Tierschutz

Hosea Georgeson from Unsplash (CC 0)

Von Daniel Issing.

The gain, then, from the eating of animals is pleasures of the palate […] The question is: do they, or rather does the marginal addition in them gained by eating animals rather than only nonanimals, outweigh the moral weight to be given to animals‘ lives and pain? Given that animals are to count for something, is the extra gain obtained by eating them rather than nonanimal products greater than the moral cost?

Robert Nozick (1938-2002)

Das Thema “Tierschutz” beziehungsweise “Tierrechte” nimmt im Liberalismus eine eher untergeordnete Rolle ein. Nur die allerwenigsten Theoretiker (zu nennen wären hier etwa Jeremy Bentham, William Wilberforce, Robert Nozick, Tibor Machan, Richard Posner oder Michael Huemer) setzten sich explizit damit auseinander, und nur ein Bruchteil von ihnen tat dies ausführlich und systematisch. Zwar können Liberale eine gewisse Vorreiterrolle für sich reklamieren, was den humanen Umgang mit Tieren betrifft – insbesondere in Form von John Locke und Jeremy Bentham, die sich gegen das kartesische Paradigma von Tieren als Automaten ohne Bewusstsein stemmten –, doch der aktuelle Diskurs wird zweifellos von Denkern mit politisch eher linken Positionen dominiert. Innerhalb der liberalen Szenen besteht keineswegs Konsens zu dieser Thematik; das Spektrum reicht von Veganern, die industrielle Fleischproduktion, Pelzfarmen und einen Großteil der heute durchgeführten Tierversuche als unvereinbar mit freiheitlichen Grundwerten ablehnen, bis hin zu jenen, die Tieren kategorisch jedweden moralischen Wert absprechen. Die angeführten Argumente sind dabei häufig nicht spezifisch liberal, sondern stammen aus einem breiteren Kontext.

Argumente für Tierrechte

Klassischer Utilitarismus

Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindendes Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht ‚Können sie denken?‘ oder ‚Können sie reden?‘, sondern ‚Können sie leiden?

Jeremy Bentham: An Introduction to the Principles of Morals and Legislation

Mit Beginn der ersten systematischen Formulierung einer utilitaristischen Ethik durch Jeremy Bentham wurde die Frage aufgeworfen, wer genau für die Maxime des „größtmögliche[n] Glück[s] für die größtmögliche Zahl“ in Betracht kommt. Bentham selbst argumentierte, dass einzig und allein die Fähigkeit, Leid zu empfinden, Ausschlag darüber geben sollte, ob ein Lebewesen ins utilitaristische Nutzenkalkül einbezogen wird. John Stuart Mill präzisierte diese Idee später, indem er gesunden Erwachsenen zwar größeres Gewicht zugestand als anderen Tieren (“Es ist besser, ein unzufriedener Mensch zu sein als ein zufriedenes Schwein; besser ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Narr”), jedoch trotzdem die Ansicht vertrat, das Fleischkonsum utilitaristisch nicht zu rechtfertigen sei. Moderne Utilitaristen wie beispielsweise Peter Singer, Autor des einflussreichen Buches Animal Liberation, verfolgen diese Linie weiter und argumentieren, dass Spezieszugehörigkeit keine moralische Kategorie ist (siehe auch Speziezismus).

Argument der menschlichen Grenzfälle (argument from marginal cases)

Speziell Tierrechtler argumentieren häufig, dass es menschliche Grenzfälle gibt, die sich moralisch nicht von hinreichend entwickelten Tieren unterscheiden lassen. Embryonen, Säuglinge, senile oder demente sowie schwer geistig behinderte Menschen können kaum durch ein eindeutiges Kriterium von Affen oder Schweinen abgegrenzt werden: Schmerzempfinden, Intelligenz, die Fähigkeit, für die Zukunft zu planen oder moralische Urteile zu fällen, sind oft in gleichem Maße bei Säugetieren und menschlichen Grenzfällen (nicht) vorhanden. Wer sich dafür einsetzt, diesen “marginalen Menschen” nicht die Menschenrechte abzusprechen, ist logisch gezwungen, auch (einigen) Tierarten elementare Rechte zuzugestehen.

Nichtaggressionsprinzip

Die libertäre Spielart des Liberalismus bezieht sich bisweilen auf das sogenannte Nichtaggressionsprinzip als fundamentalen Grundsatz politischer Philosophie. Dieses Prinzip hält fest, dass allein die Initiierung von (körperlicher) Gewalt gegenüber anderen oder deren Eigentum moralisch verwerflich ist, solange diese dem Gewaltakt nicht freiwillig zugestimmt haben. Da kein Zeugnis vorliegt, dass Tiere zu irgendeinem Zeitpunkt ihrer Massenhaltung, Schlachtung oder Verwertung für Tierversuche zugestimmt haben, ist auch das Einsperren und Töten von Tieren als Aggression zu werten und somit zu unterlassen.

Evolutionsbiologie

Spätestens seit Charles Darwins Über die Entstehung der Arten kristallisiert sich unter Biologen die Überzeugung heraus, dass Menschen und Tiere sich nur graduell, nicht prinzipiell unterscheiden. Auch Tieren zeigen komplexes Sozialverhalten und verfügen über ein reicheres Innenleben, als man häufig vermutete. Richard Dawkins schlägt folgendes Gedankenexperiment vor: Man nehme einen Schimpansen und einen Menschen und gebe ihnen (metaphorisch) ihren jeweils direkten evolutorischen Vorfahren an die Hand. Geht man in dieser Kette weit genug zurück, stößt man irgendwann unweigerlich auf einen gemeinsamen Vorfahren. Jedoch gestehen wir nur einem Ende der Kette moralische Grundwerte zu – ein Schritt, der argumentativ kaum zu rechtfertigen ist.

Ethischer Intuitionismus

Michael Huemer ist der Ansicht, dass ein Plädoyer für Tierschutz nicht auf umstrittene Grundsätze wie dem Nichtaggressionsprinzip oder dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl angewiesen ist, sondern auf intuitiv einsichtige Prämissen bauen kann (common sense ethics). Wir können uns darauf einigen, dass es nicht akzeptabel ist, jemandem Unmengen an Leid zuzufügen, um ein kleines bisschen Vergnügen zu empfinden. Selbst wenn das Leiden der Masttiere hundertmal weniger wert ist, als das Leiden von Menschen, und wir uns zu 99% sicher sind, dass die Argumente der Tierschützer falsch sind – zwei äußerst konservative Annahmen –, bedeutet dies immer noch, dass die Massentierhaltung äquivalent zur Folter und Tötung von 5,6 Millionen Menschen jährlich ist. Huemer schließt nicht aus, dass es Fälle gibt, in denen es ethisch nicht verwerflich ist, Tiere zu verspeisen – beispielsweise, wenn diese Tat die einzige Alternative zum Hungertod ist. Er bestreitet jedoch, dass diese Grenzfälle im Alltag eine Rolle spielen

Argumente gegen Tierrechte

Naturrecht und Fähigkeit zur Vernunft

Naturrechtsphilosophen wie Murray Rothbard bestehen darauf, dass Menschenrechte aus der menschlichen Natur – speziell der Fähigkeit zur Vernunft und zu rationalem Denken – folgen. Tiere können nicht moralisch argumentieren, und es wäre absurd, den Wolf dafür zu verurteilen – oder gar zu bestrafen – dass er das Lamm frisst oder einen Menschen attackiert. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier ist nicht symmetrisch, und solange Tiere nicht für ihre Rechte einstehen beziehungsweise diese begründen können, müssen wir Menschen sie auch nicht respektieren.

Reductio ad absurdum

Häufig wird die Ansicht vertreten, dass Tierschutz Tür und Tor für sogenannte Slippery-Slope-Argumente öffnet. Wer der Ansicht ist, dass beispielsweise Hühner nicht ohne Weiteres getötet werden dürfen, muss gleiches auch für Kakerlaken fordern. Da dies aber offensichtlich zu absurden Konsequenzen führt und praktisch nicht durchsetzbar ist, folgt, dass auch Fleischverzehr moralisch legitim ist.

Tiere als Eigentum

Manche Liberale sprechen Tieren die Eigenschaft des Selbsteigentums ab. Da Tiere nicht als autonom handelnde Individuen verstanden werden können und sie sich de facto häufig in einer Abhängigkeitsbeziehung zu Menschen befinden, ist es sinnvoll, sie wie ‘unbelebtes’ Eigentum zu behandeln. Dies bedeutet, dass der rechtmäßige Eigentümer mit ihnen tun kann, was immer ihm beliebt, er jedoch ein Recht auf Schadensersatz hat, wenn Dritte sich an seinen Tieren vergehen.

Effektiver Altruismus

Scott Alexander ist der Ansicht, dass Vegetarismus nicht der effektivste Weg ist, um das Leid von Tieren zu minimieren. Er ist der Ansicht, dass auch Tiere einen moralischen Wert haben, glaubt aber, dass es gute Strategien gibt, ihr Leid zu mindern, ohne Vegetarier zu werden. Das Argument lautet in etwa:

  1. Wenn 90% der Fleischesser ihren Fleischkonsum auf die Hälfte reduzieren, werden weit weniger Tiere geschlachtet, als wenn 10% beginnen, sich rein vegan zu ernähren.
  2. Die meisten Fleischesser haben kein Interesse daran, sich komplett vegan zu ernähren.
  3. Tierschützer, die darauf bestehen, dass Vegetarismus/Veganismus die einzige moralische Alternative sei, polarisieren unnötig: Sie können maximal 10% von ihrem Anliegen überzeugen, während der Rest der Bevölkerung – aus Trotz? – den Fleischkonsum aufrechterhält.
  4. Ergo ist es besser, einfachere Alternativen zu Fleisch anzubieten, statt Vegetarismus zu predigen. Diese Strategie kann bezahlbares in-vitro-Fleisch, Wechsel von Geflügel zu Rind, oder selbst eine Wiederbelebung von religiösen Fastentraditionen beinhalten.

Außerdem könne der persönliche Fleischkonsum durch entsprechende Spenden an Tierschutzorganisationen ausgeglichen werden

Literaturempfehlungen

Peter Singer, Animal Liberation (deutsch: Die Befreiung der Tiere), Harper Perennial Modern Classics (2009)

Michael Huemer, Dialogues on Ethical Vegetarianism (Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4)

Martha Nussbaum and Cass Sunstein (Hrsg.), Animal Rights: Current Debates and New Directions, Oxford University Press (2004)

Tibor R. Machan, Putting Humans First: Why We Are Nature’s Favorite, Rowman & Littlefield Publishers (2004)

Daniel Issing

Daniel Issing ist Datenwissenschaftler. Er hat in Heidelberg, Ottawa, München und Annecy theoretisch-mathematische Physik studiert.