Fortschritt

Brian Erickson on Unsplash (CC 0)

Von George H. Smith mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

Der angesehene Historiker J.B. Bury definiert menschlichen Fortschritt “im Sinne einer Interpretation der Geschichte, welche die Menschen als stetig in eine bestimmte und wünschenswerte Richtung voranschreitend sieht, und welche diesen Prozess als unendlich betrachtet.” Bury meint, dass der Fortschritt in diesem Sinne ein unverwechselbar moderner Begriff ist, der sich erst im 16. und 17. Jahrhundert herausgebildet hat. Andere Historiker wie Robert Nisbet schreiben die Idee jedoch bereits griechischen, römischen und christlichen Autoren – lange vor dem Beginn der Moderne – zu.

Eine liberale Theorie des Fortschritts betont die Rolle der Freiheit in der steten Entwicklung des menschlichen Fortschritts. Wie auch immer die historische Debatte über die Herkunft der Idee des Fortschritts und ihrer Beziehung zu anderen Ideen (etwa zu dem Glauben an ein arkadisches ,Goldenes Zeitalter‘, an die Ursünde oder göttliche Vorsehung) beurteilt wird, es kann wenig Zweifel darüber geben, dass die Verbindung zwischen individueller Freiheit und Fortschritt von Philosophen, Historikern, Ökonomen und Sozialforschern nach der Renaissance hergestellt wurde.

In The Idea of Progress unterscheidet Bury liberale von sozialistischen modernen Fortschrittstheorien. Die sozialistische Version beschreibt er als „ein symmetrisches System, in dem die Autorität des Staates überwiegt und das Individuum kaum mehr Wert hat, als ein Zahnrad in einer gut geölten Maschine; sein Platz wird ihm zugewiesen; es hat kein Recht, seinen eigenen Weg zu gehen.“

Der Liberalismus hingegen betrachtet die individuelle Freiheit und soziale Vielfalt als essentiell für den Fortschritt. Anders als im geschlossenen System des Sozialismus, in dem das ultimative Ziel des Fortschritts vorhersehbar ist und von zentralen Planern im Vorhinein festgelegt, neigte der klassische Liberalismus historisch eher einer Theorie zu, die auch als die des „unbestimmten Fortschritts“ bezeichnet wurde. Diesem Ansatz zufolge können dem Fortschritt weder Grenzen gesetzt werden, noch können wir seinen exakten Gang oder die Form, die er annehmen wird, vorhersagen. „Die individuelle Freiheit ist die bewegende Kraft“ des unbestimmten Fortschritts; und dieser dezentralisierte, spontane Prozess generiert Innovationen, die niemand vorhersehen geschweige denn kontrollieren kann: kein Individuum, keine Gruppe oder Institution, einschließlich der Regierung.

Theorien des Fortschritts beschäftigen sich typischerweise mit drei Sphären menschlichen Handelns: intellektuelles, moralisches und wirtschaftliches Handeln.

Liberale Theorien des intellektuellen Fortschritts entstanden im 17. Jahrhundert, als unter anderem John Milton, Benedict Spinoza und John Locke argumentierten, dass die Freiheit des Denkens, der Diskussion und des Publizierens essentielle Voraussetzungen für die Fortentwicklung des Wissens sind. Häufig unter dem umfassenden Label der „Gewissensfreiheit“ firmierend, wurden diese Freiheiten später als unverzichtbar für die Suche nach der Wahrheit in der Religion, der Wissenschaft und anderen Bereichen angesehen und spielten eine große Rolle im Kampf für religiöse Toleranz.

Dieser weitestgehende Konsens findet sich nicht in Bezug auf den moralischen Fortschritt, nicht einmal unter den liberalen Denkern. Es ist oft betont worden, dass Wissen sowohl für gute als auch schlechte Zwecke verwendet werden kann. Manche Liberale wie Adam Ferguson und Joseph Priestley warnten vor den schädlichen Effekten von Luxus und anderen Lastern. Diese würden, so glaubten sie, jene moralische Tugenden korrumpieren, die zur Aufrechterhaltung einer offenen Gesellschaft nötig sind. Andere Liberale widersprachen: In den Schriften David Humes, Edward Gibbons, Adam Smiths und anderen finden sich zahlreiche Argumente zur Verteidigung von Luxus und persönlichen Lastern, d.h. solche, die keine Rechte anderer verletzen. Diese Argumente basieren überwiegend auf den nicht-intendierten, aber positiven gesellschaftlichen Konsequenzen von diesen Lastern. Viele dieser Argumente sind Variationen eines Motivs, das der niederländische Philosoph Bernard Mandeville in seinem berüchtigten Buch The Fable of the Bees: Or, Private Vices, Publick Benefits erstmals präsentierte. Das Werk wurde 1705, noch unter dem Namen The Grumbling Hive, veröffentlicht und sukzessive erweitert.

Eine andere Debatte innerhalb des klassisch-liberalen Lagers beschäftigte sich mit der Möglichkeit von moralischem Fortschritt, ein viel beachtetes Thema im 19. Jahrhundert. W.E.H. Lecky, J. S. Mill, Herbert Spencer und viele andere Liberale behaupteten, der moralische Fortschritt (besonders jener des „Gerechtigkeitsgefühls“) sei in der Geschichte so evident wie jede andere Form des Fortschritts. Um ihr Anliegen zu stützen, verwiesen sie auf zunehmende religiöse Toleranz, die Ablehnung der Folter und die Abschaffung der Sklaverei. Doch andere Liberale, vor allem H.T. Buckle und andere, die unter dem Einfluss der positivistischen Soziologie Auguste Comtes standen, präsentierten eine andere Analyse.

Im ersten Band seines Bestsellers Introduction to the History of Civilization in England (1857) verteidigt Buckle die These, dass moralische Gefühle und Motive im Gegensatz zu Wissen ,feststehend‘ sind und sich nicht von einer Generation zur nächsten weiterentwickeln. Wie Buckle es ausdrückte: „die Grundlagen der Moral sind seit tausenden von Jahren bekannt, und es ist dazu kein noch so kleiner Punkt hinzugekommen durch all die Moralpredigten, Homilien und Textbücher, die Moralisten und Theologen produzieren konnten.“ Wahrer Fortschritt tritt nur im Reich des Wissens auf, wenn Menschen besser die langfristigen Folgen ihrer Entscheidungen und Handlungen verstehen.

Der möglicherweise wichtigste Beitrag liberaler Denker fällt in die Sphäre des ökonomischen Fortschritts. Die Zunahme des Handels und des Kaufmannsgeists wurde für viele Liberale zum Dreh- und Angelpunkt des sozioökonomischen Fortschrittes.

Im III. Buch von The Wealth of Nations diskutiert Adam Smith den „natürlichen Fortschritt des Überflusses.“ Wenn das Handlungsmotiv Eigeninteresse von der Gerechtigkeit begrenzt wird, führt es von allein zu einer Arbeitsteilung, die „für die verschiedensten Menschen, die den unterschiedlichsten Tätigkeiten nachgehen, vorteilhaft ist.“ Diese natürliche ökonomische Ordnung, welche sich ohne Voraussicht oder zentrale Planung spontan entwickelt, wird natürlich genannt, weil sie von den „natürlichen Neigungen der Menschen angetrieben wird.“ Dies in einem „System der natürlichen Freiheit“, in dem das gleiche Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum jedes Individuums von einem gerechten System aus Regierung und Gesetzen geschützt wird.

Liberale stimmten mit Montesquieu darin überein, dass die „natürliche Folge des Handels der Friede sei“, da der Handel gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Nationen erzeuge: „Die Basis aller Vereinigungen ist gemeinsame Bedürfnisse.“ Fortschritt wird dieser Sichtweise zufolge am besten in Friedenszeiten erreicht.

Obwohl viele Liberale – etwa der Physiokrat Turgot, David Hume und Adam Smith während des 18. Jahrhunderts und H.T. Buckle, Frédéric Bastiat, Richard Cobden und John Bright im 19. Jahrhundert – die Verbindung zwischen Freihandel und Frieden und den daraus resultierenden Fortschritt betonten, findet sich die systematischste Darstellung dieses Motivs in den umfangreichen Schriften Herbert Spencers. Ausgehend von der von H.S. Maine eingeführten Unterscheidung zwischen Gesellschaften, die auf Status basieren, im Gegensatz zu solchen, die auf Verträgen fußen, nannte Spencer zwei grundlegende Typen sozialer Organisationen: die militärische und die industrielle.

Spencer zufolge haben wir es hauptsächlich dem Handel zu verdanken, dass sich der Despotismus und die „vorgeschriebene Kooperation“ einer militärischen Struktur zu der individuellen Freiheit und „freiwilligen Kooperation“ weiterentwickeln, die industrielle Gesellschaften charakterisieren. Die kontraktualistischen Wirtschaftsbeziehungen „in denen das gegenseitige Erbringen von Dienstleistungen nicht erzwungen und in denen das Individuum nicht unterdrückt wird, werden zur vorherrschenden Beziehungsart innerhalb der Gesellschaft“, da der beobachtete Nutzen auf andere Formen des gesellschaftlichen Lebens ausgedehnt wird. „Das Recht auf Selbstbestimmung in religiösen Fragen entwickelt sich gemeinsam mit politischen Rechten“, während erzwungene Uniformität einer „facettenreichen Non-Konformität weicht, die von einem bereitwilligen Bund geschützt wird.“ Folglich tendiert die Zunahme des Handels natürlicherweise dazu, Fortschritt “durch Stufen immer größerer Freiheit“ herbeizuführen. Dieser Fortschritt wird von einer ideologischen Entwicklung von „Gesinnung und Ideen“ begleitet, etwa dem Prinzip der individuellen Rechte und der in ihrem Handeln eingeschränkten Regierung. Wenn der menschliche Fortschritt tatsächlich kausal mit der Ausdehnung der individuellen Freiheit verknüpft ist, gibt es heute sicherlich wenig Grund, diesen Prozess langfristig als unausweichlich anzusehen. Es gibt keinen Grund, zu glauben, dass sich die individuelle Autonomie unaufhaltsam fortentwickeln und ausdehnen wird und dass freiwillige und friedliche Interaktionen zwischen den Menschen eine immer größere Rolle im sozialen Leben spielen werden. In Anbetracht der Geschichte des 20. Jahrhunderts gibt es reichlich Evidenz für die Verletzlichkeit freier und friedlicher Gesellschaften.

Weiterführende Literatur

Baillie, John. The Belief in Progress. London: Oxford University Press, 1950.

Bury, J. B. The Idea of Progress: An Inquiry into Its Growth and Origins. New York: Dover Publications, 1955.

Condorcet, J. A. N. de Caritat. Selected Writings. Keith Baker, ed. New York: Macmillan, 1976.

Nisbet, Robert. History of the Idea of Progress. New York: Basic Books, 1980.

Spadafora, David. The Idea of Progress in Eighteenth-Century Britain. New Haven, CT: Yale University Press, 1990.

Spencer, Herbert. Essays: Scientific, Political, and Speculative. Library Edition, containing Seven Essays Not before Republished, and Various Other Additions. 3 vols. London: Williams & Norgate, 1891.

George H. Smith

George H. Smith ist Autor und ehemaliger Senior Research Fellow am Institute for Humane Studies. Sein Forschungsschwerpunkt ist politische Philosophie und amerikanische Geschichte.