Cobden, Richard

George Patten Wikimedia Commons (CC0)

Von Clemens Schneider.

Großbritannien war eine der wichtigsten Brutstätten der Entwicklung einer freiheitlichen Gesellschaft. Der Siegeszug der Ideen, die im 18. und 19. Jahrhundert auf der Insel jenseits des Kanals und in seinen (ehemaligen) Kolonien jenseits des Atlantiks entstanden sind, ist bis auf den heutigen Tag unvergleichlich. Marktwirtschaft, Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaat, Offene Gesellschaft und individuelle Freiheit stehen dafür. Denker wie John Locke, David Hume, Adam Smith, Adam Ferguson, John Stuart Mill und Lord Acton ebenfalls. Doch nicht nur bedeutende Intellektuelle wurden in dieser fruchtbaren Atmosphäre aus Weltoffenheit, Innovationsfreude und Unternehmergeist angeregt. Insbesondere im 19. Jahrhundert war Großbritannien ein ideales Wirkungsfeld für liberal gesonnene Politiker und Aktivisten, die sogenannten Whigs. Dieses Zeitalter gipfelte in der Glanzzeit der Liberalen Partei unter dem viermaligen Premierminister William Ewart Gladstone (1809-1898), einer monumentalen Ausnahmepersönlichkeit unter allen Politikern in modernen Demokratien.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund

Die europäische Bevölkerung wuchs damals rapide, so dass immer mehr Menschen ernährt werden mussten – in England allein hatte sich die Einwohnerzahl von 8,3 Millionen im Jahr 1801 auf 16,8 Millionen im Jahr 1850 verdoppelt. Gleichzeitig zogen große Bevölkerungsteile vom Land in die Städte. Manchester, die Herzkammer der Industrialisierung in Großbritannien, hatte von 1771 bis 1831 die Bevölkerung versechsfacht. Während die Landbevölkerung früherer Zeiten, wenn auch oft unter schwierigsten Bedingungen, in der Regel noch die Möglichkeit hatte, sich durch Subsistenzwirtschaft selber zu ernähren, waren die Arbeiter und Handwerker in den Städten nunmehr darauf angewiesen, Nahrung zu kaufen. Sie waren mithin den Großgrundbesitzern hilflos ausgeliefert. Die Folge waren schreckliche Hungersnöte und immer wieder massive Unruhen.

Bildungshungriger Bauernsohn

In diese Zeit wurde Richard Cobden hineingeboren. Er kam 1804 als viertes von elf Kindern eines armen Bauern im äußersten Süden Englands zur Welt. Mit 15 Jahren ging er nach London, um im Warenhaus seines Onkels zu arbeiten. Der beargwöhnte den Bildungshunger seines Neffen, der oft nach der Arbeit noch die öffentlichen Bibliotheken aufsuchte, mit einer Mischung aus Unverständnis und Missfallen. Der junge Cobden arbeitete sich freilich nach oben und gründete mit 24 seine erste eigene Firma. Als Unternehmer war er zunehmend erfolgreich, doch füllte ihn dieses Leben nicht aus. Zu sehr beschäftigten seinen Verstand die großen Fragen menschlichen Miteinanders – und zu sehr brachte Ungerechtigkeit sein Herz in Wallung.

1835 veröffentlichte er ein Buch unter dem Titel „England, Ireland, and America“. Es ist ein flammendes Plädoyer für die Begrenzung öffentlicher Ausgaben, Freihandel und Pazifismus. In eine ähnliche Richtung zielte sein im Jahr danach erschienenes Buch „Russia“, das sich insbesondere auch gegen aufkommende nationalistische Ressentiments wandte. Darüber hinaus macht er sich stark für ein besseres Bildungswesen – schließlich hatte er selbst die Erfahrung gemacht, wie wichtig Bildung ist. Bei einem Vortrag, den er zu diesem Thema hielt, traf er auf den sieben Jahre jüngeren John Bright, der sein kongenialer Partner und Freund werden sollte.

Eine Graswurzelbewegung entsteht

Bright gehörte der religiösen Gruppe der Quaker an, die bei der Entwicklung von Toleranz und individueller Freiheit eine herausragende Rolle spielte. Sie waren Vorkämpfer der Sklavenbefreiung und der Frauenemanzipation. Als strikte Pazifisten gründeten sie unter William Penn (1644-1718) mit der britischen Kolonie Pennsylvania das erste Gemeinwesen mit demokratischer Mitbestimmung, Selbstverwaltung und Gleichheit vor dem Recht. Schon als junger Mann hatte Bright sich für politische Fragen interessiert und engagiert. Cobden und er fanden rasch heraus, wie stark sie übereinstimmten und gründeten gemeinsam im Jahr 1839 die „Anti-Corn Law League“ – eine der frühesten Graswurzelbewegungen der Geschichte.

Während Cobden der strategische Kopf der Bewegung war, wurde der sehr begnadete, mitreißende Redner Bright das Aushängeschild. Wie erfolgreiche Kampagnenführung funktioniert, hatten sie von den Männern und Frauen um William Wilberforce gelernt, die einige Jahrzehnte zuvor erfolgreich die Sklavenbefreiung durchgesetzt hatten. Sie verteilten über neun Millionen Pamphlete, um ihr Anliegen zu erklären, führten im ganzen Land Versammlungen und Demonstrationen durch und konnten Millionen von Unterschriften für ihre Petitionen sammeln. Die Freihandelsbewegung gründet sich auf der massenhaften Unterstützung seitens der Arbeiter und Armen im Land. Sieben Jahre lang reisten Cobden, Bright und immer mehr Mitstreiter durch das Land, hielten Vorträge, motivierten Bürger und sammelten neue Verbündete um sich. Die dritte Führungspersönlichkeit im Bunde war der Abgeordnete Charles Pelham Villiers, der seit 1837 beharrlich jedes Jahr aufs Neue einen Antrag auf Abschaffung der Getreidezölle ins Unterhaus einbrachte.

Morgendämmerung des Freihandelszeitalters

Der Druck von der Straße brachte die Freihandelsgegner, die Großgrundbesitzer und die Konservative Partei, ebenso in die Bredouille wie die zunehmende Empörung in den Leserbriefspalten. Als das Land 1845 von Missernten heimgesucht wurde und in Irland die Große Hungersnot begann, sah der zaudernde Premierminister Robert Peel die Gelegenheit, die zumindest schrittweise Abschaffung der Zölle durchzusetzen. Im Mai und Juni 1846 stimmten das Unter- und das Oberhaus zu. Drei Jahre später waren die Zölle abgeschafft. In der Folge wurden vielerlei wirtschaftliche Reformen im Vereinigten Königreich durchgeführt, und so der Weg frei gemacht für einen erheblichen Wirtschaftsaufschwung. Vor allem die Lage der Arbeiter in den Städten veränderte sich dadurch substantiell. Die Freihändler setzten sich nach dem erfolgreichen Abschluss ihrer Kampagne auch für den Abbau von Kinderarbeit, den Ausbau eines funktionstüchtigen Bildungssystems und kluge Zurückhaltung bei öffentlichen Ausgaben ein.

1859 begann Cobden im Auftrag der britischen Regierung mit Frankreich Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu führen. Nach nur drei Monaten stand der sogenannte Cobden-Chevalier-Vertrag. Frankreich baute viele Zölle ab, Großbritannien verzichtet sogar vollständig auf Einfuhrbeschränkungen. Außerdem wurde die Meistbegünstigtenklausel eingeführt: Jeder Vorzug, den einer der beiden Partner einem dritten Land einräumte, musste er auch dem anderen Partner gewähren. Zwei Jahre später schloss Frankreich ein ähnliches Abkommen mit dem Deutschen Zollverein; Belgien, Italien und die Schweiz folgten. Für etwa zwanzig Jahre herrschte in Europa ein immer intensiverer Freihandel, der selbst durch Preußens drei Angriffskriege nicht substantiell gefährdet wurde. Und auch der ab den 1880er Jahren wieder zunehmende Protektionismus konnte nicht mehr zum alten Status zurückführen, sondern bremste nur die unaufhaltsame Entwicklung. Erst der Erste Weltkrieg und die Zwischenkriegszeit zerstörten für viele Jahrzehnte das Werk der englischen und europäischen Freihändler.

Unbeirrbar gegen Militarismus, Imperialismus und Nationalismus

Cobdens Erfolg war enorm. Seine Unterstützer sammelten 80.000 Pfund, um ihn dafür zu entschädigen, dass sein Einsatz ihn gesundheitlich mitgenommen und finanziell an den Rand des Ruins gebracht hatte. Das Land feierte in den Jahren nach dem großen Erfolg der Bewegung seinen Helden. Auch auf dem Kontinent blickten immer mehr Menschen mit Verwunderung und zunehmender Begeisterung auf den Weg, den der Nachbar im Nordwesten eingeschlagen hatte. Cobden erhielt Einladungen nach Frankreich, Spanien, Italien, Deutschland und Russland. Überall fanden sich Politiker und Aktivisten, die sich die Freihandelsbewegung zum Vorbild nahmen: Frédéric Bastiat und Michel Chevalier in Frankreich, John Prince-Smith und Eugen Richter in Deutschland, Camillo Cavour in Italien und Gustave de Molinari in Belgien.

Lange hielt diese Begeisterung jedoch nicht an. Cobden und Bright hatten nie für den Freihandel um seiner selbst willen gekämpft. Er war für sie Mittel zum Zweck. Denn einerseits befreite er die Arbeiter und Armen von dem Joch des Protektionismus der besitzstandwahrenden Reichen und Mächtigen und trug erheblich zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bei. Und andererseits würde er aus ihrer Sicht, wie Cobden 1842 in einem Brief schrieb, „unweigerlich, indem er die wechselseitige Abhängigkeit der Länder, untereinander sichert, den Regierungen die Macht entreißen, ihre Völker in den Krieg zu stürzen.“ Als radikale Pazifisten waren die Freihändler erbittere Gegner allen Säbelrasselns, allen imperialistischen und nationalistischen Strebens.

Vom Volkshelden zum Außenseiter

Der Zeitgeist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wandte sich zunehmend gegen sie. Aufrüstung, eine aggressive Außenpolitik und veritabler Militarismus waren die Antwort der Politik auf die rasante Verbreitung nationalistischen Gedankenguts in jener Zeit. Sie sollten zeugen von Stärke und Stolz eines Landes. Kolonien und Eroberungen wurden sowohl aus Prestigegründen begrüßt als auch aus dem Glauben, davon als Land wirtschaftlich zu profitieren. Überall witterte man Feinde und sah sich inmitten eines globalen Machtkampfes. Der Krimkrieg (1853-1856) und der Zweite Opiumkrieg (1856-1860) versetzten Großbritannien in Kriegsbegeisterung, und während des Amerikanischen Bürgerkriegs gab es im Land viel Unterstützung für die Seite der Südstaaten.

In dieser Hochstimmung patriotischer Begeisterung stießen die Forderungen nach Abrüstung, Diplomatie, konsequenter militärischer Zurückhaltung und einem Rückzug aus den Kolonien auf Verachtung. Innerhalb kurzer Zeit wendete sich das Blatt: Eben noch waren Cobden und Bright als Lichtgestalten ihres Landes gepriesen worden. Nun wurden sie plötzlich in Zeitungen der Lächerlichkeit preisgegeben, von ihren eigenen Parteifreunden gemieden und mitunter zur Zielscheibe öffentlichen Hasses. Doch Cobden stellte seine Ideale stets vor sein persönliches Wohlergehen – Gier, Machtstreben und auch nur Eitelkeit waren ihm fremd. So ließ er sich auch trotz der Verachtung, der er zeitweise ausgesetzt war, doch immer wieder in den Dienst nehmen, wenn es darum ging, die Sache des Freihandels, der Völkerverständigung und des Wohlstands für alle voranzubringen.

Die wahren Helden

Richard Cobden starb viel zu früh mit nur 60 Jahren im April 1865. Der französische Außenminister Édouard Drouyn de Lhuys schrieb der britischen Regierung: „Vor allem anderen ist er in unseren Augen der Vertreter jener Geisteshaltung und kosmopolitischen Prinzipien, vor denen nationale Grenzen und Rivalitäten verschwinden. … Cobden war, wenn ich das so sagen darf, ein internationaler Mensch. … Frei von nationalen Vorurteilen wie auch von solchen, die sich aus Erziehung und Klassenzugehörigkeit ergeben können, setzte sich Richard Cobden für die Reformen ein, die aus seiner Sicht für sein Land nützlich und für die Menschheit von Vorteil waren – mit einer Selbstlosigkeit und Aufrichtigkeit, der man nur mit Ehrfurcht begegnen kann.“ Sein geistiges Erbe lebte weiter, insbesondere in den Aktivitäten seiner Gefährten John Bright und Charles Pelham Villiers sowie im Wirken des Premierministers William Ewart Gladstone.

Der Einsatz dieser Männer hat wirklich das Antlitz der Erde zum Besseren verändert. Denn sie wurden angetrieben von dem Ziel, das Cobden in einer Rede Anfang 1846 in Manchester formulierte: dass der Gegensatz zwischen den Rassen, Bekenntnissen und Sprachen beseitigt wird; dass die Menschen in ewigem Frieden aneinandergebunden werden; und dass die Menschheit eine Familie wird.

Literatur

Doering, Detmar, Mythos Manchestertum, Berlin 2006.

Edsall, Nicholas C., Richard Cobden. Independent Radical, Cambridge 1986.

Holtzendorff, Franz von, Richard Cobden, Frankfurt a. M. 2016.

Lammers, August, Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels, Frankfurt a. M. 2016.

Clemens Schneider

Clemens Schneider ist Mitgründer und Managing Director von Prometheus - Das Freiheitsinstitut. Er hat in Bonn und München Katholische Theologie studiert.