Bentham, Jeremy

Henry William Pickersgill Wikimedia Commons (CC0)

Von T. Patrick Burke mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org.

War Jeremy Bentham (1748-1832) zu seinen Lebzeiten vor allem als Verfechter eines wissenschaftlichen Ansatzes für Sozialreformen bekannt, gilt er heute vor allem als der Vater des Utilitarismus. Bentham wurde in London als Sohn eines Anwalts geboren und war recht frühreif. Er studierte an der Westminster School und am Queen’s College in Oxford, England. 1763 begann er das Studium der Rechtswissenschaften am Lincoln’s Inn, verbrachte aber viel Zeit damit, daheim chemische Experimente durchzuführen. Im Dezember des gleichen Jahres besuchte er die Oxford-Vorlesungen Sir William Blackstones, dem Autor der berühmten Commentaries on the Laws of England. Sofort erkannte der die Fehler in dieser Schrift, wie er später bemerkte. 1776 griff er in seinem ersten veröffentlichten Buch Fragment on Government die Commentaries heftig an, weil sie reformfeindlich waren. In A Defence of Usury (1787) argumentierte er, dass es ein Fehler der Regierungen sei, hohe Zinssätze zu verbieten, weil Einzelpersonen am besten wüssten, was ihnen nutzt. Sein Hauptwerk An Introduction to the Principles of Morals and Legislation wurde 1789 veröffentlicht. Weitere bedeutende Veröffentlichungen sind A Catechism of Parliamentary Reform (1817, geschrieben 1809), The Rationale of Reward (1825), The Rationale of Punishment (1830), the Book of Fallacies (1824) und the Rationale of Judicial Evidence (1827). Einige von Benthams Schriften wurden zuerst auf Französisch veröffentlicht, und er wurde zum Ehrenbürger Frankreichs ernannt, mit dem er enge Beziehungen hatte.

Zu Benthams Zeiten wurden Recht, Gerichtsverfahren und das Leben im Allgemeinen viel stärker als heute von historischen Präzedenzfällen und Überzeugungen bestimmt, die keiner kritischen Prüfung unterzogen wurden. Dass es heute anders ist als früher verdanken wir zu einem großen Teil Bentham. Bentham war ein Mann des Zeitalters der Vernunft; seine Vorbilder waren Figuren wie John Locke (insbesondere Lockes Eine Abhandlung über den menschlichen Verstand), Claude Adrien Helvetius und Voltaire, und sein Hauptziel war es, die Abhängigkeit von Traditionen durch rationale Analysen zu ersetzen. Bentham argumentierte, dass eine Maßnahme im Einklang mit der Vernunft stehe, wenn sie den Nutzen, verstanden als menschliches Glück, maximiere. Was zählt seien nicht die Intentionen und Annahmen, sondern die Konsequenzen einer Maßnahme.

Das Modell der rationalen Analyse für Bentham war die Wissenschaft. Er wollte die gleiche Rolle in Bezug auf Gesellschaft und Recht einnehmen wie Newton in der Physik, indem er die Vielfalt der Phänomene durch die Entdeckung eines einzigen Grundprinzips, des Prinzips des Nutzens, auf eine Einheit reduzierte. Die Grundbegriffe des Gesetzes, so behauptete er, müssten konkret und sinnlich beobachtbar sein, nicht abstrakt, und sie seien zwei: Lust und Schmerz. Der Grund des Gesetzes ist die körperliche Sensibilität; alles, was die Menschen tun, ist motiviert durch den Wunsch, „Pain“ zu vermeiden und „Happiness“ zu erlangen, was nur zwei Seiten derselben Medaille sind. „Die Natur“, sagt er uns,

hat die Menschheit unter die Herrschaft zweier souveräner Gebieter– Lust und Unlust – gestellt. Es ist an ihnen, aufzuweisen, was wir tun sollen, und zu bestimmen, was wir tun werden. Sowohl der Maßstab für richtig und falsch als auch die Kette der Ursachen und Wirkungen sind an ihrem Thron befestigt.

Eine Handlung oder Politik ist in dem Maße rational, wie sie Nutzen bringt, d.h. zum menschlichen Glück beiträgt. Das Maß für richtig und falsch ist das größte Glück der größten Zahl. Bentham konkretisierte den Begriff des Glücks anhand von vier untergeordneten Zielen: Sicherheit (vor Aggression durch andere), Existenzminimum, Überfluss und Gleichheit. Die ersten beiden Ziele sind für das Glück wichtiger als die letzteren. Die Regierung kann zwar durch das Rechtssystem Sicherheit schaffen, aber die Sicherung des Lebensunterhaltes ist die Aufgabe jedes Einzelnen. Obwohl Gleichheit psychologisch befriedigend ist, sollte sie nicht durch Maßnahmen, welche das Rechtssystem verletzen, wie z.B. Zwangsumverteilung, angestrebt werden. Bentham forderte Gleichheit vor dem Gesetz, und „die Gleichbehandlung ungleicher Personen führt zu Ungleichheit.“

Sowohl die amerikanische als auch die französische Revolution suchten in der Idee natürlicher Rechte Unterstützung für ihre Sache. Bentham hatte dafür keine Sympathie und stand der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung, weil er ihre Argumente für schlecht hielt, feindlich gegenüber. Da für Bentham die Beobachtbarkeit essentiell war, konnte sich das Recht für Bentham nur auf das beziehen, was von einer Legislative erlassen wurde, und ein Recht war dieses nur, wenn es durch ein Gesetz geschaffen wurde. Echte Gesetze und Rechte konnten somit direkt wahrgenommen werden. Ein Gesetz ist „eine Ansammlung von Worten“. Ein Naturrecht konnte nur imaginär oder höchstens ein noch nicht verbrieftes Recht sein, welches unter Berücksichtigung des Nutzens ein Recht sein sollte. Naturrechte, so sagte er in einem berühmten Satz, seien nicht nur Unsinn, sondern „Unsinn auf Stelzen“; sie seien bloße Fiktionen, „Geräusche ohne Bedeutung“, ähnlich den Fiktionen in den Werken vieler Rechtsphilosophen, die er größtenteils für schädlich hielt. Er behauptete, dass „reale Entitäten allein das Subjekt wahrer Sätze sein können“, und „von allen Beziehungen zu realen Entitäten losgelöst, hat ein Satz, der als Subjekt eine fiktive Einheit hat, weder Wahrheit noch Bedeutung.“

Freiheit ist für Bentham, wenn sie richtig verstanden wird, auch eine Fiktion, das heißt ein unbeobachtbarer abstrakter Begriff. Freiheit ist einfach die Abwesenheit von äußerem Zwang. Die Freiheit, eine bestimmte Handlung auszuführen, bedeutet, dass kein Gesetz sie verbietet und keine physische Gewalt sie verhindert. In dem Sinne räumte Bentham die Möglichkeit nützlicher Fiktionen ein – die Fiktion der Freiheit sei so eine. Sie ist für ihn jedoch nicht als Wert an sich wichtig, sondern nur insoweit sie zum Glück beiträgt, was situationsabhängig ist. Die Freiheit, die Bentham für wertvoll hielt, war nur eine Form der Sicherheit: die gesetzlich gesicherte Freiheit von den Eingriffen anderer. Diese Freiheit ermöglicht es uns, friedlich unsere eigenen Ziele zu verfolgen. Eigentum ist nur eine Form der Freiheit, nämlich die Freiheit, über einen bestimmten Gegenstand nach Belieben zu verfügen.

In seinen Diskussionen über konkrete Fragen unterstützte Bentham im Allgemeinen eine Laissez-faire-Wirtschaftspolitik, wie in seiner Verteidigung des Wuchers deutlich wird. Dort bricht er mit Adam Smith, den er ansonsten verehrte, weil Smith Regierungsmaßnahmen, um den Zinssatz niedrig zu halten, unterstützte. Neben der wirtschaftlichen Freiheit setzte sich Bentham vor allem für die intellektuelle und die Meinungsfreiheit ein. Weil der Einzelne in der Regel der beste Richter über seine Belange ist, und weil ein Freiheitsregime dem Einzelnen die größte Freiheit bietet, sollte eine freie Gesellschaft das Ziel sein. Wenn jemand hiervon Ausnahmen fordert, dann liegt die Rechtfertigungslast bei dieser Person.

Benthams hatte tiefgreifenden Einfluss auf den Liberalismus. Seine pragmatische Unterstützung für Laissez-faire ist weiterhin einflussreich, und seine utilitaristischen Kriterien zur Bewertung von Maßnahmen ist die Basis vieler zeitgenössischer Argumente für den freien Markt. Dass er die Naturrechte verachtet hat, ist jedoch Gegenstand einer Kontroverse; seine Verachtung Naturrechten gegenüber wird häufig als verantwortlich für die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates ausgemacht. Traditionelle Verfechter der Naturrechte haben Bentham beschuldigt, die Freiheit zu untergraben, da er den Gesetzgebern erlaubt, das Rechtssystem zu ändern, wann immer dies zu mehr Nutzen führen könnte – und damit die Stabilität der Rechte untergraben wird, die ja eigentlich für Bentham das Ziel des Rechts ist.

Weitere Lektüre

Bentham, Jeremy. In Defence of Usury. London: Payne & Foss, 1818
(Auf Deutsch: Verteidigung des Wuchers, aus dem Englischen, mit einer Vorbemerkung und Anmerkungen von Richard Seidenkranz, Saldenburg: Verlag Senging, 2013.)

Bentham, Jeremy. An Introduction to the Principles of Morals and Legislation. Laurence J. Lafleur, ed. New York: Hafner, 1948.
(Auf Deutsch: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung, aus dem Englischen von Irmgard Nash (I. – XVII. Kapitel) und Richard Seidenkranz (übrige Teile), Saldenburg: Verlag Senging, 2013.

Thomas Patrick Burke

Dr. Phil., Dr. Th. Thomas Patrick Burke ist Präsident des Wynnewood Institute und emeritierter Professor für Religion an der Temple University. Er studierte und promovierte an der Universität München sowie an der University of Buckingham.