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Scholastik

Von Dr. Benedikt Koehler.

Scholastik ist ein Sammelbegriff für die analytische Literatur des Mittelalters. Die Scholastik entstand aus der Erarbeitung verbindlicher Richtlinien für die Schulung des priesterlichen Nachwuchs, und entfaltete über Jahrhunderte hinweg ihr Programm und ihre Methodik. Die Scholastik schuf den institutionellen Rahmen für akademische Forschung, die Universität. Zu den vielseitigen Facetten der Scholastik gehört auch eine systematische Behandlung von Ökonomie und Ethik.

Vorgeschichte

Die Abdankung des letzten römischen Kaisers im Jahr 476 vollzog die Demontage des römischen Reiches. Das römische Christentum beerbte das römische Heidentum: Bischöfe nahmen Platz auf Richtersesseln, Tempel verwandelten sich in Kirchen, Paläste fanden Endverwertung als Steinbruch. Die Antike überlebte in ihren sichtbaren Zeugnissen, aber ihre Geisteswelt verendete. Die neue Zeit brach mit der alten. Die Kultur der Antike blühte in Städten: die Kultur der Nachantike kehrte städtischem Treiben den Rücken; die Philosophie der Antike lebte von Dialog: das geistige Leben der Nachantike zog sich in die Innerlichkeit zurück; Sokrates und Cicero stellten sich dem Disput mit Andersdenkenden auf der Agora oder dem Forum: die prägenden Köpfe der Nachantike, Benedikt von Nursia  und Cassiodorus umgaben sich mit Gleichgesinnten und entfalteten ihre Gedankenwelt in einem neuartigen Rahmen, dem Kloster. Aus dieser neuen Kultur erstand nach vielen Jahrhunderten die Scholastik. Cassiodorus (485 – 585?) und Benedikt von Nursia (480 – 547) gehörten zu ihren ersten Wegbereitern.

Cassiodorus hatte seine Laufbahn als Diplomat verlassen und zog in ländliche Abgeschiedenheit, um sich dem Studium der Philosophie und der Theologie zu widmen. Cassiodorus war sprachbildend, indem er ein fundamental neuartiges Zeitgefühl, das mit dem der Antike brach, zum Ausdruck brachte. Cassiodorus fand dafür eine Vokabel, die es im klassischen Latein nicht gegeben hatte, nämlich modern. Nach herkömmlichem Verständnis begriff man Zeit als ein Hinübergleiten aus der Vergangenheit in die Gegenwart, doch mit dem Begriff modern markierte Cassiodorus einen Bruch zwischen Gegenwart und Vor-Zeit. Es bestand also schon unmittelbar nach Ende des römischen Reiches Klarheit, dass eine Zeitschwelle überschritten war, dass eine Ära nicht an die vorhergehende anschloss. Es dauerte Jahrhunderte, bis diese moderne Ära Konturen annahm.

Benedikt von Nursia gründete ein Kloster südlich von Rom, in Monte Cassino. Das Konzept von Klöstern als Lebensform kam aus Ägypten. Dort konnte man seit Jahrhunderten erleben, dass Christen aus Metropolen wie Alexandrien auswanderten und sich in unwirtliche Wüsteneien zurückzogen, oft als Einsiedler – die Bezeichnung Mönch enthält das griechische Wort für einzig, monos. Benedikt wich allerdings von ägyptischer Praxis in einer Hinsicht ab. Ägyptische Mönche waren Asketen und lebten von Almosen. Benediktiner hingegen banden sich an eine Ordensregel, ora et labora (“Bete und arbeite”), das heisst, sie mussten sich von ihrer eigenen Arbeit ernähren. Benedikt stellte mit dieser Abweichung die Weichen für den Aufschwung des Klosterwesens in Westeuropa. Jahrhunderte vergingen, bis der wirtschaftliche Kollaps des römischen Reiches wettgemacht war, doch Klöster hatten an dem endlich einsetzenden Aufschwung wesentlichen Anteil. Klöster sammelten Erfahrungen bei der Verwaltung ihrer Güter, erkannten den Wert guter Ausbildung, und richteten Schulen ein. Klosterschulen ersetzten die Akademien der Antike. Wie tief in der Nachantike das Bildungsniveau gesunken war, veranschaulicht das Beispiel Karls des Grossen; er förderte Gelehrte und zog sie an seinen Hof, aber er selbst hatte Mühe, zu lesen und zu schreiben. Karl der Grosse war, nach heutigen Massstäben, ein Analphabet.

Institutionen

Schulen (lateinisch: schola) waren Wegbereiter der Scholastik.  Wo sich Absolventen von Schulen zu weiterführendem Studium zusammentaten, bezeichnete man eine solche Gruppierung mit einem Begriff der römischen Jurisprudenz, universitas magistrorum et scholarium. Wie lange es bis zur Etablierung von Universitäten dauern sollte, erkennt man an den weit auseinanderliegenden Gründungsjahren der ältesten Universitäten: Bologna (1088), Paris (1150), Oxford (1167). Universitäten wurden von Kirche und Staat gefördert, alleine schon, um Nachwuchs für die Verwaltung heranzuziehen; der Vatikan bezog aus dem Studium der Jurisprudenz in Bologna argumentative Hilfe bei Auseinandersetzungen mit dem Kaiser. Doch Priester und Professoren wurden zu Kontrahenten. Denn kirchliche Hierarchien suchten den Gang der Forschung zu steuern und Streit über die Deutungshoheit theologischer Fragen war unvermeidlich. Universitäten wuchsen zu institutionellen Konkurrenten von Kirche und Obrigkeit heran, und beanspruchten das Recht selbstbestimmter Forschung. Die Scholastik legte die Grundlagen für die Freiheit von Forschung und Lehre.

Methodik

Die Scholastik entwickelte sich aus der Methodik zur Auslegung der Bibel. Diese Methodik resultierte in zwei Spezies akademischer Literatur, die Sententiae und die Summa. Ihre Bezeichnungen umschreiben ihren jeweiligen Anspruch. Sententiae – lateinisch: Sätze – gruppierten Bibelzitate nach Themen; einer der ersten bedeutenden Verfasser von Sententiae war Peter Lombard (1096 – 1160). Indem Sententiae Themenkreise abgrenzten, war ein erster Schritt zu akademischer Systematik getan. Doch Widersprüche bei der Auslegung der Bibel liessen sich nicht allein durch Gegenüberstellung von Zitaten lösen, dazu bedurfte es der inhaltlichen Auseinandersetzung, und dieser Erfordernis begegnete die Literatur der Summa. Eine Summa – die Bedeutung auf Latein und Deutsch ist gleich – setzte sich ein ehrgeizigeres Ziel als die Sententiae, nämlich, theologische Fragen durch innere Logik aufzuklären. Die Vielfalt der Literatur der Summae ist geradezu unübersehbar. Stellvertretend sei hier die Summa theologiae des Thomas von Aquin (1225 – 1274) erwähnt.

Jedes Kapitel der Summa theologiae des Thomas von Aquin hat den identischen Aufbau: benennt erst die zu behandelnde Frage; zitiert dann widersprechende Lehrmeinungen; fasst die Schlussfolgerung des Autors zusammen; widerlegt abschliessend anderslautende Meinungen Punkt für Punkt. Die scholastische Methode, das pro und contra einer Frage erst zu zitieren und dann zu werten, war für akademische Forschung bahnbrechend, denn der Kontrolle externer, hierarchischer Instanzen war der Boden entzogen.

Der Anspruch der Scholastik, alle Phänomene erklären und einordnen zu können, erweiterte auch das Spektrum an Forschungsgebieten. Scholastiker stellten sich der Herausforderung, die Philosophie der Antike, insbesondere einzelner Werke des Aristoteles, in ein Lehrgebäude zu integrieren. Das weite Spektrum scholastischer Forschung zeigte sich auch an Erörterungen volkswirtschaftlicher Fragen. So behandelte Thomas von Aquin in der Summa theologiae auch die Ethik des Verbraucherschutzes und der Kreditvergabe. Er stand mit seiner Behandlung der Ökonomie nicht allein; andere Scholastiker, die die Ethik des Finanzmarkts und volkswirtschaftliche Fragen ausführlich untersuchten, waren Bernardino von Siena (1380 – 1444), Heinrich von Langenstein (1325 – 1397) und Gabriel Biel (1410 – 1495). Langenstein und Biel waren die ersten Rektoren der Universität Wien (gegr. 1365) bzw. der Universität Tübingen (1477).

Der personelle Schwerpunkt der Scholastik verlagerte sich nach der Reformation nach Spanien und Portugal.  Noch heute ist die Scholastik in Forschung und Lehre mit ihrem institutionellen Rahmen, der Universität als solcher, und im akademischem Prüfungswesen als beruflicher Zugangsvoraussetzung, präsent.

Literatur

Odd Langholm: The Legacy of Scholasticism in Economic Thought (2006)

Harold J. Berman: Recht und Revolution: Die Bildung der westlichen Rechtstradition (2009)

Frank Rexroth: Fröhliche Scholastik: Die Wissenschaftsrevolution des Mittelalters (2018)

Giacomo Todeschini: Les Marchands et le Temple: La société chrétienne et le cercle vertüux de la richesse du Moyen Âge à l’Epoqü modern (2017)

Benedikt Koehler

Dr. Benedikt Koehler ist Schriftsteller. Bis zu seinem Ruhestand war er im Bankenbereich tätig. Er studierte Geschichte und Literatur an der Yale University und promovierte an der Universität Tübingen.