenzfall.“ In der Tat verglich Tocqueville das Ancien Régime mit dem Sozialismus; beide Systeme hielten Eigentum für ein Privileg, das zurückgenommen werden kann, nicht für ein inhärentes Recht. „Diese Idee ist für den modernen Sozialismus grundlegend. Es ist merkwürdig, dass sie erstmals in Frankreich unter einem despotischen Regime aufkam.“ Die Idee, dass das Ancien Regime und der Sozialismus vieles gemeinsam hätten, war ein bestimmendes Thema für viele französische Liberale des 19. Jahrhunderts wie etwa Charles Comte und Charles Dunoyer, und ist noch heute einflussreich unter libertären Historikern.

Tocquevilles bekanntestes Werk, Die Demokratie in Amerika, ist eine detaillierte Analyse des politischen und sozialen Lebens in Amerika in der Zeit von Andrew Jackson (Präsident der USA von 1829 bis 1837, Anm. des Übersetzers) und wurde 1835-1840 veröffentlicht. Zeitgenössische Europäer bewunderten Tocqueville für den Detailreichtum seines Wissens aus erster Hand. Von 1831 bis 1832 war Tocqueville weit durch die USA gereist und hatte Menschen aller sozialen Schichten interviewt, einschließlich Ureinwohner, Sklaven, Händler, Kleriker und des Präsidenten. Tocquevilles Analyse wird noch heute häufig von Akademikern wie Populärwissenschaftlern zitiert und ist zweifellos einer der wichtigsten politischen Texte der Moderne.

Tocquevilles Verständnis der amerikanischen Gesellschaft betonte die Freiheit, den Egalitarismus und das Unternehmertum der jungen Republik. Er fand heraus, dass die Amerikaner, im Gegensatz zu den Europäern derselben Zeit, eher dazu tendierten, den sozialen Rang geringzuschätzen und sich frei in den verschiedenen sozialen Klassen zu bewegen. Er argumentierte, dass ein solcher sozialer Egalitarismus in einer prosperierenden Gesellschaft selbstverständlich sei und dass die Freiheit die Tugend der Amerikaner insgesamt eher stärke als schwäche. Die Pressefreiheit war nie zuvor so verbreitet, wie sie es in Amerika war. Die amerikanischen Zeitungen illustrierten eindrucksvoll das amerikanische Unternehmertum und die amerikanische Liebe für die Freiheit; diese Eigenschaften erstaunten Tocqueville.

Seine Beziehung zum amerikanischen Egalitarismus war komplexer. Er bewunderte die Idee, dass niemand willkürliche Regierungsgewalt besitzen solle. Er verabscheute die Sklaverei und verdammte die Gesetze und Gebräuche, die sie unterstützten. Zugleich fürchtete er jedoch, die Gleichheit des Ranges und der menschlichen Verfassung könne paradoxerweise in den Despotismus führen: „Während die Lebensumstände der verschiedenen Menschen einander immer ähnlicher werden“, so schrieb er, „scheint die Bedeutung des Individualismus zu schwinden und die der Gesellschaft zu wachsen… jeder Bürger, der sich so entwickelt hat wie der Rest, verliert sich in der Masse. Es gibt nichts, was sichtbar heraussticht: nicht außer dem großen und imposanten Bild des Volkes selbst.“ Tocqueville wusste nur zu gut, dass Tyrannen sich dieses Bildes leicht bedienen konnten, wie es auch in Frankreich geschehen war. Insofern würde eine liberale Interpretation von Über die Demokratie in Amerika, das Buch als Geschichte des amerikanischen Verfalls zu lesen – von einer Jefferson‘schen Freiheit zu Jackson‘scher Gleichheit, zu einem allmächtigen Staat, der eines Tages als Inkarnation des Durchschnittsmenschen erscheinen wird. „Die Idee, dass es gewisse, jedem Menschen inhärente Rechte gibt, verschwindet… die Idee der Allmacht und der alleinigen Autorität der Gesellschaft als Ganzes ist da, um ihren Platz einzunehmen“, schrieb Tocqueville besorgt.

In Tocquevilles Verteidigung der Freiheit gibt es gewisse Inkonsistenzen, die sich vor allem in seiner Arbeit über die französischen Kolonien zeigen. Tocquevielle schrieb über Algerien zunächst als Privatmann, später als beauftragter Repräsentant der Abgeordnetenkammer. Wie die Tocqueville-Forscherin Jennifer Pitts schrieb, „implizieren Tocquevilles Schriften über Algerien, dass nation-building die Aussetzung der Prinzipien der menschlichen Gleichheit und Selbstbestimmung legitimiere, und dass die französische Herrlichkeit jede Aggression rechtfertige, die die Nation zustandebringen könne.“ 1841 schrieb er: „Jedes Volk, das aufgibt, was es sich genommen hat, und stattdessen beschließt, sich friedlich hinter seine ursprünglichen Grenzen zurückzuziehen, verkündet damit, dass die Zeit seiner Größe vorbei ist. Es tritt für alle sichtbar in das Zeitalter des Verfalls ein.“ Obwohl wenige so freiheraus die massiven Kosten, die Gewalt und sonstige Schwierigkeiten zugaben, die der Kolonialismus mit sich brachte, unterstützte er diese Unternehmen dennoch und verbrachte einen Großteil der 1840er Jahre damit, diese Politik vor der Abgeordnetenkammer zu verteidigen. Zu seiner Verteidigung muss angemerkt werden, dass er jederzeit auf die sofortige und bedingungslose Abschaffung der Sklaverei in allen französischen Gebieten drängte. Möglicherweise glaubte er naiverweise, dass die Kolonisierungen auch ohne Gewalt erreicht werden könnten: eine Vorstellung, die die Geschichte uneingeschränkt falsifiziert hat.

Weiterführende Literatur

Aron, Raymond. Main Currents in Sociological Thought: I. Montesquieu, Comte, Marx, Tocqueville, the Sociologists and the Revolution of 1848. Richard Howard and Helen Weaver, trans. New York: Basic Books, 1965.

Epstein, Joseph. Alexis de Tocqueville: Democracy’s Guide. New York: HarperCollins, 2006.

Tocqueville, Alexis de. Democracy in America. George Lawrence, trans., J. P. Mayer, ed. New York: Harper & Row, 1988.

———. The Old Regime and the French Revolution. Stuart Gilbert, trans. New York: Anchor Doubleday, 1955.

———. Writings on Empire and Slavery. Jennifer Pitts, ed. and trans. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2001.

Jason Kuznicki

Dr. Jason Kuznicki ist Redakteur von Cato Books und Cato Unbound und war als stellvertretender Redakteur am Projekt der “Encyclopedia of Libertarianism” beteiligt. Er studierte an der Case Western Reserve University, der Ohio State University und promovierte an der Johns Hopkins University.