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Schule von Salamanca

Von Alejandro A. Chafuen mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org

Die mittelalterliche Scholastik umfasste etwa sieben Jahrhunderte, von 800 n. Chr. bis 1500 n. Chr. In den theologischen und philosophischen Studien wird die Tätigkeit der Zeit von 1350 bis 1500 als Spätscholastik bezeichnet. In den Sozialwissenschaften reicht die Spätscholastik bis zum Ende des 17. Jahrhunderts.

Der heilige Thomas von Aquin (1225-1274) war der bedeutendste Gelehrte der Scholastik. Sein Einfluss war so weitreichend, dass fast alle Spätscholastiker seine Ideen studierten, zitierten und kommentierten. Ihre Untersuchungen behandelten Themen, die sich später als relevant für die liberale politische und wirtschaftliche Philosophie erwiesen. Francisco de Vitoria (um 1480-1546), oft als Vater der spanischen Scholastiker bezeichnet, gilt als die Hauptfigur der Spätscholastik. Er gehörte dem Dominikanerorden an und studierte und lehrte an der Sorbonne, wo er eine der Ausgaben der Summa theologica von Aquin und der Summa des Heiligen Antoninus von Florenz (1389-1459) editierte. Von 1522 bis 1546 lehrte de Vitoria an der Universität von Salamanca.

Aus rein liberaler Sicht sind die wichtigsten Beiträge der Spätscholastiker ihr Fokus auf den Menschen als ein freies Individuum; ihre Betonung der Bedeutung des Privateigentums für eine friedliche, produktive und ethische Gesellschaftsordnung; und ihre Schlussfolgerungen über die Signifikanz des Rechts auf Handel, sowohl national als auch international. Darüber hinaus schrieb die Scholastik viel über die Bedeutung von solidem Geld, sowohl zur Erhaltung des Privateigentums als auch zur Förderung des Handels. Obwohl diese Denker bereitwillig den Begriff eines „gerechten“ Preises nutzten, tendierten sie dazu, einen gerechten Preis mit Marktpreisen, die frei von Betrug, Monopol oder Zwang waren, gleichzusetzen. Darüber hinaus haben sie Löhne, Gewinne und Mieten als Spiegel der Kommutativen Gerechtigkeit (auf welcher die Verträge beruhen) und nicht der Verteilungsgerechtigkeit behandelt. Letzteres befasst sich nur mit der Gerechtigkeit der Bereitstellung und Verteilung von Gütern, die von einer Familie oder einem politischen Organ gemeinsam gehalten werden. Schließlich erwies sich ihre sorgfältige Unterscheidung zwischen rechtlichen und moralischen Verpflichtungen und Strafen als ein wesentlicher Aspekt dessen, was später zur klassischen liberalen Theorie wurde.

Lord Acton schrieb, dass „der größte Teil der politischen Ideen von Milton, Locke und Rousseau im schwerfälligen Latein der Jesuiten, den Untertanen der spanischen Krone, in Lessius, Molina, Mariana und Suárez, zu finden ist.“ Die von Lord Acton erwähnten Jesuiten verdanken viele ihrer Ansichten den Spätscholastikern anderer religiöser Orden, die dazu beitrugen, die Grundlagen einer auf liberalen Prinzipien basierenden politischen Ordnung zu schaffen. Spätscholastische Beiträge waren nicht auf eine religiöse Gruppe oder eine bestimmte Schule oder Nation beschränkt.

Scholastiker zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, darunter der heilige Bernhardin von Siena (Franziskaner), der heilige Antoninus von Florenz, Francisco de Vitoria und Domingo de Soto (alle Dominikaner) sowie Luis de Molina, Juan de Mariana und Francisco Suárez (alle Jesuiten), präsentierten Argumente, die später als Grundlage einer auf Freiheit und Eigentum basierenden Marktordnung dienen sollten. Bede Jarrett, ein dominikanischer Priester und Historiker des Denkens, schrieb das für diese Autoren,

das Eigentumsrecht ein absolutes Recht war, das unter keinen Umständen außer Kraft gesetzt werden konnte. Auch im Notfall, wenn einzelne Güter rechtmäßig beschlagnahmt oder gepfändet werden könnten – im Namen des Hungers eines anderen oder des Gemeinwohls –, blieb das Eigentumsrecht des Eigentümers bestehen. Das Recht war unantastbar, auch wenn die Ausübung des Rechts möglicherweise eingeschränkt werden musste.

Der heilige Antoninus arbeitete, wie die meisten seiner Nachfolger, daran, Moralphilosophie und Moraltheologie auf eine seriöse Grundlage zu bringen und sie als Wissenschaften zu betrachten, die auf einer Analyse der Natur des menschlichen Handelns beruhen. Ein gründliches Studium des menschlichen Handelns war der Ausgangspunkt der spätscholastischen Moraltheologie. Scholastisches und spätscholastisches Denken, basierend auf dem Primat des Individuums, ist auch für die heutige Debatte über Umweltfragen relevant. Obwohl Konflikte zwischen Mensch und Natur in ihren Abhandlungen selten diskutiert wurden, war ihr Ansatz, wann immer das Thema auftauchte, dem der Klassisch Liberalen des 20. und 21. Jahrhunderts ähnlich. Sie benutzten das Beispiel der gemeinsamen Weideflächen für den Beweis, dass Eigentum bei gemeinsamer Nutzung missbraucht und geschädigt wird. Sie argumentierten, dass Privateigentum verantwortungsvoller genutzt wird als Gemeinschaftseigentum und dass der Einzelne und nicht die „Natur“ den Ort der Diskussion dieser Fragen bilden sollte. Alles wurde von Gott geschaffen, und alles war in diesem Sinne „gut“, aber es gab eine Ordnung in der Schöpfung, in der die Individuen über das Land, die Meere und sogar die Sterne herrschten.

Was den Handel anbelangt, so haben mehrere Autoren die Spätscholastiker und insbesondere Vitoria als die Ersten bezeichnet, die das Recht auf grenzüberschreitenden Handel verteidigt haben. Bemerkenswert ist, dass Samuel von Pufendorf (1632-1694), der als Protestant in vielerlei Hinsicht als Brücke zwischen den Schriften der Spätscholastiker und der schottischen Aufklärung diente, Vitoria für seine Aussage kritisierte, dass das Völkerrecht allen Menschen den Handel, auch in fremden Territorien, erlaubt.

Obwohl von Aquin über Nikolaus von Oresme bis hin zu Nikolaus Kopernikus (der nicht nur Astronom, sondern auch Kirchenrechtsgelehrter war) alle über das Wesen und die Rolle des Geldes schrieben, hat niemand besser und konsequenter argumentiert als Juan de Mariana. Marianas Abhandlung über Geld und Inflation, die erstmals im späten 16. Jahrhundert veröffentlicht wurde, antizipierte die meisten, wenn nicht alle, liberalen Analysen der Geldpolitik. In der Frage der Zinssätze kamen die Scholastiker jedoch fast immer zu Schlussfolgerungen, die gegen die liberalen Prinzipien verstoßen. Anne-Robert-Jacques Turgot (1727-1781), der in einem Seminar ausgebildet wurde und dessen Ansichten weitgehend mit der scholastischen Lehre übereinstimmten, kritisierte zu Recht die scholastische Ablehnung der Erhebung einer Gebühr für Geldverleihungen.

Die ökonomischen Beiträge der Spätscholastiker wurden von F. A. Hayek und insbesondere von Murray N. Rothbard anerkannt. Ihre politischen Analysen wurden von Bernice Hamilton, Quentin Skinner und kürzlich von Annabelle S. Brett analysiert. All diese Kommentare helfen uns, das wichtige Erbe des spätscholastischen Denkens zu verstehen. Bretts Arbeit liefert uns eine sorgfältige Analyse von zwei von Vitorias Schülern: Domingo de Soto und Fernando Vázquez de Menchaca. Laut Brett stellt Vázquez „einen wichtigen Schritt in der Entwicklung einer radikalen Rechtstradition dar, deren Rechtsanalyse auf einer Beschäftigung mit Sachverhalten beruht, bzw. Gegebenheiten, die sich einer juristischen Entscheidungsfindung entziehen.“ Vázquez, so Brett, unterscheidet zwischen Macht, potentia, die auf Position und Reichtum basiert, und Macht, potestas, die auf Gesetz und Recht basiert. Vázquez‘ Unterscheidung könnte dazu dienen, die Argumente von Klassisch Liberalen zu verbessern, die keinen Mittelweg zwischen Macht und Märkten sehen. Vázquez argumentierte, dass die Zustimmung früherer Generationen die zukünftigen Bürger nicht bindet. Dieses Prinzip beeinflusste weiterhin führende katholische Theologen, wie den Jesuiten Mateo Liberatore aus dem 19. Jahrhundert, der in seiner Verteidigung des Privateigentums schrieb, dass gemeinsames Eigentum nur durch die einstimmige Zustimmung von Einzelpersonen (z.B. Schiffbrüchige auf einer Insel) durchgesetzt werden könne. Die Kinder und Enkelkinder dieser ursprünglichen Gruppe wären jedoch nicht verpflichtet dem zu folgen, weil sie ihr Recht auf Eigentum von der Natur und nicht von ihren Vorfahren erhielten.

Die Spätscholastik teilte mit den bedeutenden Klassisch liberalen Autoren die Auffassung, dass jede Diskussion über Rechte, die vom Schöpfer getrennt waren, keinen Sinn ergibt. Sie waren sich jedoch der Unterschiede zwischen den theologischen, wirtschaftlichen und politischen Aspekten der Menschenrechte bewusst. Vitoria und Soto betonten die theologischen und wirtschaftlichen, während Vázquez die freiwilligen und rechtlichen Grundlagen des Rechts betonte.

Die Spätscholastiker setzten Marktpreise mit dem gerechten Preis gleich, einem Preis, der auf einer durch subjektive Faktoren bestimmte Werttheorie basiert. Infolgedessen tendierten sie dazu, sich gegen staatliche Preisgestaltungen auszusprechen. Sie erkannten zwar das Recht der Behörden an, die Preise festzusetzen, stellten aber die Zweckmäßigkeit dessen in Frage. Sie hielten die Besteuerung für eine radikalere Beschränkung des Eigentums als die Regulierung, und sie teilten die Ansicht, dass Steuern moderat sein sollten. Gewinne, Löhne und Mieten wurden in ähnlicher Weise analysiert wie die Preisbildung.

Die spätscholastische Analyse unterschied zwischen moralischen Verstößen wie Prostitution oder Verrat und Verstößen gegen das positive Recht. Trotz der Verwerflichkeit ihrer Taten hatten Prostituierte und sogar Judas das Recht, das anzunehmen, was ihnen freiwillig angeboten wurde. Obwohl es Spielraum in der Preissetzung gab, welche keinen moralischen Verstoß darstellte, gewährten sie noch mehr Spielraum, bevor man für den Missbrauch eines Kunden oder den Betrug eines Verkäufers rechtlich belangt werden konnte.

Die Spätscholastiker waren keine Klassisch Liberalen, und sie glaubten, dass die Freiheit, die von allen genossen werden sollte, Ordnung voraussetzte und dass diese Ordnung auf der Achtung der menschlichen Natur beruhen und vom Staat auferlegt werden muss. Ihre Analyse der ökonomischen Themen im Zusammenhang mit umfassenderen Fragen der Rolle des Menschen im Universum wurde unternommen, um das zu ergänzen, was sie durch religiöse Hingabe und Offenbarung gelernt hatten. Obwohl ihre Schlussfolgerungen nicht immer im Einklang mit dem Klassischen Liberalismus stehen, wie Hayek und Rothbard festgestellt haben, können Aspekte davon die Grundlage für ein ernstzunehmendes Freiheitsverständnis bilden.

Weiterführende Literatur

Acton, John Dalberg. The History of Freedom and Other Essays. New York: Classics of Liberty Library, 1993 [1907].

Brett, Annabelle S. Liberty, Right and Nature: Individual Rights in Later Scholastic Thought. Cambridge: Cambridge University Press, 1997.

Jarrett, Fr. Bede. The Social Theories of the Middle Ages. Westminster, MD: The Newman Bookshop, 1942 [1926].

Mariana, Juan de. “A Treatise on the Alteration of Money.” Markets & Morality 5 no. 2 (Fall 2002): 533–593 [c. 1599].

Rothbard, Murray N. Economic Thought before Adam Smith. Cheltenham, UK: Edward Elgar, 1995.

Skinner, Quentin. The Foundations of Modern Political Thought. Cambridge: Cambridge University Press, 1978.

Vitoria, Francisco de Antony Pagden, and J. Lawrance, eds. Vitoria: Political Writings. Cambridge: Cambridge University Press, 1991.

Alejandro A. Chafuen

Dr. Alejandro A. Chafuen ist Managing Director des Acton Institute. Er studierte am Grove City College, der Argentine Catholic University und promovierte in Volkswirtschaftslehre am International College in Kalifornien.