Luhmann, Niklas

Paul Keller from Flickr (CC BY 2.0)

Von Léonard Loew.

Biographie

Es ist eine Ironie, etwas über das Leben von Niklas Luhmann zu schreiben, hielt dieser doch Biographien für inexistent. Für ihn sind Lebensläufe und ihre entsprechenden Narrative letztlich „eine Kette von Zufällen, die sich zu etwas organisieren, das dann allmählich weniger beweglich wird“. An dieser Aussage zeigt sich bereits das analytische Denken des Systemtheoretikers, dem funktionale Analysen immer wichtiger waren als romantisierende (Selbst-)Tröstungen.

Niklas Luhmann wurde am 8.12.1927 in Lüneburg geboren. 1944 wurde er mit siebzehn Jahren Luftwaffenhelfer, bevor er 1945 in kurze Kriegsgefangenschaft bei den Amerikanern geriet. Nach Kriegsende studierte er in Freiburg Rechtswissenschaften und wurde anschließend Verwaltungsbeamter am Oberverwaltungsgericht Lüneburg und Landtagsreferent im niedersächsischen Kultusministerium. Die Motivation, Jura zu studieren, lag für ihn darin, „Ordnung zu schaffen in dem Chaos, in dem man lebte“. Auch hier zeigt sich eine enge Verquickung von persönlicher Befindlichkeit und systematischem Denken. Denn das wissenschaftliche Anliegen Luhmanns kann zweifelsfrei in der Etablierung einer umfassenden theoretischen Ordnung gesehen werden. Kognitiv kontrolliert auf die Welt zuzugreifen, das war die Intention seiner Systemtheorie. Gleichzeitig brachte ihm seine pedantische und zuweilen ungesellig wirkende Art auch bestimmte Widerstände ein. Eigenen Aussagen zufolge wurde er mehrmals bei Beförderungen übergangen, da er „nicht die normale Beamtenlaufbahn hatte, also nie auf dem Landkreis bei einem Feuerwehrfest gewesen war und so“. Auf Fragen, warum er solche Gelegenheiten der Vernetzung nicht nutze, antwortete er immer in dem ihm eigenen trocken-lakonischen Ton: „ich lese Hölderlin“.

Diese Einstellung führte ihn 1960 schließlich zu einer (gewünschten) Beurlaubung, um in Harvard bei dem prominenten Soziologen Talcott Parsons ein Forschungsstipendium wahrzunehmen. Luhmann, der neben seiner intellektuell wenig erfüllenden Arbeitstätigkeit immer noch theoretische, insbesondere soziologische und philosophische, Lektüren betrieb, veröffentlichte denn auch 1964, inspiriert durch Parsons, sein erstes Buch „Funktionen und Folgen formaler Organisationen“. Dann ging alles sehr schnell: 1966 erfolgten Promotion und Habilitation an der Universität Münster bei Helmut Schelsky. 1968 bekam er dann eine Professur für Soziologie an der neu gegründeten Reformuniversität Bielefeld, die er bis zu seiner Emeritierung 1993 bekleidete. Auf die Aufforderung hin, sein zukünftiges Forschungsprojekt als gerade ernannter Professor zu beschreiben, antwortete er: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine“. Diese bis heute in Wissenschaftlerkreisen als witzige Anekdote kursierende Aussage beschreibt jedoch sehr genau seine Arbeitsweise. Luhmann war ein eifriger Leser und Schreiber. Er arbeitete äußerst gewissenhaft und fokussiert, immer mit dem Anspruch, die Gesellschaft als Ganzes beschreiben und verstehen zu können. Nur so ist die Fülle an Veröffentlichungen zu erklären, an denen Luhmann bis zu seinem Tod am 6.11.1998 unermüdlich arbeitete.

Abstract

Die Systemtheorie von Niklas Luhmann ist keine liberale Theorie im klassischen Sinne. Aber sie lädt zu einem liberalen Denken ein, sie verführt dazu. Oder wie es einmal ein Redakteur der WELT formulierte: „Luhmann lesen ist wie Techno zu hören“. Für Luhmann war Soziologie „nicht die Lehre vom ersten Blick, sondern die Lehre vom zweiten Blick“. Die zugrunde liegenden Mechanismen gesellschaftlicher Abläufe zu entlarven, war sein vorrangiges Ziel. Zu diesem Zweck verband er „Sinnanalyse und Funktionsbegriff“, die Phänomenologie Husserls und den Funktionalismus von Parsons. Sein Anliegen war stets, die Gesellschaft als sinnhaftes Netz von wechselseitigen Bezügen zu begreifen. Funktionale Äquivalenzen und systembildende Erwartungsstrukturen führen zu der Auswahl von Denk- und Handlungsmöglichkeiten, jedoch: rein kontingent. Hier liegt das entscheidende Moment der Freiheit in Luhmanns Theorie. Dabei jedoch keineswegs als rein individualistische Freiheit gedacht, denn alle Individualität ist für ihn immer bereits in soziale Formen eingeprägt: „Cogito ergo sumus, müsste man eigentlich sagen“.

Gleichwohl, auch hier zeigt sich wieder seine liberale Grundhaltung, war das Anliegen einer umfassenden Gesellschaftstheorie im deskriptiven Sinne vor allem dadurch motiviert, dass die sonst üblichen Sozialtheorien durch marxistische Normative vorgeprägt waren. Für Luhmann bestand die Alternative in einem „Übergang zu einem […] radikal konstruktivistischen Gesellschaftsbegriff“. Dies erlaubte ihm, Gesellschaft zu beschreiben, ohne auf ideologische Prognosen oder moralisierende Schein-Notwendigkeiten zurückgreifen zu müssen. Luhmann rekurrierte stattdessen auf eine modale Sichtweise und inthronisierte damit das Konzept der Möglichkeit, mithin der Freiheit (im Sinne von nicht-determiniert).

Sinn und Kontingenz: Warum ist alles so kompliziert? Oder: Wer die Wahl hat, hat die Qual!

Diese Freiheit existiert für Luhmann nur, weil der Mensch ein offenes Wesen ist, das einer ungewissen Zukunft entgegen lebt. Die Welt ist für den Menschen nicht vorgegeben, sondern kann von ihm variabel interpretiert und dadurch unterschiedlich wichtig werden: „Die Welt zeigt ihm dadurch eine Fülle von Möglichkeiten des Erlebens und Handelns“. Der Mensch ist auf diese Weise Komplexität und Kontingenz ausgesetzt. Was meint Komplexität? Es bedeutet, dass es mehr Möglichkeiten des Erlebens und Handelns gibt, als jemals realisiert werden können. Kontingenz wiederum heißt: Es könnte auch alles anders sein. Aus der Komplexität der Welt ergibt sich somit ein harter „Selektionszwang“, der sich schon in einfachen Alltagssituationen immer wieder herausschält. Durch die begrenzte Verfügbarkeit von Ressourcen, z.B. finanzieller oder zeitlicher Art, müssen wir Entscheidungen treffen, was wir wann, wo und wie machen möchten. Ebenso verhält es sich mit beruflichen oder sozialen Angelegenheiten. Dass man seinem Gegenüber bei der Begrüßung nicht ins Gesicht schlägt, sondern die Hand gibt, resultiert aus lange tradierten gesellschaftlichen Höflichkeitsformen, nicht daraus, dass es nicht möglich wäre. Kontingenz muss insofern immer zu Komplexität hinzugedacht werden, da sie eine „Enttäuschungsgefahr und [die, L.L.] Notwendigkeit des Sich-Einlassens auf Risiken“ impliziert. Dass alles auch anders möglich ist, man z.B. zur Begrüßung geschlagen werden könnte, macht jede Form der Realitätskonstruktion fragil und unsicher. Daher „entwickeln sich darauf abgestimmte Strukturen der Erlebnisverarbeitung“. Wir entwickeln, im Verbund gesellschaftlicher Deutungsmuster und kommunikativer Interpretations- und Verhaltensregeln, bestimmte Erwartungen, die uns davor schützen, alles Zukünftige ängstlich in Frage zu stellen. Deswegen zuckt man nicht zusammen, wenn der Andere die Hand zur Begrüßung ausfährt.

Wie entstehen nun diese Erwartungsstrukturen? Durch Sinn. Sinn ist für Luhmann, in Anlehnung an Edmund Husserl, das Medium schlechthin, wenn es um menschliche Kognition und Kommunikation geht. Sinn ist ein modaler Begriff, der keine notwendigen Realitäten produziert, sondern Möglichkeitsräume eröffnet. Sinn fungiert als „Selektion aus anderen Möglichkeiten und damit zugleich Verweisung auf andere Möglichkeiten“. Durch Sinn wird demnach die jeweilige Realität aktualisiert, indem aus einer Überzahl an Möglichkeiten selektiert und damit eine „Reduktion von Weltkomplexität“ erreicht wird. Erst dadurch erkennt man überhaupt irgendetwas. Sonst ’sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht‘. Nur weil man die ausgestreckte Hand als Begrüßung zu interpretieren gelernt hat, versteht man diese Geste. Ohne dieses Interpretationsschema könnte es alles sein, die Wahrnehmung der fremden Hand würde dann ein schier überlastendes Chaos auslösen. Kommunikation und soziales Verstehen könnten gar nicht erst entstehen. Alles bliebe unbestimmt.

Der Systemtheorie geht es in diesem Sinne um eine „De-ontologisierung der Realität“. Das, was man zu wissen glaubt, wird nicht mehr länger als ‚die Wahrheit‘ verstanden, sondern als eine Wahrheit, die sich ein bestimmter Mensch durch das Zusammenspiel biographischer Zufälle und sozial dominanter Beobachtungsweisen konstruiert hat. Jeder Akt des Weltzugriffs, d.h. der Meinung, der Interpretation oder des Glaubens, stellt daher eine willkürliche, im Sinne von: kontingente, Festlegung von Realität dar. Ob man die ausgestreckte Hand als mögliche Einleitung eines Schlags interpretiert oder als Begrüßung, hängt demnach sowohl von biographischen Erfahrungen als auch vom jeweiligen kulturellen Hintergrund ab. Die Art und Weise, wie Menschen Dinge unterscheiden, z.B. politisch links vs. rechts, moralisch vs. unmoralisch, braves Kind vs. böses Kind etc., und die Relevanz, die diese Unterscheidungen für den jeweiligen Menschen besitzen, hängt von der sozialen Konditionierung ab. Lernerfahrungen bestimmen Wahrnehmung und Interpretation der Welt. Da eine ausgestreckte Hand potentiell alles bedeuten kann, kommt es auf die Sichtweise desjenigen an, der diese Hand sieht. Was macht er daraus?

Wir finden bei Luhmann demnach nicht mehr eine Realität sui generis, die sich dem individuellen Menschen aufdrängt, sondern es ist der Einzelne, der seine Realität (als Teil des sozialen Systems) selbst konstruiert. Die einzige „Weisung“, der man demnach unterworfen ist, lautet: ‚Triff eine Unterscheidung‘. Das will sagen: Man muss sich, egal wie, für eine bestimmte Selektion von Sinnmöglichkeiten und damit für ein spezifisches Bild der Realität entscheiden. Dabei gibt es keine ‚richtigen‘ oder ‚falschen‘ Entscheidungen, „[e]s kommt vielmehr darauf an, was man damit anfängt, und wohin man gelangt“. Der Inhalt der Unterscheidung ist demnach beliebig, relativ. Wichtig ist, dass man überhaupt mit einer Schablone der Wirklichkeit startet und dann schaut, wie weit man mit dieser Perspektive kommt.

Die Konzeption Luhmanns lädt auf diese Weise zu einem freiheitlichen Denken ein. Sie erstellt keine Hierarchien, sondern lässt alle Formen der Unterscheidung als das gelten, was sie sind: Konstruktionen eines Beobachters. Der einzelne Mensch erhält durch diese Sichtweise eine enorme Handlungsmacht. Gleichwohl bleibt jedes Individuum in unzählige soziale Bezüge (und auch Zwänge) eingeflochten. Die Freiheit des Einzelnen ist immer eine Freiheit in Gesellschaft.

Beobachten und Unterscheiden: Triff eine Entscheidung!

Da „ein unterscheidungsloses Beobachten undenkbar“ ist, „ist alles, was für einen Beobachter Realität ist, Realität dank der Einheit der Unterscheidung, die er verwendet, also Konstruktion“. Daher kann es „keine privilegierten, konkurrenzfrei operierenden […] Positionen“ geben, von denen allein aus die Welt richtig beobachtet werden könnte“. Insofern gilt, um ein Bonmot von Nietzsche zu verwenden: Nichts ist wahr, alles ist erlaubt. Die Liberalität dieses Denkens ist offensichtlich. Wenn man sich einmal von dem Anspruch auf Wahrheit verabschiedet und auf Perspektivität umgeschaltet hat, dann wird es für Hierarchien jedweder Art, insbesondere politisch-ideologischer Provenienz, äußerst schwierig. Luhmann erweist sich damit als erkenntnistheoretischer Demokrat und liberaler Philosoph. Ihm geht es um die Freiheit der Entscheidung und die damit verbundene Möglichkeit, dass alles auch ganz anders ist und wird.

Wie bereits Marx für den Kapitalismus diagnostizierte, so kann man auch in Bezug auf Luhmann sagen: Alles Stehende und Ständische verdampft. Die Systemtheorie ist keine Konzeption von notwendigen Substanzen, sondern eine evolutionäre Theorie der Möglichkeiten. Da jede Setzung einer Unterscheidung willkürlich und damit ihrerseits nicht weiter begründbar ist, bleibt differenztheoretisches Denken ein stetes Entstehungs- und Auflösungsgeschehen. Insofern ist die Systemtheorie Luhmanns ein unruhiger Fortschrittsmotor. Die Selbstreflexion des Beobachters führt dazu, dass man sich der Relativität der eigenen Wirklichkeitskonstruktion bewusst wird. Dies ermöglicht einen ständigen Perspektivenwechsel. Dadurch wird nicht unbedingt alles besser oder schlechter, aber es wird zumindest anders.

Und diese Form der Variabilität, das Ausprobieren verschiedener Weltbilder, macht Luhmann zu einem durch und durch liberalen Denker. Denn Freiheit hat nur, wer sich seiner selbst gewiss ist, ohne sich darin einzusperren, wer nicht schon alles weiß und die Zukunft bereits aus der Vergangenheit abgeleitet hat. Freiheit liegt in der manchmal wohligen, aber doch immer riskanten Unbestimmtheit, in der Offenheit gegenüber der Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte. Freiheit gibt es nur um den Preis, Gewissheiten als vorläufig zu behandeln. Kurz: Freiheit als Entdeckungsverfahren.

Literatur

Blanke, Eberhard (Hg.), „Guter Geist ist trocken“. Zitate von Niklas Luhmann, Norderstedt 2018.

Bolz, Norbert, Ratten im Labyrinth. Niklas Luhmann und die Grenzen der Aufklärung, München 2012.

Fuchs, Peter, Niklas Luhmann – beobachtet. Eine Einführung in die Systemtheorie, Opladen 1992.

Hagen, Wolfgang (Hg.), Was tun, Herr Luhmann? Vorletzte Gespräche mit Niklas Luhmann, Berlin 2009.

Hagen, Wolfgang (Hg.), Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann? Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann, Berlin 2011.

Krause, Detlef, Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, Stuttgart 2001.

Luhmann, Niklas, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Band 1, F.a.M. 1997.

Luhmann, Niklas, Die Wissenschaft der Gesellschaft, F.a.M. 1990.

Luhmann, Niklas, Funktionen und Folgen formaler Organisationen, Berlin 1964.

Luhmann, Niklas, Liebe. Eine Übung, F.a.M. 2008.

Luhmann, Niklas, Rechtssoziologie, Opladen 1987.

Luhmann, Niklas, Short Cuts, Berlin 2000.

Luhmann, Niklas, Soziologische Aufklärung 1: Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme, Köln und Opladen 1970.

Luhmann, Niklas, Soziologische Aufklärung 3: Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Opladen 1981.

Luhmann, Niklas, Soziologische Aufklärung 5: Konstruktivistische Perspektiven, Opladen 1990.

Reese-Schäfer, Walter, Niklas Luhmann zur Einführung, Hamburg 2011.

Spencer-Brown, George, Laws of Form, London 1969.

https://www.welt.de/kultur/article2674164/Luhmann-lesen-ist-wie-Techno-zu-hoeren.html

Léonard Loew

Léonard Loew hat Philosophie, Geschichte und Erziehungswissenschaften studiert. Er promoviert derzeit an der Universität Trier im Bereich Bildungsphilosophie und ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Didaktik des Sachunterrichts an der Universität des Saarlandes.