Islamische Ökonomie

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In ihrem Ursprung förderte die islamische Wirtschaftsordnung Unternehmertum, Fernhandel, Deregulierung von Preisen, und Wohlfahrtseinrichtungen auf privater Basis. Der marktwirtschaftliche Innovationsschub des Islam strahlte vom islamischen Reich auf das mittelalterliche Europa aus.

Der Wirtschaftsreformer Muhammad  

Der Religionsstifter Muhammad war auch ein Wirtschaftsreformer. Muhammad war von Beruf Kaufmann und Unternehmer, wie auch seine engsten Mitstreiter und ersten Nachfolger; ihre unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik löste innerhalb des islamischen Reiches einen Wirtschaftsaufschwung aus.

Vorgeschichte

Araber verteidigten sich mit Erfolg gegen Fremdbestimmung durch die Imperien der Antike – Römer, Byzantiner, und Perser – und verweigerten sich der Einrichtung einer zentralen Obrigkeit. Das einigende Band der arabischen Kultur bestand in einer Symbiose von Handel und Religion.

Die Wirtschaft der Araber lebte von Fernhandel. Arabische Kaufleute belieferten Europa mit asiatischen Luxusgütern (Seide, Perlen, Gewürze), und die Praxis des Fernhandels lehrte sie Techniken für die Organisation von Karawanen und erbrachte Übung bei der Abschätzung von unternehmerischen Risiken. Araber feierten ihre gemeinsame Kultur bei regelmäßigen Wallfahrten zu Pilgerorten. Es gab mehrere solcher Zielorte für Pilgerschaften, unter denen eine im Laufe der Jahrhunderte eine Vorrangstellung erwarb: Mekka.

Das vorislamische Mekka  

In Mekka übernahm Mitte des fünften Jahrhunderts ein gewisser Kossai die Verantwortung für öffentliche Ordnung. Er vererbte diese Aufgabe an seinen Stamm, und seine Nachfahren förderten Mekkas Vorrangstellung in Arabien durch Abschluss von Handelsverträgen und durch militärische Verteidigungsmaßnahmen. Dieser Familie von Vorstehern des kultischen Lebens und Unternehmern entstammte Muhammad (geb. 570).

Muhammad wuchs im Milieu von Karawanenhändlern auf: er nahm schon als Kind an einer Karawane nach Gaza teil; seine erste, langjährige Ehefrau, Khadija, war Investorin auf eigene Rechnung in Karawanen; er selbst war bis zu seiner Emigration aus Mekka als Unternehmer tätig.

Islamische Wirtschaftsreformen in Medina

Nachdem Muhammad Mekka verließ, verwirklichte er seine Vorstellungen einer islamischen Utopie in Medina. Muhammads Maßnahmen hatten für die islamische Wirtschaftsordnung Vorbildcharakter. Ihre Merkmale waren Förderung der Marktwirtschaft und Sozialfürsorge auf privater Grundlage.

Islamische Marktwirtschaft

Muhammad verzichtete in Medina auf Einrichtung eines Regierungssitzes. Stattdessen gründete er die islamische Gesellschaft auf zwei Institutionen, Moschee und Markt. Drei Marktreformen waren hier wegweisend:

Der von Muhammad in Medina gegründete Markt unterschied sich von den bereits bestehenden darin, dass keine Steuer erhoben wurde. Der Posten des Marktaufsehers, des muhtasib, oblag einer Frau.

Muhammad beendete die Praxis staatlicher Preislenkung, ein Schritt, mit dem er mit einer Tradition brach, die seit Jahrhunderten verbindlich war. Anlass dieser radikalen Wende war eine durch Hungersnot verursachte Notlage; die Verknappung von Lebensmitteln bewirkte einen Preisanstieg und ließ den Ruf laut werden, Muhammad möge Preissteigerungen kappen: dazu war er aber nicht bereit. Denn, wie Muhammad seine Entscheidung begründete, “Preise liegen in der Hand Gottes.”

Muhammad erließ außerdem Verbote gegen Wucher. Dazu gehört das Verbot der Zinsnahme; die Ausreichung von Kapital hatte unter der Auflage der Risikobeteiligung des Geldgebers zu erfolgen.

Sozialfürsorge auf privater Grundlage

Zwei Reformen der Sozialhilfe auf privater Grundlage waren wegweisend:

Muhammad führte schon vor seiner Emigration aus Mekka eine jährliche Umlage auf Vermögenswerte in Höhe von 2,5 % zur Finanzierung sozialer Fürsorge ein. Diese Umlage, zakat, war freiwillig (zur Pflicht machte sie sein erster Nachfolger, Abu Bakr).

Schon zu Lebzeiten Muhammads entstand eine neue Form philanthropischer Stiftung, ein sogenannter waqf. Die juristische Konstruktion eines waqf war ein rechtsgeschichtliches Novum: die Einrichtung von Wohlfahrtseinrichtungen oblag bis dahin kirchlichen oder obrigkeitlichen Instanzen, ein waqf hingegen war rechtlich selbständig. Der Stifter bestimmte den Verwendungszweck des Stiftungsvermögens, und ein unabhängiger Verwalter, ein mutawalli, führte die Aufsicht.

Der zweite Kalif, Umar ibn Chattab, brachte sein Vermögen in ein waqf ein und gewährte jedem Muslim Anspruch auf Altersversorgung; dies war die erste staatliche Pensionskasse der Welt.

Auswirkungen islamischer Ökonomie auf Europa

Ende des siebten Jahrhunderts kam eine islamische Währung in Umlauf: der goldene dinar und der silberne dirham, dessen Bezeichnungen sich auf den römischen denarius und die griechischen drachma bezogen und damit den islamischen Anspruch auf Hoheit über den mediterranen Wirtschaftsraum demonstrierten.

Die arabischen Eroberer fanden in den vormals byzantinischen Provinzen Handelskontore italienischer (und anderer) Kaufleute vor. Diese sogenannten funduqs durften ihre Tätigkeit fortsetzen und wurden im Lauf der Jahrhunderte Drehscheiben des Austausches nicht nur von Waren, sondern auch von Kulturgütern. Als Beispiel seien genannt die Werke des italienischen Mathematikers Fibonacci (1170-ca.1240), der in einem funduq aufgewachsen war und von Arabern ausgebildet wurde. Ein weiteres Beispiel ist die Einrichtung von Stiftungen, deren Konstruktion die eines waqf kopiert. Viele wirtschaftliche Fachausdrücke, so beispielsweise Tarif, Scheck, Aval sind Lehnworte aus dem Arabischen. Der Begriff Risiko entstammt dem arabischen rizq.

Weiterführende Literatur

Cohn, Emil. Der Wucher (riba) im Qoran, Chadith und Fiqh, Berlin 1903.

Koehler, Benedikt. Early Islam and the Birth of Capitalism, Lanham 2014.

Rodinson, Maxime. Islam et capitalisme, Paris 1966.

Sprenger, Alois. Das Leben und die Lehre des Mohammad, Berlin 1861.

Benedikt Koehler

Dr. Benedikt Koehler ist Schriftsteller. Bis zu seinem Ruhestand war er im Bankenbereich tätig. Er studierte Geschichte und Literatur an der Yale University und promovierte an der Universität Tübingen.