Giersch, Herbert

Friedrich Magnussen Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Von Prof. Dr. Roland Vaubel.

Herbert Giersch (1921-2010), langjähriger Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel, ist das Musterbeispiel eines Ökonomen, der von einem überzeugten Keynesianer zum Missionar der Angebotspolitik wurde. Seine zunehmenden Zweifel an der staatlichen Wirtschaftslenkung machten ihn zu einem engagierten und mutigen Liberalen. Er setzte sich für eine umfassende Deregulierung und Privatisierung ein, um die “Eurosklerose” zu überwinden. Er warb für mehr Wettbewerb – auch am Arbeitsmarkt und im Welthandel. Den Entwicklungsländern empfahl er, nicht die Einfuhren zu beschränken, sondern sich zu öffnen und auf Exportwachstum und -diversifizierung zu setzen. Mehr Wettbewerb forderte Giersch nicht nur im Markt, sondern auch zwischen den Regierungen, den Anbietern öffentlicher Güter. Er warnte vor internationalen “Politikerkartellen” und wandte sich daher gegen das Bretton-Woods-System und das Europäische Währungssystem. Auch den Beschluss, ein europäisches Geldmonopol zu etablieren, lehnte er ab.

Biographie

Giersch wurde 1921 als Sohn eines Landwirts in Reichenbach am Eulengebirge (Niederschlesien) geboren. Von 1939 bis 1942 durfte er als Hochbegabter in Breslau und Kiel Volkswirtschaftslehre studieren. Auf den Kriegsdienst folgten 1948 die Promotion bei Walter Hoffmann und 1950 die Habilitation – beide an der Universität Münster. Anschließend arbeitete Giersch als Referent bei der OEEC in Paris (bis 1954). Dieser Aufenthalt weckte bei ihm tiefe Zweifel an der Tätigkeit internationaler Organisationen (wie er mir bekannte). 1955 erhielt er einen Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. 1960 wurde er von Ludwig Erhard in den Wissenschaftlichen Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums berufen, 1964 in den neu gegründeten Sachverständigenrat. Von 1969 bis 1989 war Giersch Präsident des Instituts für Weltwirtschaft und Ordinarius an der Universität Kiel. Das Institut wurde rigoros umgekrempelt: Auf den keynesianischen Gelehrten und strengen Lehrer Erich Schneider folgte der wendige und höchst kreative Politikberater Herbert Giersch. 1970 wurde Giersch zum Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute und in den Council und das Executive Committee der International Economic Association gewählt (beides bis 1982). 1977 folgte er der Einladung von James Tobin zu einer Gastprofessur an der Yale University – er war dort schon 1962 Gastprofessor gewesen. Die ihm 1980 angetragene Gastprofessur an der University of Chicago nahm er jedoch nicht an. Von 1986 bis 1988 war er Präsident der Mont Pelerin Society – einer internationalen Vereinigung liberaler Ökonomen, die 1947 von Friedrich von Hayek gegründet worden war. Wie Giersch mir sagte, hat er 1974 Hayek dem Vorsitzenden des Nobelpreiskomitees in einem persönlichen Gespräch vorgeschlagen, als dieser nach einer liberalen Ergänzung zu dem schwedischen Sozialdemokraten Gunnar Myrdal suchte. Mit Erfolg: der Nobelpreis für Ökonomie wurde in jenem Jahr gleichzeitig an Hayek und Myrdal vergeben. Giersch selbst erhielt eine Vielzahl von Ehrungen – darunter den Ludwig-Erhard-Preis (1983) und den Orden “Pour le Mérite” für Wissenschaft und Künste (1991). 1998 gründete er die Herbert-Giersch-Stiftung (Frankfurt). Nur wenige Ökonomen haben so viele Doktoranden promoviert wie der Institutspräsident Giersch. Zu seinen Schülern, die später Universitätsprofessoren wurden, gehören Jürgen Donges, der Vorsitzender der Deregulierungskommission und des Sachverständigenrats sowie Mitglied des Kronberger Kreises war, Gerhard Fels, der ebenfalls dem Sachverständigenrat angehörte und dann die Leitung des Instituts der deutschen Wirtschaft übernahm, Wolfgang Kasper, Lutz Hoffmann, Karl-Heinz Paqué, der Finanzminister von Sachsen-Anhalt wurde und heute die Friedrich-Naumann-Stiftung leitet, Olaf Sievert, der ebenfalls Vorsitzender des Sachverständigenrats und Mitglied des Kronberger Kreises war und später dem Zentralbankrat der Deutschen Bundesbank angehörte, sowie Manfred Streit, der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts in Jena.

Gierschs Beitrag zum Wirtschaftsliberalismus

Giersch bewunderte Adam Smith und misstraute (schließlich) J. M. Keynes. Seine grundlegenden Prinzipien waren Selbstbestimmung, Eigenverantwortung, Offenheit und Wettbewerb.

Sein Plädoyer für flexible Wechselkurse entsprang nicht nur der Furcht vor importierter Inflation, sondern vor allem dem Subsidiaritätsprinzip. Jedes Land solle seine Wirtschaftspolitik im internationalen Wettbewerb und in eigener Verantwortung gestalten. Außerdem werde der Übergang zu flexiblen Wechselkursen helfen, den internationalen Kapitalverkehr zu liberalisieren, was 1973 tatsächlich gelang. Giersch und seine Mitstreiter schreckten nicht davor zurück, einen Aufruf für die Freigabe des D-Mark-Kurses zu lancieren und dafür Unterschriften zu sammeln.

In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wandte sich Giersch gegen die Versuche von Bundeskanzler Helmut Schmidt, auf internationaler Ebene konjunkturpolitische Absprachen zu treffen und die Geldpolitik der Deutschen Bundesbank über das Europäische Währungssystem an die wechselkurspolitische Kette zu legen.

Giersch entwickelte eine Theorie der wirtschaftspolitischen Rollenverteilung, wonach die Geldpolitik allein für die Preisstabilität, die Lohnpolitik der Tarifpartner allein für die Vollbeschäftigung und der Fiskus allein für eine optimale Versorgung und Finanzierung der öffentlichen Güter zuständig sei. Damit stieß er bei den deutschen Gewerkschaften und dem Keynesianer Schmidt auf heftigen Widerstand.

Zu einem Konflikt mit Helmut Schmidt kam es auch, als Giersch 1974 das deutsche Verbot von Wertsicherungsklauseln in Frage stellte. Zum einen ging es Giersch darum, Vertragsfreiheit herzustellen, d. h. zu deregulieren. Zum anderen argumentierte er, dass Wertsicherungsklauseln – zum Beispiel in Tarifverträgen – die vorübergehende Arbeitslosigkeit mildern, die sonst bei einem Rückgang der Inflation entsteht, weil dieser von den Marktteilnehmern nicht hinreichend antizipiert wird und deshalb zu einer unbeabsichtigten Erhöhung der Reallöhne führt. Die automatische und sofortige Anpassung der Nominallöhne an die laufende Inflationsrate nehme den Politikern zugleich den Anreiz, vor Wahlen eine inflationäre Konjunkturpolitik zu betreiben, um die Reallöhne und die Arbeitslosigkeit vorübergehend zu senken. Der Keynesianer Schmidt bezeichnete die von Giersch geforderte Aufhebung des Indexierungsverbots als unverantwortliches Experiment mit 63 Millionen Menschen. Die Liberalisierung kam schließlich 1999 im Zusammenhang mit der Währungsunion.

Giersch warnte davor, Europa eine Einheitswährung aufzuzwingen. Er schlug vor, eine stabile europäische Parallelwährung anzubieten, die als wertgesicherter Korb der beteiligten nationalen Währungen definiert sein sollte. Der Wettbewerb der Währungen im Markt zeige, welche Währungsräume optimal sind. Außerdem werde die wertgesicherte Parallelwährung einen heilsamen Druck auf die nationalen Zentralbanken ausüben, den Wert ihrer Währungen stabil zu halten.

Wie viele andere Ökonomen kritisierte Giersch die protektionistische europäische Handels- und Agrarpolitik und sah darin ein wesentliches Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung der Dritten Welt. Die ostasiatischen Länder seien erfolgreicher als die lateinamerikanischen Länder, weil sie sich dem Welthandel geöffnet haben. Er empfahl, so wie Singapur unilateral auf alle Zölle und nicht-tarifären Handelshemmnisse zu verzichten. Um die Eigentumsrechte zu sichern, forderte er mehr Investitionsschutzabkommen mit Entwicklungsländern und warf der Weltbank-Gruppe vor, private Versicherungsunternehmen zu verdrängen, die den Investoren in Entwicklungsländern Schutz vor politischen Risiken anbieten.

Immer wieder bezeichnete es Giersch als “Bringschuld des Ökonomen”, nicht nur die staatlichen Entscheidungsträger, sondern auch die Bürger – die Öffentlichkeit – wirtschaftspolitisch zu beraten. Er bestand darauf, dass alle Gutachten des Instituts zu veröffentlichen seien, und war wie kaum ein anderer bereit, öffentliche Vorträge zu halten. Er war ein wortgewaltiger und mitreißender Redner und schreckte auch vor unkonventionellen und kontroversen Reformvorschlägen nicht zurück. Es ging ihm vor allem um die Schaffung neuen Wissens. Schumpeters Prinzip der “schöpferischen Zerstörung” gelte auch in der Wissenschaft. Die wichtigsten Voraussetzungen für Innovation seien Freiheit und der Wettbewerb der Ideen

Literatur

Feld, Lars P., Karen Horn, Karl-Heinz Paqué (Hg.): Das Zeitalter von Herbert Giersch, Walter Eucken Institut, Untersuchungen zur Ordnungstheorie und Ordnungspolitik, Band 64, Mohr Siebeck, Tübingen 2013.

Giersch, Herbert: Allgemeine Wirtschaftspolitik: Grundlagen (Band 1), Gabler, Wiesbaden 1960.

Giersch, Herbert: Allgemeine Wirtschaftspolitik: Konjunktur- und Wachstumspolitik in der offenen Wirtschaft (Band 2), Gabler, Wiesbaden 1977.

Giersch, Herbert: Im Brennpunkt Wirtschaftspolitik: Kritische Beiträge 1967 bis 1977, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1978.

Giersch, Herbert: Gegen Europessimismus: Kritische Beiträge 1977 bis 1985, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1986.

Giersch, Herbert: The World Economy in Perspective: Essays on International Trade and European Integration, Edward Elgar, Aldershot 1991.

Giersch, Herbert: Marktwirtschaftliche Perspektiven für Europa, Econ, Düsseldorf 1993.

Giersch, Herbert: Openness for Prosperity: Essays in World Economics, MIT Press, Cambridge, Mass., 1993.

Roland Vaubel

Prof. Dr. Roland Vaubel ist emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Er studierte u.a. in Oxford und Columbia und promovierte und habilitierte sich an der Universität Kiel. Er publiziert zudem regelmäßig zu Themen rund um die Europäische Union.