Erhard, Ludwig

Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Von Frank Schäffler.

Nur ganz wenigen Wissenschaftlern war es vergönnt, ihre theoretischen Überzeugungen durch regierungspolitische Verantwortung auch in die Tat umzusetzen. Ludwig Erhard (*04.02.1897 in Fürth, 05.05.1977 in Bonn) konnte durch seine Mandate im Nachkriegsdeutschland genau dies tun. Dabei überzeugte er die Bevölkerung und seine Mitstreiter an wichtigen Scheidepunkten von seinen freiheitlichen Grundsätzen und hat die deutsche Wirtschaftspolitik somit in marktwirtschaftliche Fahrwasser geleitet. Erhard symbolisiert als Wirtschaftsminister unter Konrad Adenauer und als späterer Bundeskanzler den wirtschaftlichen Aufschwung und Wohlstand im Nachkriegsdeutschland wie kein anderer Politiker. Seine liberalen und ordnungspolitischen Theorien haben sich somit in der Realwirtschaft widergespiegelt und sind für die gesamte Bevölkerung positiv spürbar geworden – bessere Argumente für den Markt gibt es nicht.

Leben

Als Sohn eines fränkischen Weißwarenhändlers ist Erhard in kleinbürgerlichen Verhältnissen in Fürth aufgewachsen. Zu seiner sozialen Herkunft wird er sich später als Kanzler immer wieder bekennen, wobei ihm dabei die Bescheidenheit und das fränkisch Provinzielle, das ihm innewohnt, viel Sympathie einbringen. Nichts hatte in den ersten 50 Jahren seines Lebens auf seine herausragende Rolle im Nachkriegsdeutschland hingedeutet. Als mittelmäßiger Realschulabsolvent schloss er 1916 eine Lehre zum Handelskaufmann ab. Gleich darauf rief ihn der erste Weltkrieg, den er nur knapp überlebte. Auch auf Grund der körperlichen Beschwerden infolge seiner Verwundungen entschloss er sich zu einer akademischen Laufbahn. So besucht er mit 23 Jahren die Handelshochschule in Nürnberg, die schließlich sein Interesse für die Wissenschaft weckte. 1925, mit 29 Jahren promovierte Erhard zum Doktor der Staatswissenschaften und wird daraufhin Assistent am Institut für Wirtschaftsbeobachtung in Nürnberg – später wird er dieses Institut stellvertretend leiten. Von 1942 bis 1945 leitete er das von ihm gegründete Institut für Industrieforschung.

Durch die wirtschaftliche Kompetenz Erhards, aber auch dadurch, dass er politisch nicht belastet ist, werden die Amerikaner 1945 auf ihn aufmerksam. Sie schufen Einrichtungen zur deutschen Selbstverwaltung und beriefen ihn als Wirtschaftsminister in die bayrische Landesregierung. 1948 legt Ludwig Erhard dann mit der Währungsreform den Grundstein für eine marktwirtschaftliche Ordnung in Westdeutschland. Inzwischen als „Direktor der Verwaltung und Wirtschaft“ der Bizone,  setzt er sich gegen die Bedenken der Besatzer und anderer Mitstreiter durch und schafft die bis dahin gültige Preisbindung in Deutschland ab. Dadurch gelang es ihm, Vertrauen in die neue Deutsche Mark herzustellen. Die D-Mark ist somit zeitlebens zum Symbol von Frieden, Freiheit und Stabilität geworden.

1949 bis 1963 wird Erhard, der offiziell parteilos ist, im Kabinett Adenauer Wirtschaftsminister und von 1963 bis 1966 selbst Bundeskanzler. Nach der Kanzlerschaft bleibt er bis zu seinem Tod 1977 Mitglied des deutschen Bundestages. In seiner Zeit als Minister und Kanzler hat er der deutschen Wirtschaft eine beispiellose ordnungspolitische Orientierung gegeben. Nicht zuletzt als Begründer der Sozialen Marktwirtschaft.     

Soziale Marktwirtschaft und Wettbewerb

Der Begriff Soziale Marktwirtschaft hat vor der Bundestagswahl 2018 die Wahlprogramme aller Parteien geschmückt und somit bis heute nicht an Strahlkraft verloren, wenngleich der Kern von Erhards berühmtem Wirtschaftssystem oftmals beliebig interpretiert wird. Dabei überschattet  der Begriff des Sozialen oftmals den der Marktwirtschaft und soll großzügige Staatsausgaben und Klientelpolitik rechtfertigen. Doch Erhard war weder Klientel- noch Sozialpolitiker. So mahnte er 1965 gar die CDU: „Unsere vordringliche Aufgabe wird es also sein, die Sozialpolitik von überflüssigem Gestrüpp zu befreien, das Gefüge unserer Sozialleistungen rationaler, überschaubarer und zugleich für den Bürger effizienter zu gestalten.“

Erhard hat auf eine Forderung ein besonderes Augenmerk gelegt, was ihn zu einer Koryphäe der Liberalen werden ließ: Den freien Wettbewerb. Dieser sei das erfolgversprechendste Mittel, um langfristig Wohlstand zu erreichen und zu bewahren. Durch ihn partizipieren alle Menschen gleichermaßen am Fortschritt – vor allem in der Funktion des Verbrauchers. So schreibt er in seinem Buch Wohlstand Für Alle: „Auf dem Weg über den Wettbewerb wird – im besten Sinne des Wortes – eine Sozialisierung des Fortschritts und des Gewinns bewirkt.“

Zudem gab Erhard der Politik eine Form, durch die unternehmerische Initiative in die richtigen Bahnen gelenkt wurde, dies gelang ihm vor allem durch das Kartellgesetz. Denn wirtschaftliche Macht hielt er für gefährlich, da zu viel Macht die Mechanismen des freien Wettbewerbs korrumpieren und stören kann – ein oft vergessener Grundpfeiler der Sozialen Marktwirtschaft. Sein 1957 erstmals veröffentlichtes und immer wieder neu aufgelegtes Buch Wohlstand für alle macht die wirtschaftspolitischen Anregungen und Forderungen deutlich und demonstriert den roten Faden seines liberalen Wirtschaftsmodells: Sozialpolitik darf der marktwirtschaftlichen Ordnung nicht widersprechen.

Freie Märkte

Seit Antritt seines Ministeramtes hat er sich für die Liberalisierung des internationalen Handelns eingesetzt und durch spektakuläre einseitige Zollermäßigungen im Jahre 1957 ein weithin sichtbares Zeichen für das internationale wirtschaftliche Verhalten gesetzt. Sein Vertrauter Alfred Müller-Armack sagt über ihn: „Als Europäer hat man gelegentlich seine Haltung zur europäischen Integration in Zweifel gezogen, aber zu Unrecht. Seine berechtigte Sorge war, die europäische Integration könnte nicht weit genug die Tore zum Weltmarkt öffnen und sich mit einer engeren Gemeinschaft weniger Länder begnügen.“ Bisweilen eine Annahme, die sich durchgesetzt hat.

Zu einer Zeit, in der die Rolle des Staates in der Wirtschaft scharf debattiert wurde, hat Erhard dem Markt Vertrauen geschenkt und Grundprinzipien erkämpft: Freie Konsumwahl, freie Preisbildung und freie Investitionsvorhaben, wie es dem Wesen einer Unternehmungswirtschaft im Leistungswettbewerb auf freien Märkten entspricht. Erhard verstand sich dabei selbst viel eher als Wissenschaftler denn als Politiker. Seine Politik war zeitlebens beeinflusst von liberalen Wirtschaftsdenkern wie Alfred Müller-Armack, Walter Eucken oder Wilhelm Röpke, mit denen er jenen ordnungspolitischen Rahmen, für den der Staat sorgen soll, austarierte. Diese ordnungspolitischen Grundpfeiler stehen heute jedoch wieder zur Disposition und Prinzipien werden dort verletzt, wo es sich für die Politik schickt. Erhard hat diesem süßem Gift wiederstanden und war mittelbar dennoch sozial.

Referenzen

Hentschel, Volker (1996). Ludwig Erhard. Ein Politikerleben. Günter Olzog Verlag GmbH, München und Landsberg am Lech.

Erhard, Ludwig (2009). Wohlstand für alle. Bearbeitet von Wolfram Langer. Anaconda Verlag GmbH, Köln.

Habermann, Gerd (2005). Vision und Tat. Ein Ludwig-Erhard-Brevier. Ott Verlag, Bern.

Homann, Karl (1978). Ludwig Erhard. Erbe und Auftrag. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und Wien.

Frank Schäffler

Frank Schäffler ist Mit-Gründer und Geschäftsführer der Denkfabrik Prometheus - Das Freiheitsinstitut in Berlin. Von 2005 bis 2013 und seit 2017 ist er Mitglied des Bundestages für die FDP. Bekannt geworden ist er als Kritiker der Euro-Rettungspolitik seit 2011. Das Thema Währungspolitik zählt zu seinen inhaltlichen Schwerpunkten.