Emerson, Ralph Waldo

Von Roderick Long, mit freundlicher Unterstützung von libertarianism.org

Ralph Waldo Emerson (1803-1882), war einer der Gründer des Transzendentalismus, einer philosophischen, literarischen und kulturellen Bewegung, die spirituelle Einheit mit der Natur, Vertrauen in die innere Erfahrung und Ablehnung der sozialen Konformität propagierte. Andere prominente Transzendentalisten waren Bronson Alcott und Henry David Thoreau.

Obwohl Emerson als unitarischer Prediger begann, führte seine zunehmende Betonung von Gefühl und Verhalten anstelle von Konfessionen und äußeren Formen dazu, dass er 1832 sein Amt aufgab. Emerson bestand darauf, dass ein Menschenleben mehr von der inneren Entwicklung als von Traditionen, Institutionen oder sozialen Erwartungen geleitet werden sollte. Dieser ethische Individualismus drückte sich im politischen Liberalismus aus. Emerson lehnte zeitlebens die Sklaverei, die Misshandlung von Indianern und die Verweigerung des Wahlrechts für Frauen ab, doch politische Partizipation missfiel ihm und er war der Meinung, dass der soziale Wandel mit dem Wandel des Einzelnen beginnen müsse. Trotz der anfänglichen Tendenz, Reformer als Wichtigtuer zu betrachten, wurde Emerson selbst zu einem solchen, da die Verabschiedung des „Fugitive Slave Law“ im Jahr 1850 eine entscheidende Rolle bei seiner eigenen Radikalisierung spielte.

Da Emerson größeres Vertrauen in die individuelle Selbstveränderung hatte als in ein kollektives Handeln, war sein politischer Aktivismus begrenzt. Obwohl er letzteres nicht ablehnte, bestand er darauf, effektives und sinnvolles kollektives Handeln müsse auf individueller Entwicklung beruhen und dürfe sie nicht ersetzen. Emerson betonte die Selbstverantwortung sowohl im materiellen als auch im spirituellen Sinne und war der Meinung, dass wir versuchen sollten, unser eigenes Leben und nicht das anderer zu lenken. Daher kam er zu dem Schluss: „je weniger Regierung wir haben, desto besser“ und er betrachtete alle Staaten jeglicher Form als verdorben. Obwohl er selbst kein Anarchist war, äußerte er sich positiv gegenüber der Anarchie und meinte, dass „mit dem Erscheinen weiser Menschen sich der Staat auflöst“. Er wies auf verschiedene friedliche staatenlose Episoden in der amerikanischen Geschichte hin (Massachusetts während der Amerikanischen Revolution, Kalifornien während des Goldrausches), als Beweis für die Praktikabilität des Anarchismus. Für Emerson war soziale Kooperation nicht etwas, das der Gesellschaft von einer fremden Macht aufgezwungen werden müsse. Im Gegenteil: er behauptete, dass jeder Mensch „aus Haken und Ösen gemacht ist und sich auf natürliche Weise mit seinen Brüdern verbindet“.

Für Emerson war die Sklaverei nicht nur ein Fehler an sich, sondern auch schädlich in ihren Ergebnissen, nicht nur für die Versklavten, sondern auch für die Sklavenhalter. Er führte den geringeren wirtschaftlichen Entwicklungsgrad des Südens auf dessen Abhängigkeit von Sklavenarbeit anstelle von freier Industrie zurück. Emerson stimmte der Doktrin radikaler Abolitionisten wie Lysander Spooner, Ainsworth Spofford und seinem Freund Thoreau zu, dass kein Gesetz, das der menschlichen Freiheit zuwiderläuft, eine verbindliche rechtliche Verpflichtung haben kann. Er äußerte Bewunderung für John Browns Versuch, einen Sklavenaufstand bei Harper’s Ferry auszulösen. Als der Bürgerkrieg ausbrach, unterstützte Emerson die Nordstaaten – aber nur unter der Prämisse, dass die Emanzipation der Sklaven, nicht die bloße Erhaltung der Union, das Ergebnis des Sieges der Union sein dürfe. Tatsächlich wird Emerson zugeschrieben, durch seine Vorträge und Essays dazu beigetragen zu haben, die Befreiung der Sklaven zu einem Ziel der Union im Krieg zu machen, was bei Ausbruch des Krieges nicht selbstverständlich gewesen war. Emerson vertrat auch den Standpunkt, dass befreite Sklaven sowohl Wahlrecht als auch finanzielle Entschädigung erhalten sollten.

Im Bereich der Ökonomie kritisierte Emerson den Wettbewerbskapitalismus, der zur Förderung von Materialismus und Geldherrschaft beitrage. Er machte sich Sorgen, dass die Arbeitsteilung die Selbstständigkeit der Individuen schwächte. Dennoch favorisierte er den „freien Handel mit der ganzen Welt ohne Gebühren und Zollhäuser“ und war skeptisch gegenüber der Praktikabilität staatlich verordneter Lösungen für soziale Probleme.

Roderick T. Long

Prof. Roderick T. Long ist Professor für Philosophie an der Auburn University. Außerdem ist er Präsident des Molinari Institute und Co-Redakteur des Journal of Ayn Rand Studies. Er studierte in Harvard und promovierte an der Cornell University.