Pornographie

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Von Wendy McElroy von libertarianism.org.

Als Pornographie bezeichnet man die grafische Darstellung der menschlichen Sexualität mit dem Zweck, sexuell zu erregen. Solche Darstellungen existieren seit jeher und über alle kulturellen Grenzen hinweg. Unser heutiges Verständnis von Pornografie, zumindest im Westen, wurzelt jedoch in der viktorianischen Ära (d.h. von 1837 bis 1901), als die rechtliche Kontrolle sexueller Bilder die Züge eines politischen und moralischen Kreuzzuges annahm. Vor dieser Zeit war es üblich, dass das Gesetz eher sexuelle Handlungen und nicht sexuelle Darstellungen reglementierte. Die Definition von Pornographie und die Bestimmung ihres rechtlichen Status ist wegen der moralischen und sozialen Ansprüche im Zusammenhang mit Sexualität sowie der politischen Bedeutung der Meinungsfreiheit umstritten

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bestanden die beiden Extreme der Debatte über Pornographie einerseits aus religiösen Gegnern, die ein Verbot aus moralischen Gründen forderten, und andererseits aus Befürwortern der Meinungsfreiheit, die Toleranz gegenüber pornografischem Material forderten, obwohl es als anstößig empfunden werden konnte. In den Vereinigten Staaten appellierten die Befürworter der Redefreiheit oft an den Schutz der Verfassung und warnten vor Missbrauch von Zensur, die oft und schnell auf politische oder literarische Werke abzielte

Die sexuelle Revolution der 1960er Jahre hat Pornographie in den Mainstream gebracht. Publikationen wie der Playboy wurden nicht mehr unter der Theke an einigen Kiosken in der Innenstadt verkauft, sondern auf den Regalen von Geschäften ausgestellt. Die weit verbreiteten Verhütungsmittel und die Zelebration der „befreiten Frau“ durch den liberalen Feminismus trugen zu einer Zeit der sexuellen Freiheit bei, in der die Grenze zwischen Pornografie und Mainstream-Kunst, vor allem in Filmen, verschwamm

Der Aufstieg des radikalen bzw. Gender-Feminismus Mitte der 70er Jahre führte jedoch zu einer neuen und andersartigen Kritik an Pornographie. Radikale Feministinnen argumentierten, dass Pornographie Frauen ausbeutet und als Dreh- und Angelpunkt des herrschenden Patriarchats fungiert – der weißen, männlichen Kultur, durch die Männer als Klasse Frauen als Klasse unterdrücken sollen. Kurzum, Pornografie wurde als Werkzeug der männlichen Unterdrückung neu definiert. Die Gegenposition innerhalb des Feminismus war und ist, dass der Grundsatz „der Körper einer Frau, das Recht einer Frau“, der auch in der Debatte über Abtreibung zu finden ist, mit gleicher Vehemenz auf das Recht der Frauen Anwendung findet, Pornographie zu konsumieren oder zu schaffen. Diese Position bleibt eine Minderheit

Der Angriff des Radikalen Feminismus umging die auf Redefreiheit beruhenden Einwände gegen Zensur, indem behauptet wurde, Pornografie habe einen direkten Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen, insbesondere Vergewaltigung. Seine Hauptverfechter, Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon, behaupteten, dass Pornographie nichts mit Fragen der Meinungsfreiheit zu tun habe, sondern an sich ein Akt der Gewalt und ein Akt des sexuellen Terrorismus sei, der zum Schutz von Frauen verboten werden müsse

Dieser Aufruf zur Zensur der Pornographie wegen ihrer sozialen Folgen war nicht neu. Die Definition eines pornographischen Magazins als Gewalttat war es jedoch. Der Behauptung wurde sofort von Frauen widersprochen, die offen in der Pornobranche nicht nur als Schauspielerinnen, sondern auch hinter der Kamera arbeiteten. Sie argumentierten, dass ihre Erfahrungen deutlich zeigten, dass das Engagement in der Pornographie freiwillig war

Die Radikaler-Feminismus-Position geriet auch wegen ihres Versuchs, Pornographie von Erotik zu unterscheiden, in die Kritik. Eine gemeinsame Trennlinie zwischen den beiden beruht auf der Vorstellung, dass die Erotik sexuell erregende Darstellungen in erster Linie für künstlerische Zwecke und nicht für sexuelle verwendet. Radikale Feministinnen wollten grafische Darstellungen von lesbischem Sex und von sexuellen Situationen, die Frauen starkmachten, als Erotik definieren. Kurzum, sie betrachteten die politischen oder sozialen Zwecke der Darstellung als bestimmenden Faktor. Wie Jill Ridington in der Anthologie Confronting Pornography sagte: „Wenn die Botschaft eine ist, die Sex mit Dominanz gleichsetzt, oder mit der Zufügung von Schmerz, oder eine, die Sex als Mittel der menschlichen Kommunikation leugnet, dann ist die Botschaft eine pornografische… . Erotik dagegen stellt gegenseitige Interaktion dar.

Diese Verwirrung bei der Identifizierung von Pornographie beschränkt sich nicht auf radikale feministische Schriften. Sie findet sich auch in der berühmten Stellungnahme des US-Supreme-Court-Richters Potter Stewart zum Obszönitätsfall von Jacobellis v. Ohio (1964): „Ich werde heute nicht weiter versuchen, [Pornographie] zu definieren… und vielleicht wird mir dies nie gelingen. Aber ich erkenne es, wenn ich es sehe… .

Viele Versuche wurden unternommen, klare Unterscheidungen zu finden, die die Zensur von Pornographie ohne die Unterdrückung von Nicht-Pornografie erlauben würden. Beispielsweise waren sich die Verfechter der Zensur in der Mitte des 20. Jahrhunderts bewusst, dass eine öffentliche Diskussion über Sex notwendig war, um das öffentliche Bewusstsein für wichtige Themen wie sexuell übertragbare Krankheiten zu verbreiten. So machte das Gesetz eine Ausnahme für grafische Sexualdarstellungen, die einen „Mehrwert für die Gesellschaft“ hatten. Diese Ausnahme sollte auch die Verbreitung von anerkannten Werken der Literatur, wie z.B. D. H. Lawrences Lady Chatterley’s Lover, ermöglichen, obwohl ein bedeutender Teil des Romans grafisch sexuell ist und eindeutig dazu bestimmt ist, sexuell zu erregen

Für die Verfechter der Meinungsfreiheit, ist die Grenzziehung weniger kompliziert. Es sollte keine rechtlichen Vorgaben geben, die versuchen, akzeptable Wörter und Bilder von denen zu trennen, die zu zensieren sind. Der freie Zugang zu Wort und Bild ist Voraussetzung für die Fähigkeit des Einzelnen, selbstständig zu denken. Die Kontrolle von Worten und Bildern ist eine Vorbedingung für soziale Kontrolle. George Orwell beschrieb letzteres in seinem Buch 1984, das eine totalitäre und dystopische Zukunft darlegte, in der Neusprech den Gebrauch von Worten stark einschränkte. Das ultimative Ziel von Neusprech war es, politisch falsche Aussagen unmöglich zu machen.

Einige Befürworter der freien Meinungsäußerung behaupten, dass Pornografie eine unangenehme Nebenwirkung der Freiheit sei und toleriert werden müsse, um sicherzustellen, dass andere Ideen und Bilder verbreitet werden können. Andere argumentieren, dass Pornographie sowohl Männern als auch Frauen Vorteile bringt. Zum Beispiel haben verschiedene Studien angedeutet, dass Pornografie als Katharsis wirkt und sexuelle Energie freisetzt, die sich sonst in Gewalt äußern könnte. Weitere postulierte Vorteile waren die Vorstellung, dass Pornografie eine Form der Information ist, die einen Panoramablick auf die sexuellen Möglichkeiten der Welt bietet, und dass Pornographie eine Art der Sexualtherapie ist. Darüber hinaus wird die Legitimierung von Pornographie und anderen Formen der Sexarbeit als wichtiger Schritt zum Schutz von Frauen in diesen Berufen angesehen

Während die Debatte weitergeht, ist ein eigenständiger Faktor, der einen starken Einfluss sowohl auf die Pornographie als auch auf die gesellschaftliche Akzeptanz hat, die Technologie, mit der man auf sie zugreifen kann. Es wurde behauptet, dass in den 70er Jahren die Pornographie die Entwicklung des Home-Video-Marktes vorangetrieben hat. Heute ist Pornographie so weit verbreitet, dass sie im Internet allgegenwärtig ist. Die ultimative Wirkung eines sofortigen Zugriffs auf Internet- Pornographie auf Abruf und in der Intimsphäre der eigenen Wohnung ist noch nicht klar. Es ist möglich, dass eine neue Generation Pornographie zwischen Erwachsenen nicht mehr als ein kontroverses Thema betrachtet. Für diejenigen, die derzeit für und gegen die Zensur argumentieren, mögen die moralischen und politischen Argumente unverändert bleiben, aber sie könnten möglicherweise auch einfach irrelevant werden.

Weiterführende Literatur

Harvey, Philip D. The Government vs. Erotica: The Siege of Adam & Eve. Amherst, NY: Prometheus Books, June 2001.

McElroy, Wendy. XXX: A Woman’s Right to Pornography. New York: St. Martin’s Press, 1995.

Stoller, Robert J. Porn: Myths for the Twentieth Century. New Haven, CT: Yale University Press, 1991.

Strossen, Nadine. Defending Pornography: Free Speech, Sex and the Fight for Women’s Rights. New York: New York University Press, 1995.

Wendy McElroy

Wendy McElroy ist Autorin und Research Fellow am Independent Institute.