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Existenzialismus

Von Alexander Albrecht.

„Die Existenz geht der Essenz voraus“. – So beschreibt Jean-Paul Sartre (1905-1980) das Wesensmerkmal der Existenzphilosophie in einem 1945 gehaltenen Vortrag. Der Existenzialismus ist eine Strömung innerhalb der Philosophie, welche vor allem im Frankreich des mittleren 20. Jahrhunderts kultiviert wurde. Der eigentliche ideengeschichtliche Ursprungsort dieser Denktradition liegt jedoch in Dänemark bei dem Philosophen Soeren Kierkegaard (1813-1855). Die Hauptvertreter dieser Strömung waren Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir, Soeren Kierkegaard und Gabriel Marcel.

Was bedeutet Existenzialismus?

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Existenzialismus eine äußerst heterogene Strömung der Philosophie darstellt – Albert Camus lehnte beispielsweise zeitlebens die Bezeichnung als Existenzialist ab. Die wohl wesentlichste Bruchlinie im Existenzialismus verläuft zwischen den christlichen Existenzialisten (Soeren Kierkegaard, Gabriel Marcel) und den atheistischen, mitunter offen das Christentum verachtenden Existenzialisten (Albert Camus, Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir). Nichtsdestotrotz gibt es einige Annahmen, welche im Wesentlichen von nahezu allen Existenzialisten geteilt werden:

  • Das Leben besitzt keinen prädeterminierten Sinn; die Existenz geht der Essenz voraus.

Es mag zunächst verwunderlich erscheinen, dass eine solche Aussage auch von einem glühendem Christen wie Kierkegaard befürwortet wird. Betrachtet man jedoch die Religion nicht als allgemeingültige Ideologie, sondern als individuellen Weg aus der Sinnlosigkeit des Lebens, löst sich auch dieser Scheinwiderspruch auf. Die Erlösung des Individuums ist eine Erlösung der Menschheit, aber eine Erlösung der Menschheit verspricht keine Erlösung für das Individuum.

  • Jegliche Aussagen über die Essenz können nur nach der Existenz getroffen werden.

Um eine Aussage über die Essenz, also den Sinn des Lebens zu treffen, braucht man einen theoretischen Rahmen, welcher erst in der Existenz geschaffen werden kann. Es ist keine Aussage über die Essenz möglich, ohne nicht vorher zu existieren.

  • Das Individuum ist selbst zur Sinnschaffung im Leben ausgefordert.

Die Ablehnung eines a priori geteilten Lebenssinns macht das Leben für die Existenzialisten nicht sinnlos. Vielmehr entsteht hieraus eine Aufforderung an das Individuum, in einer selbstbestimmten Lebensgestaltung einen Lebenssinn zu finden. Wie man sich jedoch der Sinnlosigkeit der Welt entziehen kann, darüber streiten die Existenzialisten. Während die christlichen Existenzialisten die Lösung in einem Übergang vom ästhetisch existierenden Stadium hin zu einem religiös-transzendierendem Stadium sehen, sollte sich der Mensch laut Camus lieber in einen Zustand der „permanenten Revolte“ begeben. Selbstmord sehen die Existenzialisten hingegen nicht als Lösung des Widerspruchs, sondern nur als Kapitulation vor der Welt. Einzig die Freiheit kann uns helfen, ein sinnhaftes und somit glückliches, Leben zu führen. Jean-Paul Sartre konstatierte dies eindrücklich, indem er sagte, dass der Mensch zur Freiheit verurteilt ist.

Der Existenzialismus verherrlicht keinen moralischen Hedonismus

Ein häufig hervorgebrachter Kritikpunkt gegen den Existenzialismus ist, dass dieser zu einem blinden Hedonismus führen würde: Der Mörder findet seine Lust und seinen Lebenssinn im Morden, folglich ist ihm dieser Lebensstil nicht zu verbieten. Sartre entgegnet diesen Anschuldigungen mit der „Angst“ (im Sinne Sartres eher als „ernste Verantwortung“ zu interpretieren) als Bedingung des menschlichen Handels. Der Mensch ist im Existenzialismus immer mit der Verantwortung konfrontiert, sein Handeln mit dem der Menschheit messen zu müssen. Leugnet man diese Tugend, so hört man auf, Mensch zu sein. Sartres Analyse des Antisemiten ist hierbei besonders interessant:

„Nun können wir den Antisemiten verstehen. Er ist ein Mensch, der Angst hat. Nicht vor den Juden; vor sich selbst, vor seiner Willensfreiheit, seinen Instinkten, seiner Verantwortung, vor der Einsamkeit und vor jedweder Veränderung, vor der Welt und den Menschen, vor allem – außer vor den Juden.“
(Sartre, Überlegungen zur Judenfrage)

Im Gegensatz zu dem kategorischen Imperativ von Immanuel Kant negieren Existenzialisten jedoch eine absolute, umfassende Moral.

Camus‘ Antwort auf diesen Vorwurf fällt hingegen anders aus. Er entwirft in seiner Philosophie des Absurdismus das Ideal des „brüderlichen Menschen“, welcher solidarisch gegenüber anderen Menschen handelt, da er ihr Leid erkennt. Zusammenfassend lässt sich also konstatieren, dass trotz des Fehlens einer absoluten Moral, menschliches Handeln dennoch am Maßstab subjektiver Moral gemessen werden muss.

Der Existenzialismus ist eine optimistische Philosophie

Des Weiteren wird dem Existenzialismus häufig vorgeworfen, ein pessimistisches Weltbild zu verherrlichen. Die Kommunisten kritisieren den Existenzialismus dafür, dass er durch seinen Pessimismus dem Menschen das Handeln verbaue. Die Christen hingegen beschuldigen den Existenzialismus nur, das Frevelhafte des Lebens hervorzuheben und somit dessen Schönheit zu negieren. Sartre entgegnet diesen Vorwürfen, dass der Mensch im Existenzialismus lediglich radikal mit seiner eigenen Verantwortung konfrontiert sei. Aus dieser Verantwortung können ihn auch höhere Mächte nicht retten. Deshalb ist der Existenzialismus eine Lehre der Tat und somit ein Optimismus.

Existenzialismus und Freiheit

Der Existenzialismus schlägt mit seinem philosophischen Bekenntnis für individuelle Freiheit und Verantwortung eine inhaltliche Brücke zum Liberalismus. Im Gegensatz zu der Freiheitskonzeption der schottischen Aufklärung beispielsweise ist die Freiheit bei den Existenzialisten aber kein natürlicher Idealzustand des Menschen, sondern vielmehr der einzige Weg, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen. Obwohl die (französischen) Existenzialisten überwiegend sozialistisch eingestellt waren, hat und hatte der Wert der Freiheit immer einen hohen Stellenwert bei Ihnen eingenommen. Die Einflüsse der Existenzphilosophie lassen sich beispielsweise auch bei Karl Jaspers, Martin Heidegger und Friedrich Dürrenmatt wiederfinden.

Literatur

Camus, Albert, Der Mythos des Sisyphos. Reinbek 2016.

Sartre, Jean-Paul, Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie. Reinbek 2006.

Sartre, Jean-Paul, Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays. 1943 – 1948. Reinbek 2014.

Alexander Albrecht

Alexander Albrecht studiert Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Erfurt.