Camus, Albert

Robert Edwards from Wikimedia Commons (CC BY-Sa 3.0)

Von Alexander Albrecht.

Der französische Schriftsteller und Philosoph Albert Camus (geboren 1913 im französischen Algerien, gestorben 1960 in Frankreich) zählt zweifelsohne zu den schillerndsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. In seinen zahlreichen Romanen, Essays und Artikeln entwickelte er aus der Betrachtung grundlegender metaphysischer Probleme seine Philosophie des Absurdismus, und erkannte in individueller Freiheit die Grundvorrausetzung zur Führung eines glücklichen Lebens.

Biographie

Camus wuchs in einfachen Verhältnissen im französischen Algerien als Sohn eines Weinbauers auf. Seine Intelligenz ermöglichte ihm jedoch den Besuch des Gymnasiums. Anschließend studierte er in Algerien Philosophie, wo er sich in seiner bewegten Studienzeit der kommunistischen Partei anschloss und aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung seine Abschlussprüfung nicht absolvieren konnte. In Folge dessen begann Camus mit dem Schreiben und publizierte seine ersten Romane. Während des zweiten Weltkriegs arbeitete er als Redakteur für verschiedene Zeitungen in Frankreich und schloss sich in Paris dem französischen Widerstand an. Für sein publizistisches Gesamtwerk erhielt er 1957 den Literaturnobelpreis. 3 Jahre später starb an er in einem Autounfall in Villeblevin, Frankreich. Seine wichtigsten Werke sind „Der Fremde“, „Die Pest“ „Der Mensch in der Revolte“ und „Der Mythos des Sisyphos“.

Philosophie

Oberflächlich betrachtet könnte man die Philosophie des Absurden fälschlicherweise als pessimistisch charakterisieren. Die primäre Frage der Philosophie betrifft nach Camus nämlich nicht Themen wie Gerechtigkeit, Freiheit oder Liebe, sondern Suizid und den Sinn des Lebens.

Die Beantwortung der Frage nach dem Sinn des Lebens erfolgt bei Camus über die Suizidfrage und die daraus resultierende Realisierung des Absurden. Die Absurdität des Lebens manifestiert sich in dem Fehlen eines intrinsischen, prädeterminierten geteilten Lebenssinns. Dieses Axiom seiner philosophischen Theorie beschreibt Camus als „das Absurde“ – Das Spannungsfeld zwischen bewussten, sinnsuchenden Subjekten und einer sinnlosen Welt. Früher oder später beginnt das Individuum sich mit seinem Dasein in der Welt auseinanderzusetzen und dieses Spannungsfeld zu realisieren:

„Aufstehen, Straßenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Straßenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rhythmus – das ist meist ein bequemer Weg. Eines Tages aber erhebt sich das ‚Warum‘, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an“
(Camus, Der Mythos des Sisyphos)

Die Realisierung des Absurden stellt das Individuum vor die Wahl: Akzeptanz seiner Existenz oder Flucht vor dem Dasein in einer sinnlosen Welt durch Suizid? Der Suizid meint bei Camus sowohl den philosophischen Suizid als auch den Akt der physischen Selbsttötung. Philosophischer Suizid beschreibt hierbei die Flucht in eine transzendente, allumgreifende menschliche Vernunft, welche er beispielsweise anderen Philosophen wie Kierkegaard oder Nietzsche vorwirft. Beide Akte stellen für Camus jedoch eine Kapitulation des Menschen vor dem Absurden dar. Stattdessen sollte der Mensch nach dem Erkennen des Absurden sich in einen Prozess der Auflehnung gegen die Sinnlosigkeit der Welt, die Revolte, begeben. Dabei erkennt er, dass sich auch seine Mitmenschen mit dieser existentiellen Frage konfrontiert sehen und entdeckt die Tugend der menschlichen Solidarität und die Verbindung zu seinen Mitmenschen. Innerhalb der Revolte realisiert der Mensch, dass sich durch die Verfolgung von persönlichen Interessen auch Freude in einer sinnlosen Welt, ohne transzendental ordnende Kraft, finden lässt. Der Absurdismus nach Camus ist somit keine pessimistische Philosophie, sondern vielmehr eine lebensbejahende Aufforderung an den Menschen, selbst seines Glückes Schmied zu werden.

Die signifikante Differenz zwischen dem Absurdismus und dem Existenzialismus ist, dass Camus das existenzialistische Paradigma der Existenz, welche der Essenz vorausgeht, im engen Sinne ablehnt. – Die Menschen besitzen stattdessen eine geteilten Wert der Würde, welcher sich in der menschlichen Solidarität wiederspiegelt und das Individuum als brüderlichen Menschen entwirft. Trotz anderer großer inhaltlicher Überschneidungen hatte sich Camus unter anderem auch deswegen zeitlebens gewehrt, als Existenzialist bezeichnet zu werden.

Allerdings hebt Camus auch in besonderer Weise hervor, dass „der Mensch in der Revolte“ anfällig für gleichgültiges Handeln, Nihilismus und simple Ideologien ist. In einem Briefwechsel mit einem deutschen Freund, welcher im Verlaufe des NS- Regimes in Deutschland ein glühender Nationalsozialist geworden war, stellt er beispielsweise fest, dass seine philosophische Grundannahme des Fehlens eines intrinsischen Sinnes des Lebens von den Nazis geteilt wird. Die Nazis manifestieren auf dieser Grundlage jedoch eine inhumane Ideologie, welche moralische Maßstäbe wie Gut und Böse als arbiträr definiert. Ein solcher Nihilismus führt laut Camus zur Selbstverwerfung des Menschen und entzieht ihm die Grundlage für ein glückliches und freies Leben.

Kurz: Der Mensch rebelliert gegen die Sinnlosigkeit der Welt, indem er seinen eigenen Sinn im Leben kreiert.

Beiträge zur Freiheit

Es mag auf den ersten Blick verwunderlich erscheinen, dass ein ehemaliges Mitglied der kommunistischen Partei wichtige Beiträge zur Freiheit geliefert hat. Der Wertekompass von Camus ist jedoch zutiefst von freiheitlichen Werten geprägt.

Anti-Autoritarismus

Die zeitlebens linke Haltung Camus‘ resultierte stark aus einem Anti-Autoritarismus. Im Gegensatz zu vielen anderen linken Intellektuellen verachtete Camus den nach dem 2. Weltkrieg als Gegenmodell zum Kapitalismus angepriesenen autoritären Sozialismus und sah in den Einschränkung persönlicher Freiheiten nur einen Vorboten des Totalitarismus. Mit seinem ehemaligen politischen Weggefährten Jean-Paul Sartre stritt er häufig über dieses Thema. Während Sartre die sowjetischen Zwangslager zwar als nicht wünschenswert, aber unabwendbar im hegelianischen Sinne der dialektischen Geschichte beschreibt, konstatiert Camus, dass die Sowjetunion ihre jetzige Freiheit opfert, um einem Ideal in der Zukunft nachzujagen. Hierbei betonte er auch seine allgemeine Abneigung gegenüber dem „der Zweck heiligt die Mittel“-Narrativ. Zusammenfassend stellt er nüchtern fest: „Keines der Probleme, die Totalitarismus verspricht zu heilen, ist schlimmer als der Totalitarismus.“

Individualismus

Camus‘ Plädoyer für einen politischen Individualismus basiert auf seiner Philosophie des Absurden. Die freie Gestaltung von Lebensentwürfen ist die Basis für individuelle Sinnfindung und somit die notwendige Bedingung für ein glückliches Leben. Deshalb kämpfte Camus insbesondere für Erhalt und Ausweitung der Kunstfreiheit, welche für ihn persönlich die politische Grundlage einer sinnvollen Lebensgestaltung war: „Ohne Freiheit, keine Kunst; Kunst lebt nur von den Restriktionen, die sie sich selbst auferlegt, und stirbt von allen anderen.“ Camus setzte sich aber nicht nur für seine eigene Freiheit ein, sondern unterstützte auch die Rechte der indigenen Araber im französischen Algerien.

Zusammenfassung

Freiheit ist für Camus nicht metaphysisch in der menschlichen Natur zu verorten, sondern vielmehr der einzige Weg, in einer ungleichen Welt ein glückliches Leben zu führen. Hierbei betont er im besonderen Maße die Unvollkommenheit der Menschen, absolute metaphysische Wahrheiten zu ergründen; vielmehr liegt es am Menschen selbst, nach seinen Vorstellungen Sinn im Leben zu finden. In der von Unruhen geprägten Zeit nach dem zweiten Weltkrieg widerstand er den Verlockungen des Autoritarismus und appellierte an die individuelle Verantwortung des Menschen, sich nicht von einfachen Ideologien und Dogmen locken zu lassen. Die Realisierung von eigenen Lebensentwürfen ist für ihn nur im Rahmen von gesellschaftlicher Freiheit möglich.

Weiterführende Literatur

Camus, Albert, Der Mensch in der Revolte. Essays. Reinbek 1969.

Camus, Albert, Der Mythos des Sisyphos. Reinbek 2000.

Camus, Albert, Der Fremde. Reinbek 2006.

Camus, Albert, Libertäre Schriften (1948–1960). Eingeleitet, kommentiert und übersetzt von Lou Marin. Hamburg 2013.

Onfray, Michel, Im Namen der Freiheit. Leben und Philosophie des Albert Camus. München 2013 .

Alexander Albrecht

Alexander Albrecht studiert Internationale Beziehungen und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Erfurt.