Rand, Ayn

Wikimedia Commons (CC BY 2.0)

Von Johannes Kreft

Ayn Rand war eine russisch-amerikanische Philosophin und Romanautorin. Sie prägte die Philosophie des Objektivismus und ist noch heute, vornehmlich in den Vereinigten Staaten, eine zentrale Figur des klassischen Liberalismus. Jerome Tuccille, der die amerikanische Geschichte des Liberalismus karikierte, vermerkte zu ihrem prägenden Einfluss sarkastisch: „It usually begins with Ayn Rand.“

Biographie

Kindheit in Russland

Ayn Rand ist als Alisa Rozenbaum im Jahr 1905 in St. Petersburg zur Welt gekommen. Im Alter von 12 Jahren erfuhr sie die Oktoberrevolution und den Umsturz des Zaren, wodurch sie mitsamt ihrer Eltern und Geschwister St. Petersburg – indes Petrograd – verlassen und ins Exil auf die Krim fliehen musste. Einige Jahre später kehrte sie nach Petrograd zurück, um an der dortigen Universität Geschichte zu studieren. 1926 verließ sie ihre mittlerweile auf Leningrad umgetaufte Heimatstadt ein letztes Mal, mit dem Ziel in die USA zu emigrieren, wo sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1982 verblieb.

Erste Schritte in Hollywood

Angekommen in den Vereinigten Staaten wandte sich Rand rasch der aufblühenden Filmindustrie in Los Angeles zu. Dort arbeitete sie u.a. als screen writer für renommierte Filmstudios wie Paramount Pictures. Während dieser Zeit schrieb sie Woman on Trial, ihr erstes Theaterstück, welches nach anfänglichem Erfolg in Hollywood unter dem Titel Night of January 16th am Broadway in New York aufgeführt wurde. 1936 veröffentlichte Ayn Rand ihren ersten Roman, We the Living, sowie die Novelle Anthem zwei Jahre später. Eine theatralische Adaption von We the Living wurde unter dem Titel The Unconquered ebenfalls am Broadway aufgeführt, jedoch ohne Erfolg.

Die Bestseller-Autorin

Der Durchbruch zur Prominenz gelang Ayn Rand durch den Roman The Fountainhead, der trotz gemischter Kritiken zu einem US-Bestseller wurde. In ihm nahm Rands Philosophie eine erste konkrete Form an. Während sie bis dato lediglich als Dramatikerin und Romanautorin auf sich aufmerksam machte, wandte sie sich nun vermehrt philosophischen Themen zu. Rand wird später behaupten, dass Schriftsteller und Philosophen eine Vielzahl an Gemeinsamkeiten haben; zu viel, als dass man beides voneinander trennen könne. Es lässt sich zweifellos feststellen, dass sie mit The Fountainhead als Philosophin ins Scheinwerferlicht getreten ist, wenn auch zu Beginn in ein durch Abneigung getrübtes Licht. Sechs Jahre nach der Veröffentlichung kam The Fountainhead auch in die Filmtheater; am Filmprozess war Rand selbst intensiv beteiligt.

Atlas wirft die Welt ab

Im Jahr 1957 veröffentlichte die mittlerweile in New York City lebende Rand ihren letzten und umfangreichsten Roman – Atlas Shrugged. Er ist der bis heute am stärksten mit dem Namen Ayn Rand verbundene Roman. Seine Berühmtheit verdankt Atlas Shrugged der dramatischen und oft mysteriösen Inszenierung individueller Werdegänge vor dem Hintergrund von praxisorientierten philosophischen Entscheidungen. Rands Darstellung der Praxistauglichkeit von Philosophie, so gestehen auch viele Kritiker, ist eine der herausragenden Stärken des Romans. Sowohl stilistisch als auch philosophisch ist Atlas Shrugged eine eigene Kategorie. Literarisch ist er in die Tradition der Romantik einzuordnen. Rand beschreibt darin eine Vielzahl von heroischen Protagonisten und niederträchtigen Gegenspielern, allesamt charakteristisch für spezifische philosophische Attitüden. Sie zeigt eine Welt der Ideen; die Dystopie einer Gesellschaft, die von unmoralischen Ideen regiert wird, sowie das utopisch anmutende Ideal einer Gesellschaft von Vernunft und Moral. Eben dies aufzuzeigen verstand Ayn Rand als ihre schriftstellerische Aufgabe. Die oft damit einhergehende schwarz-weiße Charakterisierung von Personen und Ereignissen stieß nicht selten auf Kritik, ermöglichte Rand jedoch die von ihr angestrebte Integration von Literatur und Philosophie. Nach der Veröffentlichung von Atlas Shrugged wandte sich Ayn Rand ausschließlich letzterer zu.

Die Formalisierung des Objektivismus

Nach 1957 befasste sich Ayn Rand primär mit der Erläuterung und Verbreitung der in Atlas Shrugged projizierten Philosophie des Objektivismus. Während der verbleibenden 20 Jahre ihres Schaffens publizierte sie eine Reihe von philosophischen Sachtexten und Kolumnen, zum Teil im Rahmen des Objectivist Newsletter und der Los Angeles Times. Diese wurden regelmäßig gesammelt und in Buchform veröffentlicht. Während der 60er-Jahre kamen auf diese Art und Weise vier Bücher in Print; For the New Intellectual, The Virtue of Selfishness, Capitalism: The Unknown Ideal und The Romantic Manifesto. In der darauffolgenden Dekade publizierte sie den Ayn Rand Letter und veröffentlichte The New Left: The Anti-Industrial Revolution sowie ihr letztes Buch, Introduction to Objectivist Epistemology. Posthum erschienen weitere Werke unter Rands Namen. Dazu zählen u.a. Philosophy: Who needs it?, The Voice of Reason und The Ayn Rand Column.

Werke

We the Living

Ayn Rands erster Roman ist zugleich als Aufarbeitung ihrer persönlichen Lebensgeschichte und als Warnung an die amerikanische Leserschaft zu verstehen. Der im St. Petersburg der Oktoberrevolution inszenierte Plot handelt vom Werdegang der Protagonistin Kira Argounova, eine an Ayn Rand angelehnte Figur, und ihrem spirituellen sowie materiellen Überlebenskampf angesichts der Repressionen durch die bolschewistischen Revolutionäre. Währenddessen befindet diese sich in einer Dreiecksbeziehung mit dem kommunistischen Geheimdienstoffizier Andrei Taganov und dem aus einer aristokratischen Familie stammenden Leo Kovalensky. An dem daraus folgenden Handlungsablauf dramatisiert Rand die Auswirkungen der kommunistischen Mentalität auf die Ambitionen einzelner Individuen. Es ist gerade deshalb als Warnung zu verstehen, da Rand eine ähnliche Mentalität in der USA der 30er-Jahre identifiziert, den Jahren des umstrittenen New Deals und der damit verbundenen plötzlichen Expansion des amerikanischen Staates.

Anthem

Die Novelle Anthem ist eine knapp 100 Seiten umfassende literarische Dramatisierung der Entdeckung einer Idee; der Entdeckung des Wortes EGO (the sacred word) und der Implikation für den Protagonisten, einer Figur mit dem Namen Equality 7-2521. Anhand des Namens ist unschwer erkenntlich, dass sich das Szenario der Novelle, wie später Atlas Shrugged, in einer dystopischen Welt abspielt; eine mittelalterlich anmutende Gesellschaft, in der das Konzept des Individuums und unabhängiger Willensbildung durch ein den Kollektivismus predigendes Dogma ersetzt wurde. Der Slogan dieser Welt lautet wie folgt:

„We are one in all and all in one.

There are no men but only the great WE,

One, indivisible and forever.“

Die Erzählung kulminiert schlussendlich in der intellektuellen Emanzipation des Protagonisten von der Gesellschaft mitsamt deren Normen und Diktaten. Anthem ist, stilistisch betrachtet, mehr als eine poetische Geschichte denn als Roman oder Novelle zu verstehen; so beschrieb es Ayn Rand im Zuge der Publikation.

The Fountainhead

In The Fountainhead beschäftigt sich Rand erstmals mit den psychologischen Implikationen ihrer nun sichtbar ausformulierten Philosophie für die von ihr geschaffenen Protagonisten. Spezifisch befasst sie sich mit dem Attribut der Integrität im menschlichen Charakter (man‘s soul); dem Konflikt zwischen Individualismus und Kollektivismus im engeren Sinn. Einen solchen Charakter verkörpert der Architekt Howard Roark, Ayn Rands erstes literarisches Porträt eines sog. ideal man. Dieser ist ein gewissenhafter und von Überzeugungen getriebener Mann; Überzeugungen, welche Roark gegenüber Angriffen aus allen Richtungen verteidigt, sei es von Traditionalisten, Nihilisten oder eifersüchtigen Konkurrenten. The Fountainhead ist damit Rands erste positive Skizze einer Welt, in der ein von moralischen Prinzipien getragener Protagonist über die Welt seiner potenziellen Zerstörer triumphiert. Das dystopische Gewand aus We the Living und zu großen Teilen auch Anthem wirft sie damit endgültig ab. Das neu vermittelte Gefühl (sense of life) beschreibt Rand in einem Vorwort wie folgt:

„This [noble vision of man’s life and of life’s potential] is one of the cardinal reasons of The Fountainhead’s lasting appeal: it is a confirmation of the spirit of youth, proclaiming man’s glory, showing how much is possible.“

Atlas Shrugged

Ayn Rand finalisiert ihre Philosophie im über 1.000 Seiten umfassenden und in drei Teilen aufgeteilten Roman Atlas Shrugged. Es ist eine fiktive Dramatisierung einer in den Kollektivismus abgedrifteten USA. Ihre Bürger, egal ob auf der Straße oder inmitten der high society, ob Protagonisten oder Antagonisten, stellen sich die immer wiederkehrende Frage: Who is John Galt? Es ist ein Ausdruck der Verzweiflung. Niemand kennt die Antwort, geschweige denn die Herkunft der Frage. Wer weiß das schon? Wer kann das sagen? Wen kümmert das? Diese Frage zu beantworten ist jedoch der Schlüssel zur Freiheit, ein Ausweg aus dem Dystopia. Sie begleitet auch die Werdegänge der Protagonisten Dagny Taggart und Henry Rearden. Der Dreh- und Angelpunkt des Plots ist jedoch John Galt selbst. Er ist das Sprechrohr Ayn Rands; er ist derjenige, durch den Ayn Rand ihre Philosophie kommuniziert und inmitten eines fulminanten Höhepunktes der Welt zum Ausdruck bringt. Der Roman ist im Gesamten als eine Art detektivischer Thriller mit einem philosophischen theme zu verstehen, dessen Auflösung ganze 900 Seiten, voll mit Andeutungen, katastrophalen Ereignissen, Monologen und Unterhaltungen, auf sich warten lässt. Eine treffende Beschreibung des zentralen themes von Atlas Shrugged ist im Klappentext desselben zu finden:

Who moves the world?

Who is John Galt? When he says that he will stop the motor of the world, is he a destroyer or a liberator? Why does he have to fight his battles not against his enemies but against those who need him most? Why does he fight his hardest battle against the woman he loves? You will know the answer to these questions when you discover the reason behind the baffling events that play havoc with the lives of the amazing men and women in this book. You will discover why a productive genius becomes a worthless playboy . . . why a great steel industrialist is working for his own destruction . . . why a composer gives up his career on the night of his triumph . . . why a beautiful woman who runs a transcontinental railroad falls in love with the man she has sworn to kill.

Atlas Shrugged, a modern classic and a perennial bestseller, offers the reader the spectacle of human greatness, depicted with all the poetry and power of one of the twentieth century’s leading artists.

In der liberalen Denktradition stellt Ayn Rand somit eine Besonderheit dar. Ihr literarischer Kanon ist kein explizit politischer, doch gerade in diesem Bereich scheint ihr Einfluss am stärksten zu sein. Beschäftigt man sich mit den Theorien des Individualismus und des radikalen Kapitalismus, so ist dies ohne Ayn Rand nur schwer möglich. Ihre Philosophie des Objektivismus ist kreativ, heterodox und die Inspiration für mittlerweile mehrere Generationen von Unternehmern, Künstlern, Aktivisten und liberalen Politikern.

Literatur

Rand, Ayn: Hymne. Übersetzt von von Sascha Tamm, Hamburg 2002.

Rand, Ayn: Der Ursprung. Übersetzt von Werner Habermehl, Hamburg 2000.

Rand, Ayn:  Der Streik. Übersetzt von von Claudia Amor, München 2012.

Rand, Ayn: Philosophie: wer braucht das schon? Einleitung von Leonard Peikoff. Übersetzt von Philipp Dammer. Tönisvorst 2016

Johannes Kreft

Johannes Kreft studiert Politikwissenschaft und Öffentliches Recht an der Universität Trier