Spencer, Herbert

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Von George H. Smith, mit freundlicher Genehmigung von libertarianism.org

Herbert Spencer (1820-1903) war ein Gründungsvater der modernen Soziologie, ein Pionier der Evolutionstheorie – seine Theorien wurden vor denen von Charles Darwin entwickelt -, eine wichtige Figur der modernen Bildung – sein Name schmückt immer noch das Gebäude der Fakultät Bildung der Stanford Universität – und ein Philosoph, dessen Arbeit in Ethik und Erkenntnistheorie große Anerkennung bei J. S. Mill und anderen bedeutenden Zeitgenossen erlangte. Er war außerdem ein früher Befürworter von Kinderrechten, der Gleichberechtigung der Frauen und anderer bürgerlicher Freiheiten, die inzwischen in den westlichen Demokratien breite Akzeptanz gefunden haben.

Spencer lebte in einer Zeit, die mit dem Aufstieg und Fall des politischen Liberalismus zusammenfiel – beziehungsweise dem, was heute als klassischer Liberalismus bekannt ist. Diese politische Philosophie, die große Fortschritte bei der Verwirklichung einer größeren individuellen Freiheit in Religion, Handel, Meinung und anderen Bereichen gemacht hatte, hatte während der Napoleonischen Kriege einen Rückschlag erlitten. Nach dem Ende dieses Konflikts im Jahr 1815 erlebte England eine Wiederbelebung liberaler Ideen. Der Frieden brachte nicht nur ein Wiederaufleben dieser Ansichten mit sich, sondern auch die Entwicklung der „freiwilligen Zusammenarbeit“. Einer Form der sozialen Organisation, die auf einem „Vertragsregime“ beruhte. Sie verdrängte weitgehend die „zwingender Zusammenarbeit“ beruhende soziale Organisationsform, die durch ein „Statusregime“ gekennzeichnet war.

Nun hatten sich die Dinge bis zu dem Zeitpunkt, als Spencer 1884 „The Man versus the State“ veröffentlichte, verschlechtert. Im ersten von vier Essays „The new Toryism“, bemerkte Spencer, dass „die meisten derjenigen, die sich jetzt als Liberale ausgeben, Tories eines neuen Typs sind“. Dieser neue Liberalismus hatte sein ursprüngliches zentrales Prinzip aufgegeben, das gewöhnlich „für individuelle Freiheit gegen Staatszwang“ stand. Stattdessen nahm sie das Tory-Prinzip der unbegrenzten staatlichen Autorität mit einem leichten Unterschied an: Die Tories hatten vor der Glorious Revolution dem Monarchen bedingungslose Autorität verliehen. Eine Theorie, die der Whig-Doktrin der bedingten Autorität entgegenstand. Der moderne Liberalismus hingegen, der auf der Welle der demokratischen Gefühle ritt, wollte dem „Volk“ bedingungslose Autorität verleihen. Spencer betrachtete dies als eine Unterscheidung ohne wesentlichen Unterschied: „Die eigentliche Frage ist, ob das Leben der Bürger mehr gestört wird als zuvor; nicht die Art der Behörde, die sie stört.“ Eine Person wird nicht weniger gezwungen und ihre Rechte nicht weniger verletzt, nur weil ungerechte Einschränkungen ihrer Freiheiten von einer Mehrheit und nicht von einem einzigen Herrscher auferlegt werden.

Spencer nannte mehrere Gründe für die Transformation der Philosophie der individuellen Freiheit in eine neue Art von Etatismus. Der aus philosophischer Sicht interessanteste dieser Gründe ist einer, vor dem er bereits Jahrzehnte zuvor gewarnt hatte. In seinen 20ern veröffentlichte Spencer eine Serie von zwölf Briefen (1842-1843) in Edward Mialls Zeitschrift „The Nonconformist“. Unter dem gemeinsamen Titel „The Proper Sphere of Government“ widmen sich diese Artikel einem zentralen Problem der politischen Philosophie: „Gibt es eine Grenze für die Einmischung der Regierung? Und wenn ja, was ist diese Grenze?“

Spencer antwortete mit der klassischen Doktrin nach John Locke, dass der grundlegende Zweck der Regierung darin bestehe, „die natürlichen Rechte des Menschen zu verteidigen – Person und Eigentum zu schützen – die Aggressionen der Mächtigen gegen die Schwachen zu verhindern – kurz gesagt, Gerechtigkeit auszuüben“. Er kontrastiert diese Auffassung mit dem allgemeinen Glauben, dass der Zweck der Regierung darin besteht, das „Allgemeinwohl“ zu fördern. Dem „Allgemeinwohl“, so Spencer, fehle eine genaue Bedeutung, so dass es nicht als Standard oder Kriterium für die Gesetzgebung dienen könne. Die Unbestimmtheit des Wortes gibt der Regierung einen Freifahrtsschein zur Macht. Wurde nicht jedes noch so tyrannische Gesetz durch die Berufung auf das Allgemeinwohl gerechtfertigt? Spencer kam zu dem Schluss, dass das „Allgemeinwohl“ nicht dazu dienen kann, die Pflichten der Regierung zu definieren, denn der Zweck einer jeden Definition ist es, „die Grenzen der definierten Sache zu markieren“ und „das kann keine Definition der Pflicht einer Regierung sein, wo es ihr erlaubt ist, alles zu tun“.

Spencer erweiterte dieses Thema in seinem ersten Buch „Social Statics“ (1851). Hier konzentriert er seine Kritik auf den von Jeremy Bentham und seinen Anhängern verteidigten Utilitarismus. Dort erklärte Bentham, dass eine Regierung das größte Glück für die meisten Menschen fördern sollte. Spencer stellte fest, dass die Bedeutungen des Glücks „unendlich variabel“ sind, so dass das Prinzip des Nutzens, obwohl es als allgemeine Formulierung des Zwecks der Regierung dienen kann, nicht als determinierender Standard der Gesetzgebung dienen kann. Ein Appell an den sozialen Nutzen sagt uns nicht, welche Maßnahmen eine Regierung ergreifen sollte und welche nicht. Daher liefern die Lehren der Zweckmäßigkeit – ob nun in Form von Nützlichkeit oder allgemeinem Gut ausgedrückt – „nicht eine einzige Anweisung mit praktischem Charakter. Lasst nur die Herrscher denken oder vorgeben zu denken, dass ihre Maßnahmen der Gemeinschaft zugutekommen werden, und eure Philosophie steht stumm vor der größten Torheit oder dem schwärzesten Fehlverhalten.“ Sein Buch „Social Statics“ enthielt Spencers erste ausführliche Begründung seines berühmten „Gesetzes der gleichen Freiheit„, wonach „jeder Mensch die größtmögliche Freiheit in Anspruch nehmen kann, seine Fähigkeiten auszuüben, die mit dem Besitz der gleichen Freiheit durch jeden anderen Menschen vereinbar sind“. Der junge Spencer, der in einer Tradition des „Protestant Dissent aufgewachsen war, den er einst als „Ausdruck des Antagonismus gegen willkürliche Kontrolle“ bezeichnete, begründete dieses Prinzip mit einer göttlich festgelegten Pflicht, das Glück zu verfolgen, was wiederum die Freiheit voraussetzt, seine Fähigkeiten nach eigenen Urteilen auszuüben. Er verteidigte weiterhin eine Version der Theorie des moralischen Verstands, die von Francis Hutcheson und anderen Persönlichkeiten der schottischen Aufklärung entwickelt wurde.

Spencer gab später diese Lehren auf und ersetzte sie durch eine ethische Theorie, die durchweg positivistisch und stärker auf seine Evolutionstheorie abgestimmt war. Die „Festlegung von Regeln des Rechtsverhaltens auf wissenschaftlicher Basis ist ein dringendes Bedürfnis“, schrieb Spencer 1879, und er veröffentlichte seine zweibändigen „Principles of Ethics“, um diesem Bedürfnis gerecht zu werden. Diese Bände bilden den Abschluss seiner umfangreichen „Synthetic Philosophy“, ein Projekt, das 38 Jahre dauerte. Spencers Bemühungen, moralische Regeln, einschließlich des Gesetzes der gleichen Freiheit, aus den „Gesetzen des Lebens“ abzuleiten und dadurch „Ergebnisse zu erzielen, die genauso folgerichtig sind wie die Flugbahn eines Kanonenschusses aus den Gesetzen der Bewegung und des Luftwiderstands“, rief gemischte Reaktion hervor. Einige Kritiker, darunter auch diejenigen, die Spencers Ideen ansonsten unterstützten, kritisierten diesen wissenschaftlichen Ansatz der Ethik, weil er die frühere humanistische Tradition der Naturrechte untergraben habe. Wie auch immer man Spencers „wissenschaftliches“ Ethiksystem bewerten mag, es kann keinen Zweifel daran geben, dass es später diskreditiert wurde, als die seinen Überlegungen zugrunde liegende Evolutionstheorie von Lamarck in Ungnade fiel.

Spencers soziologische Erkenntnisse sollten sicherlich spätere libertäre Denker wie Albert J. Nock mehr beeinflussen als seine ethischen Theorien. In „The Study of Sociology“ verwies Spencer auf Fälle kurzsichtigen politischen Denkens von Personen, die nur ein rudimentäres Verständnis für soziale Ursachen haben und dementsprechend vereinfachte politische Lösungen für komplexe soziale Probleme vorschlagen. Viele Menschen wüssten seiner Beobachtung nach nichts von physikalischen Kausalitäten, so dass es vielleicht keine Überraschung sei, dass viele noch weniger von sozialer Kausalität verstünden, „die so viel subtiler und komplexer ist“. Wo es wenig oder gar keine Wertschätzung der sozialen Kausalität gibt, gedeiht der „politische Aberglaube“. Zu diesen falschen Vorstellungen gehört der Glaube, dass die Regierung wirksamer sei als eine „zufällige Gruppe von Bürgern, die vom Rest der Bürger unterstützt wird“. Darüber hinaus ist der „gewöhnliche politische Akteur überzeugt, dass aus einem legislativen Apparat, der richtig und mit der gebotenen Geschicklichkeit konzipiert wurde, ein vorteilhaftes staatliches Handeln ohne nachteilige Reaktion entstehen kann“.

Neben seinen anderen Beiträgen zur liberalen Theorie, wie seiner detaillierten Typologie der militanten und industriellen Formen der sozialen Organisation, leistete Spencer zukunftsträchtige Beiträge zur Theorie der spontanen Ordnung. In „The Principles of Sociology“ verglich Spencer die soziale Entwicklung mit einem „rollenden Schneeball oder einem sich ausbreitenden Feuer“, wo es „zusammengesetzte Ansammlungen und Beschleunigung“ gibt. Ein komplexes soziales Netzwerk entwickelt sich wie in einer Marktwirtschaft, die so voneinander abhängig ist, dass jede signifikante Veränderung in einer Aktivität „nachhallende Veränderungen in allen anderen mit sich bringt“. Die Gesellschaft ist mit anderen Worten eine ungeplante spontane Ordnung, eine, die eher „wächst“ als „gemacht“ ist. Eine wichtige Funktion der Soziologie – die in Spencers Konzeption auch die Ökonomie umfasste – besteht darin, die Entwicklung dieser Ordnung zu erklären, die das Ergebnis menschlichen Handelns ist, aber nicht menschlicher Planung. Wegen dieser Schwierigkeit der Aufgabe hielt Spencer das Vorhaben aller Sozialplaner für abwegig: „Eine Fliege, die auf der Oberfläche des Körpers sitzt, hat ungefähr so eine gute Vorstellung von ihrer inneren Struktur wie einer der Intriganten von der sozialen Organisation, in die er eingebettet ist.“

George H. Smith

George H. Smith ist Autor und ehemaliger Senior Research Fellow am Institute for Humane Studies. Sein Forschungsschwerpunkt ist politische Philosophie und amerikanische Geschichte.