Globalisierung

NASA Goddard Space Flight Center on Flickr (CC BY 2.0)

Von Johan Norberg

Globalisierung ist der Begriff zur Beschreibung des Zustands, wenn Kommunikation, Menschen, Waren, Dienstleistungen und Kapital immer freier über Grenzen hinwegbewegt werden können. Häufig ist die Globalisierung das Ergebnis einer technologischen Verbesserung, die die Kommunikation und den Verkehr erleichtert, oder einer wirtschaftlichen Liberalisierung, die den Menschen die Freiheit gibt, diese Möglichkeiten zu nutzen. Globalisierung ist das wichtigste internationale Phänomen des frühen 21. Jahrhunderts, das fast alle Aspekte des Lebens, der Politik und der Wirtschaft beeinflusst.

Liberale haben die Globalisierung wegen ihrer befreienden Auswirkungen auf das Leben der Menschen traditionell befürwortet. Die Globalisierung ist eine internationale Erweiterung der freien Märkte und der offenen Gesellschaften. Es ist buchstäblich Kapitalismus ohne Grenzen. In geschlossenen Gesellschaften sind die Menschen auf das beschränkt, was vor Ort entwickelt wird; sie kaufen lokal hergestellte Produkte von einem lokalen Lieferanten, sie arbeiten für lokale Arbeitgeber und sie müssen Geld von der lokalen Bank leihen. Die Globalisierung erlaubt es uns, mit jedem zu interagieren, Geschäfte zu treiben, zusammenzuarbeiten oder Geld zu leihen, mit dem wir es möchten. Diese größeren Horizonte ermöglichen den Menschen sowohl die Freiheit, nach Alternativen zu suchen als auch die Möglichkeit, ihre eigenen Bedingungen für die Zusammenarbeit mit anderen festzulegen.

Die Globalisierung befördert auch das materielle Wachstum. Wenn die Verbraucher in der Lage sind, Alternativen zu wählen, sind die heimischen Unternehmen dem Wettbewerb durch die weltweit effizientesten Konkurrenten ausgesetzt. Dies wiederum zwingt sie, nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Produkte und Dienstleistungen besser und billiger zu machen. Es bedeutet ebenfalls, dass jedes Unternehmen und jede Nation in der Lage ist, sich darauf zu spezialisieren, was sie am besten können sowie Waren aus den Ländern zu importieren, in denen diese billiger produziert werden. Dadurch steigt die gesamte Weltproduktion. Die Folge dieses Fortschritts ist, dass Ideen und Technologien leicht über Grenzen hinweg transferiert werden können und das Kapital frei an den Orten mit den vielversprechendsten Ideen und Innovationen eingesetzt werden kann.

Die Globalisierung ist besonders wichtig für arme Länder. In einer offenen Welt können sie technische und wirtschaftliche Lösungen einsetzen, für deren Entwicklung reichere Länder Generationen und Milliarden von Dollar benötigt haben. Sie können Investitionen aus reicheren Ländern erhalten und Waren auf finanzkräftigeren Märkten verkaufen. Diese Fähigkeit des Überspringens industrieller Entwicklungsschritte erklärt, warum Länder mit offenen, rechtsstaatlichen Volkswirtschaften schneller gewachsen sind, als es der Wohlstand in der übrigen Welt getan hat. Ab 1780 brauchte England 60 Jahre, um sein Volkseinkommen zu verdoppeln. In nur 40 Jahren gelang es Schweden nach 1880 jedoch, die gleiche Leistung zu vollbringen. Noch 100 Jahre später brauchten Taiwan und Südkorea nur 10 Jahre, um dasselbe zu tun.

Man kann durchaus argumentieren, dass der klassische Liberalismus als politische Bewegung in der Kampagne für den Freihandel im 19. Jahrhundert geboren wurde. Die Liberalen sahen dies als eine Möglichkeit, internationalen Frieden, individuelle Freiheit und materielles Wachstum zu fördern. Mitte des 19. Jahrhunderts konnte der Liberalismus fast ganz Europa zu einer Freihandelszone zusammenführen, die von der Freizügigkeit für Kapital, Waren und Personen geprägt war. Der Erfolg des Liberalismus in diesem Bereich beschleunigte die industrielle Revolution und führte zu einer wirtschaftlichen Konvergenz zwischen den europäischen Nationen. Diese erste Ära der Globalisierung war insofern nicht abgeschlossen, als dass der größte Teil der Welt durch Kolonialisierung in monopolistische Handelsbeziehungen gezwungen wurde. Leider endete diese Phase des Freihandels unter dem Druck von zunehmendem Nationalismus und Protektionismus, der die Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg begleitete. Der Krieg führte dann logischerweise zur Rückkehr starker protektionistischer Barrieren zwischen den Nationen.

Erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Globalisierung wieder in Gang. Handelsbarrieren zwischen den wichtigsten Handelsländern wurden abgebaut. Technologische Durchbrüche in der Verkehrs- und Computertechnologie, kombiniert mit liberalen Reformen in den meisten Ländern während der 1980er und 1990er Jahren, ermöglichten dem Einzelnen mehr Freiheit beim Reisen, Handeln und Investieren über Grenzen hinweg. Mit dem Fall des Kommunismus Ende der 80er Jahre könnte man wieder von einer globalisierten Welt sprechen, besonders seit Entwicklungsländer wie China und Indien ebenfalls begonnen haben, sich für den Weltmarkt zu öffnen.

Liberale streiten sich bisweilen über die Rolle regionaler Handelsabkommen wie des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) und über Institutionen wie die Welthandelsorganisation (WTO), die den Freihandel durch multilaterale Verhandlungen und ein System von Regeln bezüglich des Einsatzes von Handelsbarrieren fördern. Die diesen Organisationen zugrundeliegenden Vereinbarungen folgen einer seltsamen Logik. Die Nationen stimmen zwar zu, ihren Bürgern die Freiheit zu geben, ausländische Produkte zu kaufen. Allerdings nur unter der Bedingung, dass die anderen Länder diese Freiheiten ebenfalls gewähren. Diese bilateralen Abkommen könnten jedoch die einzige praktikable Methode zur Liberalisierung des Handels in einer Welt illiberaler Regierungen sein, in der sich einflussreiche Sonderinteressen gegen Importe wehren. Das gilt insbesondere dort, wo protektionistische Ansichten vorherrschen und wo viele Wähler die bereits beschlossenen liberalisierten Regeln aufheben wollen. Die wichtigsten Handelsreformen der letzten Jahrzehnte sind jedoch einseitig von solchen Ländern durchgeführt worden, die gesehen haben, dass das Abbauen der Handelshemmnisse in ihrem besten Interesse liegt, unabhängig davon, was andere Länder tun.

Heute leben etwa 3 Milliarden Menschen in Ländern, die als Teil der globalisierten Weltwirtschaft gelten können. Diese Länder haben Wachstumsraten von etwa fünf Prozent, was bedeutet, dass sich ihr Pro-Kopf-Einkommen alle 15 Jahre verdoppelt. Die reichen Länder weisen Wachstumsraten von etwa zwei Prozent pro Kopf auf, was ein weiterer Beweis für die Konvergenz des Wohlstands zwischen den Nationen ist. Schätzungen zufolge wurde seit Anfang der 80er Jahre die Armut in den Entwicklungsländern halbiert, die Kinderarbeit fast halbiert und der chronische Hunger um 40 Prozent reduziert. Diese Verbesserungen sind besonders ausgeprägt in Ländern, die ihre Wirtschaft für die Kräfte des Weltmarkts geöffnet haben.

Trotz dieser klaren Anzeichen für die wirtschaftliche Verbesserung infolge eines freieren Handels entstand Ende der 90er Jahre eine starke Antiglobalisierungsbewegung. Diese vermochte es, mehrere Massenproteste zu inszenieren, die international große Aufmerksamkeit erlangt haben. Derzeit setzen sich Tausende von einflussreichen Organisationen und Interessengruppen auf der ganzen Welt weiterhin gegen verschiedene Aspekte der Globalisierung ein. Diese Gruppen sind nicht homogen und einige haben sogar gegensätzliche Ansichten. Einige der Globalisierungsgegner sind protektionistische Unternehmen und Gewerkschaften, die arme Länder daran hindern wollen, mit einheimischen Herstellern konkurrierende Waren zu exportieren. Andere Gruppen wollen reichere Länder daran hindern, ihre Waren zu exportieren, was die Verbraucher zwingt, höherpreisige lokale Produkte zu konsumieren. Darüber hinaus wollen Nationalisten und Konsumkritiker den Rest der Welt ausschließen, und einige utopische Sozialisten träumen von einer Weltregierung, die die Kontrolle über alle Marktkräfte übernehmen wird. Gemein haben sie den Widerstand gegen die Globalisierung, die oft als „neoliberale Globalisierung“ oder „unternehmerische Globalisierung“ bezeichnet wird. Dies zeigt, dass ihre eigentliche Feindseligkeit nicht auf die Globalisierung als solche, sondern auf freie Märkte gerichtet ist.

Diese Gruppen bringen die gleiche Feindseligkeit gegen Wettbewerb und freie Marktwirtschaft zum Ausdruck, die sich seit der industriellen Revolution in den Debatten über den freien Handel im Inland gezeigt hat. Viele Globalisierungsgegner beklagen sich jedoch ebenfalls darüber, dass eine Liberalisierung des Handels Einzelpersonen und Unternehmen dazu ermächtigt, sich den staatlichen Regeln und Vorschriften zu entziehen. So zum Beispiel durch die Wahl des Standorts ihrer Aktivitäten und ihres Unternehmenssitzes oder der Art ihrer Investitionen. Viele Politiker und internationale politische Institutionen wie die Vereinten Nationen, die Europäische Union und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung betrachten die Globalisierung als Bedrohung für die politische Kontrolle. Sie haben oft versucht, die globalisierte Wirtschaft durch Harmonisierung der Innenpolitik (z.B. im Bereich der Steuern) und der Marktregulierung zu verwalten. Dieser Versuch, die politische Kontrolle zu internationalisieren, wird oft als „politische Globalisierung“ bezeichnet, ist aber in Wirklichkeit eine Bewegung, die der spontanen Globalisierung entgegenwirkt, die auf freiwilligen Entscheidungen von Einzelpersonen und Unternehmen basiert.

In vielerlei Hinsicht ist die Gesellschaft, in der wir leben, stärker denn je globalisiert. Es bleibt jedoch noch viel zu tun. In den Entwicklungsländern macht es das Fehlen von Rechtsstaatlichkeit und Eigentumsrechten der Mehrheit unmöglich, an großen wirtschaftlichen Aktivitäten teilzunehmen. Selbst die Politik in den reicheren Ländern ist bei weitem nicht ideal. Agrarprotektionismus und Subventionen in Höhe von mehreren Milliarden Dollar machen es den armen Ländern unmöglich, ihre Waren zu exportieren und ihre Landwirtschaft zu entwickeln. Nationale staatliche Monopole im Gesundheitswesen und in der Bildung verhindern den internationalen Wettbewerb und die Wahlfreiheit in diesen Bereichen. Schließlich, obwohl Waren und Kapital ziemlich frei über die Grenzen hinweg fließen könnten, ist die Einschränkung des Personenverkehrs noch immer weit verbreitet.

Johan Norberg

Johan Norberg ist Dozent, Dokumentarfilmer und Autor mehrerer Bücher, darunter der Bestseller "Das kapitalistische Manifest".